Fahrsicherheitstraining für Senioren

Parforce-Tour im Pylonen-Parcours

Beim Fahrtraining mit der Verkehrswacht können sich ältere Autofahrer vergewissern, dass sie den Herausforderungen der Straße gewachsen sind. Auch Kreis, Polizei und Fahrschulen sind an der Aktion beteiligt.
13.09.2019, 16:50
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Schön
Parforce-Tour im Pylonen-Parcours

Beim Fahrsicherheitstraining an der Stadthalle wird den Senioren ein hohes Tempo abverlangt.

Christian Valek

Osterholz-Scharmbeck. Die Frau mit den rotbraunen Haaren tritt recht beherzt aufs Gaspedal, als sie mit ihrem Auto den vor der Stadthalle aufgebauten Pylonen-Parcours in Angriff nimmt. Lautes Motorengeräusch und quietschende Reifen bilden den Soundtrack zur Parforce-Tour. Die sonore Stimme von Dieter Grohs dringt trotzdem durch. „Nach vorne gucken, nicht aus dem Seitenfenster!“, kommandiert der Mann von der Verkehrswacht, während die ersten Leitkegel umkippen, als ob sie auf einer Bowlingbahn abgeräumt würden. „Als Erste ist sie ja auch doof dran“, stellt eine der Teilnehmerinnen am Fahrsicherheitstraining mitfühlend fest.

Neben der Verkehrswacht unterstützen der Landkreis, die Polizei und Fahrschulen die Aktion „Fit im Auto“, die auf Autofahrer zielt, die das 65. Lebensjahr erreicht haben. Gelernt im theoretischen Teil und geübt in der Praxis wird in Gruppen von jeweils zwölf Teilnehmern. Anmeldegebühr dank Landkreis-Sponsoring 30 Euro pro Person. Grohs hat in diesem Jahr schon zu acht Kursen eingeladen. „Alle ausgebucht, auch der nächste im Oktober schon. Im kommenden Jahr werden wir zehn anbieten“, kündigt er an.

Beim Vorsitzenden der Verkehrswachtvereine Osterholz-Scharmbeck und Grasberg trainieren die Teilnehmer das Bremsen und das Beschleunigen, das Rangieren und das Einparken. Es fängt damit an, dass Grohs erst einmal erklärt, wie die Fahrer in die korrekte Sitzposition gelangen. Die Fahrlehrer von den Fahrschulen Holger Bleke (Ritterhude) und Carsten Müller (Worpswede) nehmen die Frauen und Männer mit auf eine einstündige Tour durch Osterholz-Scharmbeck. Jeder muss für 20 Minuten ans Steuer, um sein Können und Wissen in herausfordernden Verkehrssituationen, etwa in den Kreisverkehren, einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

"Gib Gas - Ich will Spaß": Beim Fahrsicherheitstraining an der Stadthalle herrscht Gute-Laune-Atmosphäre.

"Gib Gas - Ich will Spaß": Beim Fahrsicherheitstraining an der Stadthalle herrscht Gute-Laune-Atmosphäre.

Foto: Christian Valek

„Die ganzen Hütchen, das war zunächst ganz schön verwirrend.“ Die Osterholz- Scharmbeckerin Monika Hedemann muss nach Absolvierung des Rundkurses erst einmal tief Luft holen, ist aber zufrieden mit ihrer Performance. „Das Slalomfahren war richtig gut.“ Ehemann Jürgen fand die Stadtrundfahrt mit den verkehrlichen Brennpunkten unter der Regie Carsten Müllers sehr angenehm. Man solle sich hüten, im Kreisel von Buschhausen die Direttissima „über das gepflasterte Feld“ zu nehmen, hat er bei Helge Cassens gelernt. „Kostet 75 Euro Bußgeld.“ Der Polizist von der Polizeiinspektion Verden/Osterholz hat eingangs über Neuerungen der Straßenverkehrsordnung referiert.

Jürgen Hedemann (71) ist beeindruckt vom Fahrassistenten, in dessen Handhabung er von Carsten Müller unterwiesen wird. „Autonomes Fahren inbegriffen. Das ist schon ein komisches Gefühl, so ohne die Hand am Lenkrad. Gewöhnungsbedürftig.“ Der Fahrlehrer hat ihm auch dazu geraten, das Lenkrad nicht von innen, sondern stets von außen zu greifen, wegen der Gefahren für seine Finger, die drohten, wenn der Airbag ausgelöst werde.

