25 Jahre nach der Reemtsma-Entführung „Noch immer ein mulmiges Gefühl“

Vor 25 Jahren kam der entführte Jan Philipp Reemtsma aus der Gefangenschaft frei. Johann Beckmann, damals Ortsvorsteher Garlstedts, erinnert sich an den „Medienrummel“ vier Wochen später in seinem Dorf.
26.04.2021, 05:27
Lesedauer: 6 Min
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Von Michael Schön

Osterholz-Scharmbeck. Wenn Johann Beckmann zum Golfplatz im Westen Garlstedts fährt, führt sein Weg an einem abgelegenen Grundstück vorbei, auf dem hinter hohen Fichten ein Haus mit reetgedecktem Dach verborgen ist. Den 80-Jährigen beschleicht dann „noch immer ein mulmiges Gefühl“. Noch immer: Es ist 25 Jahre her, dass im Keller dieser Immobilie der Hamburger Multimillionär Jan Philipp Reemtsma von Kidnappern gefangen gehalten wurde. 33 Tage lang, bis er gegen die Zahlung eines Lösegeldes von 30 Millionen D-Mark am 26. April 1996 in einem Wald im Hamburger Süden aus der Geiselhaft entlassen wurde. Die Polizei ging in der Folge Spuren nach, die sie zu den Tätern führten. Zu einer wichtigen Fährte wurde der Mietvertrag für das Haus in Garlstedt, den die Entführer mit dem ahnungslosen Eigentümer abgeschlossen hatten.

Vier Wochen nach der Freilassung Reemtsmas rückte so das beschauliche Garlstedt unfreiwillig in den Fokus einer aufgeregten Berichterstattung. Beckmann, der damals dort Ortsvorsteher war, hatte die Polizei am Telefon - und den Boulevard im Wohnzimmer, nachdem die Fahnder das fensterlose Verlies aufgespürt hatten, in dem der damals 43-jährige Spross einer Industriellenfamilie fast fünf qualvolle Wochen zubringen musste. Der Polizei ziemlich dicht auf den Fersen: Kamerateams, Rundfunkreporter, Zeitungsredakteure und Fotografen, teilweise auch sensationsgierig auf fieberhafter Suche nach dem Versteck der Verbrecherbande. Die Bewohner in heller Aufregung. „So einen Medienrummel kannte man hier nicht.“

Riesiges Medieninteresse

Die Einwohner hätten die PS-starken Limousinen mit den Münchner, Hamburger und Bremer Kennzeichen, den enormen Furor, zunächst natürlich nicht mit der Reemtsma-Entführung in Zusammenhang bringen können. Beckmann bekam die Info, als ihn seine Frau anrief: Mehrere Männer waren vor dem Haus des Ortsvorstehers aufgetaucht, um sich recht robust Einlass zu verschaffen. „Da waren drei Journalisten und ein Fotograf. Tür auf und rein. Die wollten einfach alles wissen.“ Beckmann, der Ortsbrandmeister war und für die Kasernen-Berufsfeuerwehr arbeitete, musste zunächst vom Dienst aus etliche wissensdurstige Anrufer abweisen. Er habe sich erst einmal selber ein Bild machen müssen. So beendete er seinen Arbeitstag vorzeitig. „Ich bin nach Hause, um von da aus die Leute aufzuklären.“

Die Leute hatten nichts davon geahnt, dass ihr Dorf zum Schauplatz eines der spektakulärsten Entführungsfälle der deutschen Kriminalgeschichte geworden war. Ein Thriller mit bis nach Südamerika reichenden Handlungssträngen. Reemtsma, Tabakwarenfabrikanten-Erbe, Mäzen, Literaturwissenschaftler und Publizist, war am 25. März 1996 auf dem Weg von seinem Wohnhaus in Hamburg-Blankenese zum nahe gelegenen Arbeitsplatz abgefangen, niedergeschlagen und in das Dorf nördlich von Bremen verschleppt worden. Drahtzieher Thomas Drach wurde 1998 in Argentinien von Zielfahndern des Bundeskriminalamts entdeckt und von der Polizei in Buenos Aires verhaftet, zwei Jahre später nach Deutschland ausgeliefert und zu vierzehneinhalb Jahren Haft verurteilt. Drachs jüngerer Bruder Lutz tappte 2002 in die Falle spanischer Ordnungshüter, als er von Madrid nach Südamerika fliehen wollte. Ein weiterer Komplize stürzte 2014 in Portugal von einer Klippe. Umstände mysteriös.

Ende der Zurückhaltung

Dass die Presse so personalstark über Garlstedt herfiel, lag wohl auch an dem Gefühlsstau, der sich neben dem ohnehin starken Informations- und Sendungsbedürfnis in der langen Phase des Stillhaltens aufgebaut hatte: Obwohl früh Gerüchte kursierten, wurde den Appellen von Polizei und Familie gefolgt, um Reemtsmas Leben nicht zu gefährden: Der Erpresserbrief war mit einer Handgranate beschwert worden. Es erschienen keine Berichte über die Entführung, so lange das Opfer in den Händen der Erpresser war. Auch die Polizei hielt sich bei ihren Aktivitäten mehr oder weniger im Hintergrund, versuchte nur über Kleinanzeigen in Hamburger Tageszeitungen mit den Tätern Kontakt aufzunehmen. Erst nach der Freilassung Reemtsmas in einem Forst bei Harburg wurde die Jagd der Fahnder auf die Täter und die Hatz auf Schlagzeilen so richtig eröffnet.

