Beratung übers Quartierskonzept

"Ehrenamtliche nicht allein lassen"

Der Ausschuss für Jugend, Senioren und Soziales hat das von der Stadt präsentierte Quartierskonzept begrüßt. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass die Stadt mit hauptamtlichen Kräften unterstützen müsse.
09.06.2021, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Schön
"Ehrenamtliche nicht allein lassen"

Das Drosselstraßen-Quartier wird trotz aller Fortschritte weiterhin auf Unterstützung angewiesen sein.

Christian Kosak

Osterholz-Scharmbeck. "Wenn keine Fördermittel mehr fließen, könnten Teilerfolge verloren gehen", warnte Mizgin Ciftci von der Linksfraktion im Stadtrat. Diese und ähnliche Befürchtungen wurden in der Diskussion über das von der Verwaltung vorgelegte Quartierskonzept, die jetzt im Ausschuss für Jugend, Senioren und Soziales geführt wurde, nicht gänzlich ausgeräumt. Wenn es für Drosselstraße und Komponistenviertel ab 2022 keine Millionen aus dem Bundesprogramm Soziale Stadt mehr gibt, dann muss die Stadt für eine gewisse Kompensation sorgen, lautete der Tenor. "Wir dürfen die Ehrenamtlichen nicht im Stich lassen", forderte Wilfried Pallasch von der Bürgerfraktionsgruppe. Brigitte Neuner-Krämer (Bündnis 90/Grüne), die eigentlich  viel von Selbstorganisation hält, wie sie betonte, brachte gleichlautende Argumente ("Für personelle Kontinuität sorgen") vor. "Es soll kein Sparmodell werden."

Grundsätzlich stieß das Quartierskonzept bei nur einer Stimmenthaltung auf eine sehr positive Resonanz. Eine Arbeitsgruppe, die von Susanne Fedderwitz (Fachbereich Bildung und Erziehung), Campus-Managerin Ulrike Baumheier, Quartiersbetreuerin Christine Struthoff und Stefanie Bourai-Touré (städtische Jugendarbeit) gebildet wurde, hat Pläne geschmiedet, wie die während der 20 Förderprojekt-Jahre aufgebauten Strukturen und  geschaffenen Angebote verstetigt werden können, um positive Entwicklungen zu festigen.

Dabei kommt eine Schlüsselrolle im Konzept dem Dreiklang aus Haus der Kulturen, Stadtteilbüro und Jugendhaus zu. Deren Rollen sollen stärker als bisher miteinander verzahnt, obendrein die Vernetzung mit Schulen und Kitas im Quartier verstärkt werden. "Selbstorganisation" und "aufsuchende Sozialarbeit" sind Kernelemente des Konzepts.

"Stadtteilbüro nicht unbesetzt"

Stadtdezernentin Bettina Preißner konnte die größten Bedenken der Kommunalpolitiker zerstreuen. Die etwas über zehn Millionen Euro öffentlichen Geldes, die dem ehemals von einer US-Brigade genutzten Bereich gewidmet worden sind, seien überwiegend für "gestalterische und bauliche Arbeit", nicht aber für Personal  verwendet worden. Und es sei keineswegs so, dass künftig  mit einem unbesetzten Stadtteilbüro zu rechnen sei. Nach Auslaufen der Förderung soll ins Haus der Kulturen städtisches Personal einziehen, der Arbeitsplatz der sozialpädagogischen Quartiersbetreuerin  wird nebst Bundesfreiwilligendienstleistenden dorthin verlagert. Dazu heißt es im Quartierskonzept: "Um die sozialräumliche Arbeit qualifiziert leisten zu können, bedarf es zusätzlichen Personals und ehrenamtlichen Engagements."  Es sei beabsichtigt, wieder eine zweite Stelle für die Flüchtlings- und Quartiersbetreuung einzusetzen, versicherte Bettina Preißner. Auch diese sozialpädagogische Kraft  soll dem Haus der Kulturen mit seinen umfangreichen Lern- und Beratungsangeboten zugeordnet werden. Neben dem städtischen Budget, das für die Integrationsarbeit vorgehalten wird, sollen Fördergelder akquiriert und andere Geldquellen angezapft werden.

