„Das Spiel meines Lebens“

Wie Rolf Altmann mit dem 1. FC Osterholz-Scharmbeck den VfL Wolfsburg an den Rand einer Niederlage brachte

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg, oder die bittere Niederlage. In der Serie „Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportler an ihren größten Moment. Heute: Rolf Altmann
11.04.2020, 11:45
Lesedauer: 6 Min
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Wie Rolf Altmann mit dem 1. FC Osterholz-Scharmbeck den VfL Wolfsburg an den Rand einer Niederlage brachte
Von Tobias Dohr
Wie Rolf Altmann mit dem 1. FC Osterholz-Scharmbeck den VfL Wolfsburg an den Rand einer Niederlage brachte

Die Stadionzeitung von damals hat er immer noch: Rolf Altmann erinnert sich zu gerne an das Pokalspiel gegen den VfL Wolfsburg zurück – auch wenn es am Ende mit 1:3 verloren ging.

Frei

Ritterhude. Wer mit Rolf Altmann über das Spiel seines Lebens reden will, der stößt schnell an zeitliche Grenzen. Denn Altmann, mittlerweile 71 Jahre alt, hat viel erlebt in seiner Laufbahn. Zu viel, um es in einem normalen Gespräch auch nur ansatzweise unterzubringen. Wenn man beispielsweise über ein legendäres Pokalspiel mit dem 1. FC Osterholz-Scharmbeck in der DFB-Qualifikationsrunde gegen den damaligen Drittligisten VfL Wolfsburg reden will, kann man das versuchen. Das Gespräch gleitet dann aber ziemlich schnell ab.

Beispielsweise zu Aufstiegsspielen vor 3000 Zuschauern, zu DFB-Pokal-Erinnerungen in Essen mit Edelfan Henry Vogt, zu einem Freundschaftskick gegen Premier-League-Klub Huddersfield Town oder zu Zusammenkünften mit früheren Nationalspielern. Wo andere Hobbykicker vielleicht ein einziges Karriere-Highlight hatten, schüttelt Rolf Altmann mühelos eine Anekdote nach der anderen aus dem Ärmel.

Altmann hatte zuvor schon große Zeiten beim Bremer Klub SG Oslebshausen gehabt. Er war aber auch ein wichtiger Teil der im Landkreis Osterholz noch immer durchaus als legendär zu bezeichnenden Truppe des 1. FC Osterholz-Scharmbeck, die Ende der 1970er-Jahre in der höchsten niedersächsischen Spielklasse für Furore sorgte.

Neue Erfahrung beim FCO

Wolfgang Neika, „Pummel“ Stöhr, Bernd Grundmann – die damalige FCO-Mannschaft war gespickt mit brillanten Kickern. Und echten Typen. Rolf Altmann, gebürtiger Bremer und bei AGSV Bremen fußballerisch groß geworden, kam im Sommer 1977 dazu. Und so etwas wie beim 1. FCO hatte er vorher noch nicht erlebt: „Diese Identifikation der Menschen damals mit dem Verein, das war absolut außergewöhnlich.“ Das wurde auch nach jenem ganz besonderen Spiel am 9. Juni 1979 deutlich. Minutenlang bekamen die FCO-Kicker tröstenden Applaus gespendet. So nah hatten sie vor der Sensation gestanden, so sehr hatten die Zuschauer im städtischen Stadion am Klosterholz mitgefiebert. Aber der Reihe nach.

Die Weinroten waren im Sommer zuvor aus der Landesliga, der damaligen höchsten Spielklasse Niedersachsens, abgestiegen, hatten sich aber als Meister der Verbandsliga Nord umgehend wieder die Chance erspielt, gegen die drei anderen Staffelmeister um die Rückkehr in jene Landesliga zu kämpfen. Kurz bevor die Aufstiegsrunde Mitte Juni startete, stand noch das DFB-Qualifikationsspiel gegen den VfL Wolfsburg an. Durch einen nicht für möglich gehaltenen 3:2-Sieg über Eintracht Nordhorn, genau wie die „Wölfe“ damals ein ein Drittligist aus der Amateur-Oberliga, hatten sich Altmann und Co. für dieses Pokalspiel qualifiziert.