Die Immobilie, in deren Keller das Entführungsopfer angekettet worden war, werde in Garlstedt bis heute als das „Reemtsma-Haus“ bezeichnet, erzählt Beckmann. Sie sei durchgängig bewohnt geblieben. Im Unterschied zu damals, so der frühere Ortsvorsteher, liegt sie aber nicht mehr so isoliert von der Außenwelt. Etliche Bäume und Sträucher seien entfernt worden. Das OSTERHOLZER KREISBLATT hatte damals über ein weiß getünchtes Klinkerhaus berichtet, das sich hinter dunkelgrünen Nadelbäumen versteckte. Die nächsten Häuser seien 50 bis 100 Meter entfernt gewesen. „Der Garten ist verwildert. Zwischen kniehohen Grashalmen blühen Löwenzahn und Wiesenschaumkraut.“

Von außen habe das Einfamilienhaus einen gepflegten Eindruck gemacht. „Auf der Sonnenseite vor dem Wohnzimmer eine saubere Terrasse. Neben der Eingangstür hängt ein schwarzer Briefkasten, namenlos wie das Haus. Auch eine Klingel weist weder auf einen Besitzer noch auf einen Mieter hin. Dass das Haus einen Keller hat, fällt erst beim zweiten Blick auf - durch die Kellerroste auf mehreren Seiten.“ Weiter konnten die Journalisten nicht vordringen. Wegen des Vetos der Eigentümerin, so war zu lesen. Die Polizei hatte erst gegen Mittag vor dem Medien-Aufgebot kapituliert und bestätigt, dass es sich bei dem belagerten Haus um das Reemtsma-Gefängnis handelte. Im Laufe des Nachmittags warf auch die Presse das Handtuch. Keine Chance auf Aufnahmen vom Kellerverlies. Weiter zu warten war sinnlos geworden.

Verschwundenes Lösegeld

Die Jagd nach den Entführern war damit aber noch lange nicht vorbei. Auch nicht die nach den Lösegeld-Millionen. Erst waren es 20, nach einer gescheiterten Geldübergabe auf einem Parkplatz bei Trier sogar deren 30. Sie gelten als verschollen oder auch ausgegeben (etwa für Schweigegeld), obwohl sich neben den Polizeifahndern auch eine von Reemtsma beauftragte Sicherheitsfirma um Auffindung bemüht hatte. Es wurden aber lediglich knapp 460.000 US-Dollar aufgestöbert, 2013 von Privatermittlern in einem Schließfach in Uruguay.

Rädelsführer Thomas Drach kam 2015 nach mehr als 15 Jahren Haft unter strengen Auflagen aus dem Gefängnis frei. Seit Februar dieses Jahres sitzt er aber wieder: in niederländischer Untersuchungshaft. Der 60-jährige ist aktuell dreier Überfälle auf Geldtransporter dringend verdächtig.

Info

Zur Sache

Berichte von Freilassung, Flucht und Fahndung

Nach Entführung wieder frei: Fast fünf Wochen nach seiner Entführung ist der 43 Jahre alte Hamburger Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma nach Zahlung von 30 Millionen Mark Lösegeld in der Nacht zum Samstag freigelassen worden. „Erschöpft und glücklich“ dankte er in einem Schreiben der Polizei für ihre „exzellente Arbeit“ und den Medien für ihr geduldiges Abwarten bei der Berichterstattung. (28. April 1996, Kurier am Sonntag)

Sonderkommission jagt die Entführer: Nach dem glücklichen Ende des spektakulären Entführungsdramas um den Hamburger Multimillionär Jan Philipp Reemtsma (43) hat die Polizei die Jagd auf die Kidnapper eröffnet. Gestern gab es noch keine heiße Spur von den mindesten drei Tätern, die den Erben der Hamburger Zigarettendynastie am 25. März vor seinem Haus entführt hatten. Einige von mehr als 200 Hinweisen auf die Kidnapper seien aber „ganz vielversprechend“, hieß es. (29. April 1996, Weser-Kurier)

Entführer auf der Flucht: Vier Wochen nach dem Ende der spektakulären Entführung des Hamburger Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma fahndet die Polizei international nach zwei dringend tatverdächtigen Männern. Die beiden 58 und 54 Jahre alten Deutschen befinden sich auf der Flucht. Die Fahnder entdeckten im niedersächsischen Garlstedt den Keller, in dem Reemtsma fünf Wochen gefangengehalten wurde. Von den 30 Millionen Mark Lösegeld fehlt bisher jede Spur. (25. Mai 1996, Weser-Kurier)

Verdutzte Schaulustige am Tatort: Ausgerechnet hier soll der Multimillionär aus dem feinen Blankenese wochenlang im dunklen Kellerraum eingesperrt gewesen sein? Ein spektakuläres Verbrechen, so nah vor der eigenen Haustür, und man hat nichts davon geahnt! (...) „Da hab' ich das Haus nun x-mal gesehen“, meint ein Einheimischer, der hier öfter im Wald spazieren geht. „ Aber damit hab' ich nie gerechnet. Täglich hört man's im Radio. Man wohnt hier und kriegt nichts mit!“ (25. Mai 1996, Weser-Kurier)

Reemtsma-Versteck in Garlstedt: Seit gestern muß nicht mehr gerätselt werden, wo der Hamburger Jan Philipp Reemtsma während seiner Entführung 33 Tage lang gefangen gehalten wurde: Ein reetgedecktes Haus am Alten Bremer Weg in Garlstedt diente den Kidnappern als Versteck. Schon am Vormittag, als die Polizei in Osterholz-Scharmbeck wie auch in Hamburg noch immer Informationen verweigerte und auf die für 16 Uhr anberaumte Pressekonferenz verwies, wurde das Waldgrundstück durch Schwärme von Journalisten und Kamerateams belagert. (25. Mai 1996, Osterholzer Kreisblatt)

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