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Ciftci, selbst in der Mozartstraße aufgewachsen und nun aussichtsreicher Bewerber für ein Bundestagsmandat, machte auf die Stigmatisierungen aufmerksam, die er in dem von über 2000 Menschen aus 28 verschiedenen Herkunftsländern bewohnten Gebiet ausgemacht habe. Heute könne man "stolz sein auf das schöne, vielfältige Quartier", auf die dort entwickelten Angebote in Sachen Sport und  Kultur. Es handele sich um "lohnenswerte Investitionen in den sozialen Frieden". Die Ergebnisse der unter anderem vom Forum Ziviler Friedensdienst erstellten Evaluationen über die sozial-integrativen Maßnahmen geben ihm recht, obwohl es nach wie vor Probleme in dem auch nach Korrektur vieler städtebaulicher Fehlentwicklungen hoch verdichteten Sanierungsgebiet gibt. Menschen mit Migrationshintergrund fühlten sich zu wenig gehört, lautete eine häufig gehörte Kritik. 

Baumheier: Dickes Brett

Jugendhaus und Quartiersbetreuerin haben eigene Interviews durchgeführt, aus denen hervorging, dass die  meisten Befragten die gute Nachbarschaft schätzen, die in Drossel- und Mozartstraße gepflegt wird. Ein knappes Viertel von ihnen war sogar keineswegs abgeneigt, sich im Haus der Kulturen aktiv zu engagieren. Es wurden aber auch ausreichend Defizite identifiziert, an denen sich die Arbeitsgruppe bei der Konzeptentwicklung zu orientieren hatte. Ulrike Baumheier sprach angesichts der Herausforderungen von einem "dicken Brett". Der Übergang werde nicht einfach. "Aber ich denke, dass wir gut aufgestellt sind."    

Zur Sache

Mit "Repression" gegen harten Kern

Verschiedene unliebsame Vorkommnisse, von der illegalen Müllentsorgung bis hin zur Handgreiflichkeit gegen Ordnungshüter, haben die städtische CDU-Fraktion veranlasst, sich für die jüngste Sitzung des Sozialausschusses einen Bericht über die "aktuelle Situation in der Drosselstraße" geben zu lassen. Lars Röben  vom Polizeikommissariat Osterholz ließ daraufhin noch einmal die Ereignisse in der Silvesternacht Revue passieren, als Einsatzkräfte mit Feuerwerkskörpern attackiert wurden. Da sei man ein wenig überrascht worden, weil man das "Böller-Verbot" im benachbarten Bremen nicht auf dem Schirm hatte. Stichwort "Böller-Tourismus".

Das werde sich nicht wiederholen. Und nach Beleidigungen und tätliche Angriffen, die zu Pfingsten auf Corona-Kontrollen folgten, hat die Polizei mit "Präventionern" herauszufinden versucht, ob sich am bis dahin tendenziell positiv eingeschätzten Lagebild etwas verändert hat. Ergebnis: Es sei, so Röben, ein harter Kern von lediglich vier Personen, "der uns Probleme bereitet" und gegen die mit "Repression" vorgegangen werde.

Im Umgang mit Mitläufern will die Polizei dagegen weiterhin mit "aufsuchender Arbeit", also mit Prävention und Hausbesuchen, aufwarten. Röben und seine Kollegen haben außerdem nachgeschaut, wie sich die Zahl der angezeigten Straftaten und Ordnungswidrigkeiten seit 2019 entwickelt hat. Insgesamt eher unauffällig. Die Zahl der Gesetzesübertretungen rechtfertige es nicht, in der Drosselstraße einen  Kriminalitätsschwerpunkt zu verorten, resümierte Röben. Es handele sich überwiegend um Beleidigungen, Bedrohungen und Körperverletzungen. Röben räumte aber ein, dass die gefühlte Sicherheit immer eine andere sein  könne als die statistisch erfasste.

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