Loccumer Kreis „Roboter arbeiten nicht für Trinkgeld“

Der digitale Wandel wird Arbeitsplätze vernichten, aber auch neue schaffen. Joachim Lange hat sich im Loccumer Kreis gegen „Alarmismus“ gewandt. „Nicht alles, was technisch machbar ist, rechnet sich auch.“
10.03.2019, 16:36
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Schön

Osterholz-Scharmbeck. Sportschuhe mit maßgeschneiderter Sohle und natürlich in einem vom Kunden gewünschten Design? Ein passgenaues und individuell gestaltetes Möbelstück? Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BWI) wirbt unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ mit konsumfreundlichen Verheißungen für die digitale Transformation in der Industrie. Einzelstücke zum Preis von Massenware – möglich, wenn sich Menschen, Maschinen und industrielle Prozesse intelligent vernetzen.

Doch die vierte industrielle Revolution – nach Dampfmaschine, Fließband und Computer nun die „intelligente“ Fabrik – befeuert auch Befürchtungen, dass mit ihr allein in Deutschland in den nächsten fünf Jahren mehrere Millionen Stellen verloren gehen könnten. Joachim Lange, Studienleiter für Wirtschaft und Sozialpolitik in der Evangelischen Akademie Loccum, hat das in seinem Vortrag im Loccumer Kreis als „Alarmismus“ bezeichnet und darauf verwiesen, dass die „Erwartungen in ganz unterschiedliche Richtungen gehen“.

Nicht alles, was technisch möglich sei, rechne sich auch. In der Industrie wie in anderen Wirtschaftsbereichen könnten neben den ökonomischen auch ethische oder rechtliche Gründe den Fortschritt in die Schranken weisen. Um die Grenzen der Einsatzfähigkeit oder -bereitschaft von künstlicher Intelligenz zu veranschaulichen, wartete Lange mit einem einfachen Beispiel aus der Gastronomie auf. „Roboter arbeiten nicht für Trinkgeld.“

„Industrie 4.0“ – der Name, so Lange, sei von der Politik in den Raum geworfen worden, „ein Weckruf für die deutsche Wirtschaft“, die die Entwicklung nicht verschlafen sollte. Wenn Bauteile eigenständig mit der Produktionsanlage kommunizieren und bei Bedarf selbst eine Reparatur veranlassen oder Lagerbestände ergänzen, dann wird das unter das Schlagwort von der vierten industriellen Revolution gefasst. Der Referent fand schon diesen Begriff kontraproduktiv („Revolution klingt bedrohlich“), und schlug stattdessen vor, von einer neuen Phase der dritten Revolution zu sprechen. Das Label sei nicht unwichtig, weil die durch Studien belegte Substituierbarkeit von Arbeit für Unruhe sorge und positive Effekte dämpfen könne.

Auch wenn Roboter und Algorithmen menschliche Arbeit übernähmen, werde es nicht gelingen, den Fachkräftemangel zu beheben, prophezeite Lange. Ferner würden dort, wo die alten Arbeitsplätze verschwänden, auch neue entstehen. „Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass so viele Menschen für die Enwicklung von Apps für das Smartphone gebraucht würden?“

Joachim Lange griff in seinem Vortrag auch das Phänomen von der Polarisierung des Arbeitsmarktes auf. Eine OECD-Studie hat für die Jahre 1995 bis 2015 einen rapiden Schwund jener Jobs konstatiert, die eine mittlere Qualifikation erfordern. In Deutschland um 8,2 Prozentpunkte. Zugleich wuchs der Anteil der Stellen für Hochqualifizierte um 4,7 und der für Hilfskräfte um 3,4 Prozentpunkte.

Der Wandel in der Arbeitswelt, vor dem sich viele Mennschen ängstigten, so der Experte, sei ja in Wirklichkeit schon längst eingetreten. Vollautomatische Produktionsabläufe seien etwa in der chemischen Industrie und im Maschinenbau schon seit Jahren verbreitet. „Just-in-Time-Lieferung, das Abschmelzen von Lagerbeständen gab es in Japan schon vor 40 Jahren", nannte der Referent als Beispiel.

Peu à peu habe die Digitalisierung die Produkte und mit ihnen die Märkte, die Arbeitsprozesse und die Nachfrage nach Arbeitskräften verändert. Aus dem Röhrenfernseher wurde der Flachbildschirm, aus dem Rechenschieber der Taschenrechner und aus dem Plattenspieler der CD-Player. Auch den Handel habe die Digitalisierung längst erreicht. „Nicht nur, was das Bestellen vom Sofa aus angeht, sondern auch hinsichtlich des Datensammelns.“ Lange zeigte auch die nicht ganz unumstrittenen Möglichkeiten auf, die sich aufgrund der Digitalisierung im Versicherungs- und im Gesundheitswesen eröffnen.

Crowdworking, Plattformökonomie und andere Varianten der „Entbetrieblichung“ hätten für den Anbieter wie für den Nachfragenden Vorteile, aber ebenso Auswirkungen auf Marktstrukturen, den Wettbewerb und letzlich auf die Preise. Damit würden sie Maklern und Reisebüros das Geschäftsmodell kaputt machen. Der Referent berichtete, dass Pflegekräfte auf Plattformen für Stundenlöhne von 15 Euro offeriert werden. Die Diakonie zahle 50 Euro. „Da lauert ein Problem.“ Die Tarifpartnerschaft gerate unter zusätzlichen Druck.

Überall Gewinner und Verlierer. Das Home-Office könne ein Segen sein, berge aber durch die ständige Erreichbarkeit die Gefahr der Selbstausbeutung. Auf der einen Seite die Solo-Selbstständigen, von denen viele eine schmale Rente zu erwarten haben, auf der anderen die verwöhnten Arbeitnehmer im Silicon Valley. Nicht von ungefähr komme die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens aus den USA: Wenn es an auskömmlich honorierten Jobs fehle, woher soll die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen des digitalen Zeitalters auch kommen?

Die Gesellschaft brauche nicht wie das vor Furcht gelähmte Kaninchen auf die Schlange zu starren, sondern könne den Wandel gestalten. Wem gehören meine Daten, mit denen doch die Unternehmen Geld verdienen? Da sieht Lange „Regulierungsbedarf“, übersieht jedoch auch nicht, dass die Globalisierung den Spielraum bei der nationalen Gesetzgebung verengt. Globalisierung und Digitalisierung sind Prozesse, die sich gegenseitig verstärken.

Dasselbe gelte für die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, um die sich die Politik wieder verstärkt kümmern werde, angespornt durch Wahlergebnisse und Umfragen. Auf dem Land könnte man in seinem großen Garten arbeiten, könnten auch ganze Produktionen in entlegene Räume ausgelagert werden, wenn die Funklöcher gestopft seien. Das Schließen von Steuerschlupflöchern setze ebenfalls politischen Willen voraus. „Dem Finanzamt gibt die Digitalisierung neue Möglichkeiten an die Hand.“

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