„Allein das war schon ein riesiger Erfolg gewesen“, erinnert sich Rolf Altmann. Doch diese FCO-Truppe war nicht für die Goldene Ananas gemacht, und so gingen die Mannen von Trainer Egon van Koll auch in das ungleiche Duell mit dem mit Amateur-Nationalspielern gespickten Ex-Zweitligisten. So hatte VfL-Spieler Peter Ament nur drei Tage zuvor noch mit der Deutschen Amateur-Nationalmannschaft in Cadiz gegen Spaniens Auswahl mit 4:0 gewonnen. Nun hieß der Gegner 1. FC Osterholz-Scharmbeck.

900 Zuschauer hatten sich an jenem Sonnabend im städtischen Stadion eingefunden – eine für damalige Verhältnisse eher spärliche Kulisse. Vielleicht hatte niemand der FCO-Truppe ernsthaft etwas zugetraut. Die Mannschaft um ihren Kapitän Wolfgang Neika hatte sich im Vorfeld der Partie noch extra in ein kurzes Trainingslager zurückgezogen, wie sich Altmann erinnert. Der Libero des damaligen Fünftligisten musste dann tatsächlich nur in der Anfangsphase Schwerstarbeit verrichten. Da agierten die Wolfsburger genau so, wie man es von einem ambitionierten Drittligisten erwartet hatte.

Die Sensation vor Augen

Doch nach zehn Minuten befreite sich der FCO aus der Umklammerung – und spielte seinerseits mutig nach vorne. Uwe Janssen legte Wolfsburgs Spielmacher Peter Ament vollständig an die Kette. Wolfgang Neika und Eckhardt Horwedel trieben das Spiel der Gastgeber nun unermüdlich an. Mit einem 0:0 ging es in die Pause und Rolf Altmann erinnert sich: „Da haben wir zum ersten Mal so richtig dran geglaubt, die Wolfsburger wirklich besiegen zu können.“

In der zweiten Halbzeit blieb es beim selben (unerwarteten) Bild. Der FCO drängte die „Wölfe“ weit zurück in deren Hälfte und erspielte sich immer mehr Chancen. Doch ausgerechnet der sonstige Torschütze vom Dienst hatte einen schwarzen Tag erwischt. „Pummel“ Stöhr vergab gleich mehrere Hochkaräter, zudem hatte auch der eingewechselte Harald Janssen eine dicke Chance. Kapitän Neika war es schließlich, der in der 90. Minute aus 14 Metern auch noch die Latte traf. „Da bin ich hinten fast verrückt geworden“, erinnert sich Rolf Altmann, der mitansehen musste, wie seine Kollegen die allerbesten Chancen liegen ließen. Von Vorwürfen ist er aber auch mehr als 40 Jahre später weit entfernt: „Wir haben alle ein riesiges Spiel abgeliefert.“

So ging es schließlich in die Verlängerung, in der Wolfsburgs Winter nach sechs Minuten das 1:0 für die Gäste erzielte und nur zwei Minuten später Pries auf 2:0 erhöhte. „Da war die Luft bei uns raus, wir waren stehend k.o.“, berichtet Altmann. Immerhin war den FCO-Kickern noch der Ehrentreffer zum 1:3-Endstand durch Wolfgang Neika vorbehalten. Dann war Schluss, und die 900 Zuschauer spendeten langen Applaus für eine großartige Schlacht der Weinroten. Sportredakteur Gerd Meyer schrieb in seinem Artikel: „Beim 1. FCO gab es in dieser Partie keinen Schwachpunkt. Neben den überragenden Neika, Horwedel und Uwe Janssen bot vor allem ,Fitsche‘ Schmidt eine Klassepartie, der seinem Gegenspieler wie ein Terrier an den Fersen hing. Auch Libero Altmann gefiel mit einer kompromisslosen Spielweise.“

Doch noch Grund zum Feiern

Für den FCO ging es nur vier Tage nach der Pokalschlacht weiter mit dem ersten Spiel der Landesliga-Aufstiegsrunde gegen den Meister der Weststaffel, den TuS Syke. Am Ende der Landesliga-Relegation gab es dann doch noch etwas zu feiern für die Osterholz-Scharmbecker. Neika und Co. schafften den direkten Wiederaufstieg unter anderem mit einer Partie in Walsrode vor mehr als 3000 Zuschauern. Noch so ein Highlight, von dem Rolf Altmann berichten könnte.

