Vortrag über Astra-Zeneca

„Entscheidungen der Logik gefolgt“

Kardiologe Jürgen Heuser informiert in einem Online-Vortrag des Osterholzer Kreiskrankenhauses am Mittwoch, 21. April, 18 Uhr, über Irrungen und Wirrungen um den Astra-Zeneca-Impfstoff.
15.04.2021, 05:57
Lesedauer: 6 Min
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Von Michael Schön
„Entscheidungen der Logik gefolgt“

Jürgen Heuser ist Kardiologe und seit 1999 Chefarzt im Osterholzer Kreiskrankenhaus.

CARMEN JASPERSEN
Frage: Ich gehe davon aus, dass Sie geimpft sind. Mit welchem Stoff?

Jürgen Heuser: Ich bin im Januar und Februar geimpft worden. Mit Biontech, wie alle Mitarbeiter des Osterholzer Kreiskrankenhauses bisher. Ungefähr zwei Drittel sind jetzt wohl bei uns geimpft.

Nebenwirkungen?

Ich habe praktisch nichts davon gemerkt, abgesehen davon, dass man in der ersten Nacht mal kurz die Einstichstelle gespürt hat. Für mich persönlich war‘s nicht anders als bei einer Grippeimpfung. Das deckt sich wohl mit den Erfahrungen, dass bei der Immunreaktion das Alter eine Rolle spielt. Ich bin über 60.

Biontech hat ja ein sehr positives Image. Astra-Zeneca dagegen kommt nicht raus aus dem Kreislauf negativer Publicity. Erst sollte das Vakzin nicht an die Älteren verimpft werden, jetzt nur noch an die Älteren. Ganz schön verwirrend und verständlicherweise auch verunsichernd. Wie denken Sie darüber?

Je länger ich mich damit beschäftige, desto zufriedener bin ich ehrlich gesagt damit, wie unser deutsches Paul-Ehrlich-Institut mit den genannten Fragestellungen umgegangen ist. Ich verstehe natürlich, dass es verwirrend ist, zumal wenn innerhalb weniger Wochen verschiedene Empfehlungen veröffentlicht werden, die sich scheinbar widersprechen. Es ist aber eine Erfahrung, die ich im Laufe von fast 40 Jahren mit verschiedenen anderen Arzneistoffen gemacht habe. Manche Medikamente verschwinden sogar schon nach wenigen Jahren ganz vom Markt. Was das Astra-Zeneca-Vakzin angeht, ist mit den getroffenen Entscheidungen meines Erachtens jeweils nur der Logik gefolgt worden. Anders als etwa Großbritannien hat die EU zunächst ein großes Fragezeichen hinter die Impfung der über 60-Jährigen mit Astra-Zeneca gesetzt, was schlicht daran lag, dass die Wirksamkeit des Präparats zwar als gut nachgewiesen worden war, die Studien der Phase zwei und drei für diese Subgruppe jedoch vergleichsweise wenig gute Daten hergegeben haben. Daraufhin hat man sich entschlossen, die Zulassung zu beschränken. Hätte man nicht tun müssen, war aber eine nachvollziehbare Entscheidung, die ja auch keine Nachteile erbracht hat.

In Großbritannien soll Astra-Zeneca nur noch Erwachsenen verabreicht werden, die älter sind als 29 Jahre. Aktuell empfiehlt die Ständige Impfkommission, Stiko, in Deutschland den Einsatz nur für Menschen ab 60, die Europäische Arzneimittelagentur, EMA, hielt diese Einschränkung zunächst nicht für notwendig.

Wichtig ist mir der Hinweis, dass es nicht die Zulassung ist, die eingeschränkt wird. Es änderten sich lediglich die Empfehlungen in Bezug auf die Altersgruppen. Und die von ihnen angesprochene Diskrepanz ist eine scheinbare und auch eine ein wenig medial aufgebauschte. Nehmen Sie ein Medikament gegen Bluthochdruck: Über die Zulassung entscheidet die europäische EMA, aber die Empfehlung oder Leitlinie, wer das nun bekommen soll, wird bei uns von den jeweiligen Fachgesellschaften gegeben.

Den Unterschied macht wohl auch aus, dass Deutschland nicht ganz so sehr auf Astra-Zeneca angewiesen ist wie viele andere europäische Staaten, weil es ja auch noch über andere Impfstoffe verfügt, wenn auch bisher nicht in ausreichenden Mengen.

Denken wir über Europa hinaus. In vielen Staaten gibt es ja kaum über 60-Jährige. Da wird es zum Problem, dass das UN-geführte Covax-Programm, mit dem die Covid-19-Impfungen in den ärmeren Staaten vorangetrieben werden sollen, sich wesentlich auf Astra-Zeneca stützt.

Nach den Berichten der Stiko gibt es unter 100.000 Impflingen deutschlandweit statistisch nur eine Person, die eine Hirnvenenthrombose erlitten hat.
Astrazeneca

Viel Hin und her gibt es um den Einsatz des Vektor-Impfstoffs von Astra-Zeneca.