Zurück zum praktischen Teil, dem Feilen am Handling: Dieter Grohs verlangt nicht nur eine unerschrockene Fahrweise („Gib' Gas, bisschen mehr Speed“), sondern den nicht minder couragierten Tritt aufs Bremspedal. „Bremsen! Das war eher ein Anhalten. Nicht so halbherzig, du hast doch voll bezahlt“, stellt er provozierend fest, um beim zweiten Versuch tollkühn die Fahrbahn des Teilnehmers zu kreuzen. Prompt bringt der Mann sein Auto ziemlich abrupt, mit minimaler Verzögerung, zum Stehen. „Jetzt hast du es richtig gemacht!“

Nach ihren Beweggründen für die Meldung zum Fahrtraining befragt, geben die meisten Teilnehmer an, sie wollten sich in einer Art von freiwilliger Selbstkontrolle dem Fitnesstest unterziehen. In der Erkenntnis eben, dass mit zunehmendem Alter zwar die Erfahrung zunimmt, aber dafür halt die kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Franz Schlüter ist schon zum dritten Mal dabei: Der 80-jährige Scharmbeckstoteler hat seinen Führerschein 1962 erworben. „Ich fahre ebenso gerne Auto wie Fahrrad.“ Auf vier Rädern zum Einkaufen und in sein bevorzugtes Urlaubsland, die Alpen-Republik Österreich.

Auch Elke Schickling (79) findet es gut, dass sie Gelegenheit bekommen hat, sich ihrer autofahrerischen Fertigkeiten zu vergewissern. Sie nimmt mit ihrem Mann Jürgen teil. Das Paar wohnt in Oldendorf. „Da können Sie die Busverbindungen vergessen.“ Sieben Kilometer seien es bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit. Elke Schickling ist seit 1968 Führerschein-Inhaberin. „Wenn wir nicht mehr können, werden wir ihn abgeben.“ Das eingesparte Geld könnten sie dann halt für Taxifahrten ausgeben. Jürgen Schickling fände es sinnvoll, wenn Autofahrer in die Pflicht genommen würden, sich regelmäßigen Gesundheitschecks zu stellen. „Vor allem, was Hören und Sehen angeht.“

Carsten Müller ist mit den Probanden ausgesprochen zufrieden. Lediglich „Routinefehler“ hätten den guten Gesamteindruck etwas getrübt. Etwa bei Kreuzungen mit Rechts-vor-links-Regelung hätten einige – in der Erfahrung, „dass da ja niemals einer kam“ – dazu geneigt, bei unverminderter Geschwindigkeit das Vorfahrtsrecht anderer Verkehrsteilnehmer geflissentlich zu missachten. „Da könnte defensives Fahren und weniger Bauchgefühl nicht schaden.“

Menschen, die immer wieder auf denselben Routen unterwegs seien, hätten eine eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit, was neue Beschilderungen betrifft. Weitere Problemfelder sind für den Fahrlehrer die irrige Annahme vieler Autofahrer, dass sie in Kreisverkehren grundsätzlich vorfahrtberechtigt gegenüber Fußgängern und Radfahrern seien; ferner Busse, die mit Warnblinklicht am Fahrbahnrand stehen, sowie Einbahnstraßen und Bahnübergänge.

Müller hält viel von den „auffrischenden“ Übungen, die das Fahren sicherer machen sollen; aber er weiß auch, dass sie „zu 95 Prozent von Leuten in Anspruch genommen werden, die regelmäßig aktiv fahren“. Senioren, Erkrankte und andere Verunsicherte, die es nötig hätten, litten dagegen unter Schwellenangst. Sie mieden das Fahrtraining häufig auch deshalb, weil sie schlicht und ergreifend Furcht vor dem Entzug der Fahrerlaubnis hätten. Diese unbegründete Angst müsse man ihnen nehmen. „Wenn ich um meine Defizite weiß, kann ich die beispielsweise abbauen, indem ich ein paar Fahrstunden buche.“

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