Open-Air-Konzert mit Michael Schulte

Mit Charisma und Stimme

Eigentlich wollte Michael Schulte gerade auf großer Tournee sein. Doch dann kam Corona und die Pläne wurden auf 2021 verschoben. Dafür stand der Musiker nun in Osterholz-Scharmbeck auf der Bühne.
14.08.2020, 18:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Pfeiff
Mit Charisma und Stimme

Michael Schulte ist ein weiterer Musiker, der Dank "Frischluft-Kultur" in diesem Corona-Sommer in die Kreisstadt kommt.

Christian Kosak

Osterholz-Scharmbeck. Schweißtreibende 30 Grad beträgt die Temperatur, als Michael Schulte und seine Mitmusiker Nando Schäfer und Florian Lippert betont unprätentiös die kleine Open-Air-Bühne auf dem Stadthallengelände erklimmen. Vor dieser warten bereits mehr als 250 Gäste aller Altersgruppen auf ein live-haftiges Wiedersehen mit dem charismatischen Lockenkopf, der vor zwei Jahren den vierten Platz des Eurovision Song Contests belegte und beständig an seiner Musikerkarriere feilt.

Wie auch seine Mitmusiker in schwarzem Shirt und dunklen Jeans gekleidet, eröffnet Schulte mit einem fast schüchternen „Guten Abend“ und seinem Song „Collide“, der sich an diesem Abend in der reduzierten Instrumentierung mit Gitarre, Drums und Keyboard klanglich erheblich von der mit zahlreichen Loops und elektronischen Klangspielereien auf Clubtaugleichkeit getrimmten Albumversion unterscheidet. „Wenn wir mit der gesamten Band unterwegs sind, reisen wir in einem Tross mit mehr als zehn Beteiligten – das ist in Zeiten von Corona natürlich schwierig“, erklärt Schulte fast ein wenig entschuldigend. Auch sonst erweckt er anfangs zunächst den Eindruck, sich daran, seinen Zuhörern wieder so direkt, wie es die aktuellen Verordnungen eben gestatten, gegenüber zu sehen, ein wenig gewöhnen muss.

Sympathischer Typ von nebenan

An die instrumental reduzierten Varianten seiner Songs dürfte sich Schulte gewöhnt haben. Schließlich gibt er seine Konzerte, die er seit Mai vornehmlich in Autokinos absolvierte, stets in der auch diesmal zu sehenden Triobesetzung. Dennoch dauert es noch etwa drei weitere Songs, bis Schulte einen Draht zu seinen paarweise und in gebotenem Sicherheitsabstand vor der Bühne sitzenden Zuhörern gefunden hat. „Ich wollte schon lange in Osterholz-Scharmbeck spielen, das hatte ich auf meiner To-Do-Liste“, verrät er und erntet dafür aus den Publikumsreihen ebenso wohlwollendes wie selbstironisches Gelächter. „Das meine ich ganz ehrlich“, fügt Schulte mit einem breiten Grinsen hinzu – und endlich ist das Eis gebrochen, die atmosphärische Distanz zwischen Künstlern und Publikum trotz der räumlichen Gegebenheiten überwunden.

Wie von ihm gewohnt, verzichtet Schulte auf jeglichen Rockstar-Habitus und präsentiert sich betont als sympathischer Typ von nebenan, der eben mit einer Ausnahmestimme gesegnet ist und es versteht, ebenso eingängige wie gefällige Songs für ein breit gefächertes Publikum zu schreiben. Dass das klappt, zeigt die bunte Zusammensetzung des Kreisstadt-Publikums.

Die reduzierte Instrumentierung offenbart indes auch die strukturelle Gleichförmigkeit – böse Zungen bezeichnen es gar als Eintönigkeit – seiner Songs, zumal sich sowohl Lippert als auch Schulte betont um songdienliches Spiel bemühen und sich jegliche Soloeskapaden an ihren Instrumenten verkneifen.

Neben vereinzelten spielerischen Akzenten des Schlagzeugers Nando Schäfer liegt der Fokus also deutlich auf Schultes Stimme, mit der er seine Zuhörer auch in Osterholz-Scharmbeck in den Bann zu ziehen weiß. Das verraten die mit fortschreitender Spieldauer immer euphorischer ausfallenden Reaktionen.

Zwei Zugaben am Ende

Obwohl er zugibt, dieses Themas selbst schon überdrüssig zu sein, ist Corona und dessen Auswirkungen auf das eigene Musikerleben ein omnipräsentes Thema in Schultes Bühnenansagen und die Enttäuschung darüber, eine für den März geplante Tournee zunächst in den September, dann schließlich ins kommende Jahr verlegen zu müssen, durchaus vernehmbar. „Vielleicht blicken wir ja in ein paar Jahren auf diese Zeit zurück und stellen fest, dass ein paar Monate Entschleunigung auch ihr Gutes hatten“, zeigt sich Schulte optimistisch, bevor er mit seinen Musikern nach zwei Zugaben und rund 90 Minuten Spielzeit die Bühne verlässt.

Vorher leistet der Sänger sich noch einen kleinen Lapsus, indem er die Stadt, in der er gerade gastiert, dem falschen Bundesland zuordnet. „Seid Ihr Euch wirklich sicher, dass wir hier in Niedersachsen sind? Gefühlt war ich doch gerade eben erst noch in Bremen“, zeigt sich der Songwriter zwar etwas peinlich berührt, versprüht daraufhin jedoch jede Menge Selbstironie: „Singen kann er, aber mit allem anderen ist es nicht so weit her.“ Das Publikum nimmt es mit Humor, zumal der charismatische Sänger, dessen charakteristischer Lockenkopf hitzebedingt noch etwas voluminöser als üblich wirkt, seine Songs wie beispielsweise das nur mit seiner Akustikgitarre begleitete „Holding back the fire“, seinen ESC-Beitrag „You let me walk alone“ oder die aktuelle Single „One more second“, die laut Schulte in Osterholz-Scharmbeck sogar ihre „Bühnen-Weltpremiere“ erfährt, in gewohnt ausdrucksstarker Manier zum Besten gibt.

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