Foto: Robert Michael

1:100.000 – ist das viel oder wenig? Eine Frage, für deren Beantwortung zwei Dinge eine wesentliche Bedeutung haben. Erstens: ob man Alternativen hat. Zweitens: die Philosophie des Impfens, wo es zwei Ansätze gibt. Einer ist der individualmedizinische: Als 64-Jähriger Mann frage ich mich, ob das Risiko für mich größer ist als der Nutzen. Und es gibt da die gesamtgesellschaftliche oder solidarische Sichtweise. Ist es für mich von Vorteil, wenn ich meinen Beitrag dafür leiste, dass alle Menschen geimpft sind und damit die Pandemie beendet ist? Das kennen wir aus der Diskussion um den Gebärmutterhalskrebs. Wenn Männer
sich impfen ließen, bekämen weniger Frauen diese Krankheit. Aber da es bei uns keine Impfpflicht gibt, jedenfalls was Covid-19 angeht, gilt für uns der individualmedizinische Ansatz. Man muss bei jedem Menschen, bei jeder Altersgruppe zwischen Risiken und Nutzen abwägen. Bei Covid ist das Risiko ja höchst ungleich verteilt zwischen den Altersgruppen. Das Risiko einer schweren Erkrankung oder gar der Sterblichkeit steigt ab 60 schließlich steil
an. Die Relation 1:100.000 stellt sich also für einen älteren Menschen ganz anders dar als für eine 30-jährige Frau, die normalgewichtig ist und keine Vorerkankungen hat. Ihr Risiko, an Covid zu sterben, ist unglaublich niedrig.

Wie ist der Plan für jene Impflinge, die bereits eine Dosis Astra-Zeneca erhalten haben und jünger als 60 sind?

Die Stiko empfiehlt für die zweite Dosis vorzugsweise die mRNA-Impfstoffe, also Biontech/Pfizer oder Moderna. Und zwar nach zwölf Wochen, also dem jetzt üblichen Astra-Zeneca-Intervall.

Gibt es Erkenntnisse darüber, warum Sinusvenenthrombosen im Zusammenhang mit Astra-Zeneca besonders bei Frauen jüngeren Alters dokumentiert sind?

Es gibt da nur Vermutungen. Das Krankheitsbild ist jetzt auch mit deutscher Beteiligung erstmals beschrieben worden. Es handelt sich danach um Thrombosen, die sich an ungewöhnlichen Stellen im Körper bilden. Damit einher geht eine deutliche Verminderung der Blutplättchen, die als Folge eines immunologischen Prozesses verklumpen. Das erklärt – wahrscheinlich! -, warum Frauen und vor allem jüngere Frauen betroffen sind, was übrigens bei den spontan auftretenden Thrombosen nicht anders ist. Viele immunologische Prozesse sind bei uns Menschen auf dem X-Chromosom kodiert. Männer besitzen ja nur eines, Frauen aber zwei. Das ist allerdings eine noch nicht ausreichend belegte Hypothese.

Gibt es hinsichtlich des Astra-Zeneca-Wirkstoffs Bedenken, ihn bei thrombosegefährdeten Älteren einzusetzen?

Das wird durch die Datenlage eindeutig widerlegt und von der Gerinnungsforschung aktuell ganz klar verneint.

Inzwischen wird ja untersucht, ob die gefährlichen Thrombosen auch bei Menschen festgestellt wurden, die andere Impfstoffe erhalten haben.

Das Paul-Ehrlich-Institut, das den Impffortgang mit den drei in Deutschland bisher
verwendeten Vakzinen bei uns beobachtet, hat keine Häufung von Nebenwirkungen über die normale Hintergrundaktivität hinaus registriert. Es gibt bislang keine Signale und Hinweise, dass Menschen, die schon eine Thrombose hatten oder aufgrund einer angeborenen Krankheit dafür eine besondere Disposition haben, hier einer besonderen Gefährdung ausgesetzt sind und sich Sorgen machen müssen.

Die Fragen stellte Michael Schön.

Info

Zur Person

Jürgen Heuser (64),

ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, Rettungsmediziner
und Intensivmediziner. Er ist seit 1999 Chefarzt im Osterholzer Krankenhaus, hat in Hamburg studiert und kam über Stationen in Bad Bevensen, Braunschweig, Laatzen und Hannover nach Osterholz-Scharmbeck.

Info

Zur Sache

Jürgen Heuser, Chefarzt der Inneren Abteilung des Kreiskrankenhauses Osterholz, unternimmt in der Reihe „Online-Visite“ am Mittwoch, 21. April, 18 Uhr (geöffnet ab 17.45 Uhr), einen Fakten-Check zu Astra-Zeneca. Das Hin und her um den Einsatz des
Vektor-Impfstoffs, der von einem britisch-schwedischen Arzneimittelkonzern stammt, hat nicht zu jener Vertrauensbildung beigetragen, die eigentlich Voraussetzung für eine erfolgreiche Impfkampagne ist. Wie ist es zu diesem Kommunikations-Desaster gekommen, und was ist überhaupt dran an den Geschichten mit den Thrombosen? Wer kann und wer soll sich noch mit dem jetzt unter dem Namen Vaxzevria vertriebenen Präparat impfen lassen? Kardiologe Heuser hat die Fakten aus den vergangenen Wochen zusammengetragen und wird sie einordnen, zusammen mit den Gästen der Video-Konferenz, zu der das Osterholzer Kreiskrankenhaus einlädt. Der Informationsabend wird voraussichtlich 30 bis 40 Minuten dauern. Zur Teilnahme wird ein internetfähiges Endgerät (PC, Tablet oder Smartphone) benötigt. Im Anschluss an den etwa 20-minütigen Vortrag besteht für die Teilnehmer die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, eine vorherige Anmeldung per E-Mail an ibf@kkhohz.de ist erforderlich. Weitere Informationen erteilt Andreas Hinz, Telefon 04791/803250 oder hinz@kkhohz.de.

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