„Wir haben damals wirklich viele tolle Sachen erlebt“, erinnert sich Altmann. Das Beste sei aber die außergewöhnliche Kameradschaft gewesen. Bis heute bestehen enge Freundschaften zu einigen der damaligen Spieler. Auch der Beziehung zu „Pummel“ Stöhr, der damals gegen Wolfsburg den Sieg alleine hätten klarmachen können, hat diese Partie nichts anhaben können. „Aber als ich ihm gesagt habe, welches mein Spiel des Lebens ist, war seine Antwort nur: Kannst Du nicht ein anderes Spiel nehmen?“, berichtet Rolf Altmann lachend.

Auswahl hätte er ja weiß Gott genug gehabt. Wenngleich ein ganz großes weiteres Kapitel durch das 1:3 verloren ging. Denn der Gegner in der ersten DFB-Pokal-Hauptrunde wäre kein geringerer als Bundesligist VfB Stuttgart gewesen.

Info

Zur Person

Rolf Altmann (71)

begann 1960 beim AGSV Bremen mit dem Fußballspielen. 1972 wechselte er zur SG Oslebshausen Bremen, wo er in der damals viertklassigen Bremer Verbandsliga seine ersten Jahre als Herrenspieler verbrachte. Nach vier Jahren bei der SGO folgte im Sommer 1977 der Wechsel zum 1.FC Osterholz-Scharmbeck. Nach vier Jahren ging Altmann dann zur TuSG Ritterhude, wo er mittlerweile auch wohnte. Bei der TuSG kickte Altmann ab 1984 in der Ü32. Von 1996 bis 2013 schnürte er dann noch einmal für die Ü50, Ü60 und Ü65 des SV Komet Pennigbüttel die Fußballschuhe. Seit mittlerweile 27 Jahren ist Altmann aber auch im Spartenvorstand der Ritterhuder Tennis-Abteilung tätig und engagierte sich zehn Jahre bei den Ritterhude Badgers, wo sein Sohn Julian Altmann zwischenzeitlich als Vereinsvorsitzender aktiv war. Neben dem Tennissport spielt Rolf Altmann mittlerweile auch gerne mal eine Partie Golf.

Info

Zur Sache

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg, oder die bittere Niederlage in letzter Sekunde. In unserer neuen Serie „Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportlerinnen und Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn – ganz egal, ob positiv oder negativ.

Weitere Informationen

Samstag, 9. Juni 1979

DFB-Qualifikationsspiel

1. FC Osterholz-Scharmbeck - VfL Wolfsburg 1:3 (0:0)

1. FC Osterholz-Scharmbeck: Ohrdorf; Altmann, Liehl, Schmidt (100. Kaiser), Wolf, Oestmann, Uwe Janssen, Neika, Grundmann (65. Harald Janssen), „Pummel“ Stöhr

VfL Wolfsburg: Josef; Benasch, Nobs, Oschmann, Kohlmeyer, Mattes, Ament (91. Nie), Pries, Reich, Schachner (75. Rode), Winter

Tore: 0:1 Winter (96.), 0:2 Pries (98.), 0:3 Nobs (105.), 1:3 Wolfgang Neika (114.)

Schiedsrichter: Schröder (Nienburg) zeigte Liehl (FCO), Ament und Winkler (beide VfL) die Gelbe Karte und schickte Stöhr (FCO) nach Schiedsrichterbeleidigung für zehn Minuten vom Platz

Zuschauer: 900

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