Ausstellung im Rathaus Gefaltete Kraniche für den Frieden

Die Initiativ-Gruppe Mayors for Peace in Osterholz-Scharmbeck präsentiert eine Ausstellung im Foyer des Rathauses über die Folgen von Atomwaffeneinsätzen.
28.01.2022, 10:00
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Von Christa Neckermann

Osterholz-Scharmbeck. Elke Lies deutet auf eine leere Stelle zwischen zwei großen Ausstellungstafeln und bestimmt: „Hier hängen wir noch ein paar Kraniche hin.“ Auf den insgesamt zwölf großen Korktafeln, die noch bis zum 10. Februar im Foyer des Osterholz-Scharmbecker Rathauses zu sehen sein werden, haben Elke Lies, Eckhard Schlöbcke und Anke Beyer auszugsweise die Geschichte von Sadako Sasaki wiedergegeben. Das Mädchen, durch die Origami-Kraniche zu einem Symbol der internationalen Friedensbewegung und des Widerstands gegen den Atomkrieg wurden.

„Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, wieder an das Schicksal von Sadako Sasaki zu erinnern“, sagt Eckhard Schlöbcke. „Denn der 22. Januar 2021 war der Tag, an dem der Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft trat“. Und Sadako Sasaki ist eines der bekanntesten Atomwaffenopfer weltweit.

59 Unterzeichner

Bei dem 2021 in Kraft getretenen Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) handelt es sich um eine internationale Vereinbarung, die Entwicklung, Produktion, Test, Erwerb, Lagerung, Transport, Stationierung und Einsatz von Kernwaffen und die Drohung mit ihrem Einsatz verbietet. Genauso wie unterzeichnende Staaten die Stationierung von Atomwaffen auf eigenem Boden verbieten. Damit der AVV in Krat treten konnte, mussten mindestens 50 der etwa 194 Staaten weltweit den Vertrag ratifizieren. Das konnten sie seit dem 20. September 2017. Und 90 Tage nach der 50. Ratifizierung trat der Vertrag schließlich in Kraft, erklärte Schlöbcke. „Inzwischen haben 59 Staaten den AVV ratifiziert – Deutschland ist allerdings nicht darunter“, bedauert er.

Um vielleicht diesbezüglich einen Sinneswandel herbeizuführen, erinnert die Initiative „Mayors for Peace“ (Bürgermeister für den Frieden), der auch Osterholz-Scharmbeck seit Ende 2020 angehört, nun an die japanische Schülerin Sadako Sasaki. Geboren am 7. Januar 1943 in Hiroshima, war sie zweieinhalb Jahre alt, als am 6. August 1945 die Bomben auf ihre Heimatstadt fielen. Sadako überlebte den Bombenabwurf und wuchs zunächst als scheinbar gesundes, sportliches Mädchen heran. Am 10. Januar 1955 wurde bei ihr jedoch Leukämie festgestellt. Ein Krebs, der bei den Überlebenden des Atombombenabwurfs häufig diagnostiziert wurde. Sadako wollte sich jedoch nicht so einfach ihrem Schicksal ergeben.

In nüchternen Worten

„Die Ausstellung, die hier im Rathaus gezeigt wird, wurde aus einer Veröffentlichung der Stadt Hiroshima und des dortigen Friedens-Gedenk-Museums zusammengestellt“, erläutert Eckhard Schlöbcke. Die Übersetzung der Texte aus dem Japanischen übernahm Mariko Reineke-Kriete. In nüchternen Worten erfahren die Besucher die Auswirkungen der Bombenabwürfe über Hiroshima – die Hitzestrahlung, die Druckwelle und die radioaktive Strahlung. Auch die Schicksale anderer Schulkinder werden auf den Tafeln angerissen, so das des 13-jährigen Shigeru Orimen, der mit 13 Jahren die 1. Klasse der Junior-Highschool besuchte. Nach der Bombenexplosion wird er unter einem einstürzenden Gebäude begraben, in der Hand immer noch seine Brotdose, in der er Reis und die ersten selbstgeernteten Sojabohnen aus dem eigenen Garten als Schulspeise mitgenommen hatte. Seine Mutter findet ihn, nachdem sie einen Tag lang nach ihm gesucht hatte. Noch immer hielt er seine Brotdose fest umklammert – der Inhalt war vollständig verkohlt.

Für die Überlebende Sadako vergehen die ersten sechs Schuljahre indessen glücklich. Sie wird nach der sechsten Klasse zur Junior Highschool zugelassen, kann aber nie am Unterricht teilnehmen, denn inzwischen haben sich an ihrem Hals und hinter den Ohren Knoten gebildet, die als Blutkrebs diagnostiziert werden.

Japanische Legende

Die Schulkameraden versuchen, Sadako aufzuheitern. Schülerinnen einer Highschool in Nagoya kamen auf die Idee, den Kindern im Krankenhaus bunte Papierkraniche als Genesungswünsche zu schicken. Das inspirierte Sadako, selbst Kraniche zu falten. Laut einer japanischen Legende sollte derjenige, der tausend Origami-Kraniche falte, von den Göttern einen Wunsch erfüllt bekommen. So begann die Zwölfjährige, während ihrer monatelangen Krankenhausaufenthalte Papierkraniche zu falten. Bis zu ihrem Tod schuf Sasako 1600 Kraniche.

Aber die Kraniche konnten nicht helfen. In der Traueranzeige für Sadako heißt es: „Wir wollen den Geist aller Kinder vereinen, die durch den Abwurf ums Leben gekommen sind, indem wir ein Denkmal errichten. Bitte helft uns, und tragt unsere Forderung weiter.“ Spendenaufrufe wurden an alle Schulen des Landes geschickt, durch Zeitungsberichte und Radioaufrufe kamen Spenden aus dem ganzen Land, sodass ein Denkmal für die Kinder gebaut werden konnte, das im Mai 1958 enthüllt wurde. Zu jedem 6. August suchen Menschen das Denkmal auf. Sie bringen Papierkraniche als Zeichen des Friedenswunsches. „Auch wir sind für das Friedensbündnis aktiv. Die Kraniche, die wir bis dahin falten, reisen im Juli nach Hiroshima!“

Die Besucher der Rathaus-Ausstellung können sich am Friedensprojekt beteiligen und Kraniche falten. Eine Anleitung dafür gibt es in der Ausstellung. Die Papierkraniche nimmt Elke Lies,  Teichstraße 10, in Osterholz-Scharmbeck entgegen und schickt sie auf die Reise nach Japan.

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