Serie „Der Weg zum Sündenbock“ - Teil 1

Schiedsrichter-Lehrgang startet mit Kuriositäten

Die erste Woche ist geschafft, der erste kleine Test geschrieben – und Tobias Wulff vom ATSV Scharmbeckstotel hat Blut geleckt. Was der 23-Jährige bisher alles erlebt hat, steht im ersten Teil der neuen Serie.
20.01.2020, 14:23
Lesedauer: 6 Min
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Schiedsrichter-Lehrgang startet mit Kuriositäten
Von Tobias Dohr
Schiedsrichter-Lehrgang startet mit Kuriositäten

Da sitzen sie, die angehenden Jungschiedsrichter: In der IGS bereiten Thomas Rehberg (stehend rechts) und Marcus Nettelmann (links) die Kandidaten auf die Prüfung vor.

Fotos: Tobias Dohr

Osterholz-Scharmbeck. Ausgerechnet der Kunstraum – natürlich. Passt ja irgendwie. Es hätte ja auch die Aula, die Sporthalle oder ein stinknormaler Unterrichtsraum sein können. Doch die angehenden Schiedsrichter sollen ihr Handwerk im Kunstraum der IGS-Schule erlernen. Die hohe Kunst des Pfeifens.

Tobias Wulff und seinen Lehrgangskollegen fällt dieses winzige Detail gar nicht auf, als sie das erste Mal den Raum 132 betreten. Viel zu angespannt sind alle. Den Gesichtern nach zu urteilen sind hier die allerwenigsten aus wirklich freien Stücken. Unbändige Vorfreude sieht jedenfalls anders aus.

Es liegt eine angespannte Stille im Raum, als Kreisschiedsrichterobmann Thomas Rehberg und Lehrwart Marcus Nettelmann darauf warten, den neuen Schiedsrichter-Anwärterlehrgang des Landkreises Osterholz zu eröffnen. Nach und nach kommen sie herein und suchen sich schleunigst eine Sitzgelegenheit – vornehmlich in der hintersten Reihe. Tobias Wulff gehört mit seinen 23 Jahren eindeutig schon zu den Ältesten. Der Altersschnitt liegt irgendwo zwischen 16 und 17. Viermal Jahrgang 2004, zwölfmal Jahrgang 2005 und sogar vier Jugendliche, die erst 2006 geboren sind, sitzen hier. Es ist toll, dass sich diese jungen Menschen solch einer Aufgabe stellen, dennoch bleibt ein ungutes Gefühl.

Bereit mit 14 Jahren?

Wer die insgesamt 17 Fußball-Regeln des DFB in den kommenden sechs Wochen derart verinnerlicht, dass er die Prüfung besteht, wird sich zeitnah eventuell auch bei einem Herren-Kreisligaspiel an der Seitenlinie wiederfinden – und muss dann nach einer unter Umständen strittigen Abseitsentscheidung die lautstarken Unmutsbekundungen der Spieler aushalten. Runterschlucken. Weglächeln? Kann man auf so etwas wirklich in sechs Wochen vorbereitet werden? Mit 14 Jahren?

Marcus Nettelmann und Thomas Rehberg versuchen es. Vor allen Dingen versuchen sie, die Sorgen zu nehmen. Die Angst vor dem, über das man in jüngster Zeit immer wieder lesen muss. Von Anfeindungen gegenüber Schiedsrichtern, von körperlichen und verbalen Angriffen. „So etwas ist nicht die Regel“, sagt Thomas Rehberg ganz entschieden, als er den Lehrgang schließlich offiziell eröffnet. „Die allermeisten Spiele machen Spaß. Und in den allermeisten Fällen läuft alles ganz vernünftig ab“, ergänzt er. Seit 1981 ist Rehberg aktiver Schiedsrichter, seit 20 Jahren Schiedsrichterobmann. Tätliche Ausschreitungen hat es im Landkreis Osterholz in all den Jahren nur ganz, ganz vereinzelt gegeben.

Umsonst ins Bundesliga-Stadion

Auch Tobias Wulff hat diese Gedanken im Kopf, als er sich erstmals auf den Weg nach Buschhausen macht. Aber bei ihm ist in den vergangenen Tagen auch immer mehr Vorfreude dazugekommen. Vorfreude auf die anstehende Herausforderung. Auch bei Wulff war es zunächst so, dass sein Verein, der ATSV Scharmbeckstotel, händeringend auf der Suche war nach Schiedsrichternachwuchs. Denn wenn die Vereine zu wenige Unparteiische stellen, müssen sie an den Verband Strafgelder zahlen. Vielleicht ist der Altersschnitt im Kurs auch genau deshalb so, wie er ist. Junge Leute lassen sich wohl etwas schneller überzeugen, etwas leichter überreden, etwas eher ködern. Denn wer den Schiedsrichterschein am Ende in der Tasche hat, ist nicht nur für seinen Verein wichtig. Schiedsrichter genießen ja durchaus auch Privilegien. Da sind zum einen die Spesen, mit denen man als Teenager durchaus sein Taschengeld aufdoppeln kann. Da ist vor allem aber die Möglichkeit, umsonst in jedes Bundesliga-Stadion gehen zu können.

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Nach der Klärung einiger Regularien geht es richtig los. Die Regeln 1, 2 und 4 des Regelbuches werden durchgearbeitet – und die ersten Kuriositäten entdeckt. Beispielsweise, dass der Sechzehner gar kein Sechzehner ist, sondern streng genommen ein Sechzehneinhalber. Dass ein Fußballfeld theoretisch 89 x 90 Meter groß sein dürfte. Oder dass die Spieler laut Regelbuch tatsächlich auch mit Sonnenbrille und Sandalen spielen dürften. „Das ist unglaublich, dass es so viele kleine Regeln gibt, die man gar nicht richtig kennt“, staunt Tobias Wulff auf der Heimfahrt am Donnerstagabend. Am zweiten Lehrabend war Patrik Feyer als Referent vor Ort. Der 27-Jährige pfeift mittlerweile Spiele in der Oberliga und steht als Assistent in der Regionalliga an der Seitenlinie. Und er ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass auch ein Laufbahnstart mit 15 Jahren absolut funktionieren kann.

„Ich kann euch nur beglückwünschen, dieser Kurs und die Erfahrungen als Schiedsrichter bringen sehr viel. Man entwickelt sich stark weiter, jeder Arbeitgeber sieht es gerne, wenn man solch eine Kompetenz vorweisen kann“, sagt Patrik Feyer zu den jungen Menschen. Gleichwohl weiß der erfahrene Schiedsrichter aber auch: „Man muss lernen, vieles zu überhören und auf Durchzug stellen können. Am Ende ist man nun mal oftmals der Blitzableiter.“ Genau diese Worte beschäftigen auch Tobias Wulff nach dem zweiten von insgesamt acht Lehrabenden. Wie wird er reagieren, wenn er zum ersten Mal auf dem Platz steht und beleidigt wird? Wie ist dieses Gefühl wohl, wenn man eigentlich nur etwas Gutes für den Sport tun will, und es dann unter Umständen kein einziges, beziehungsweise ehrliches Dankeschön für die ganze Zeit, den Aufwand und Stress zu hören gibt? Und was für ein Schiedsrichter möchte er eigentlich sein?

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„Einer, der mit den Spielern redet und auch mal ein bisschen Lockerheit reinbringt“, beschreibt Wulff sein eigenes Idealbild eines Schiedsrichters. „Wenn ich vernünftig mit den Spielern umgehe, werden sie es doch auch mit mir tun. Oder?“ Schon in wenigen Wochen wird Tobias Wulff eine Antwort auf diese Frage bekommen. Am Donnerstag bekommt er zunächst einmal eine Antwort auf die Frage, wie gut er am ersten Abend aufgepasst hat. Mit kleinen Tests werden die Inhalte des vorangegangenen Abends überprüft. 18 Fragen zu den Regeln 1, 2 und 4. Fünf Fehler hat Tobias Wulff am Ende, damit liegt er eindeutig im vorderen Drittel. Dennoch weiß er jetzt endgültig: „Im Vorbeigehen mal eben den Schein machen geht wohl nicht.“

An den ersten beiden Lehrgangsabenden ist die eigene Anspannung trotzdem sehr schnell der Neugierde und Freude an seiner großen Leidenschaft, dem Fußball, gewichen. Und es ist vermutlich die Erkenntnis des Abends – selbst hier macht dieser tolle Sport vor allen Dingen eines: viel Spaß. Jedenfalls freut sich am Ende nicht nur Tobias Wulff, sondern auch der Großteil seiner Kurskollegen bereits auf die zwei Lehrabende der kommenden Woche. „Das macht wirklich Lust auf mehr, ich fand diesen Auftakt total interessant“, sagt er. Wer hätte das gedacht?

Info

Zur Sache

„Bisher haben es nur Ausnahmen nicht geschafft“

158 Seiten ist es dick, das aktuelle Regelbuch des Deutschen Fußball-Bundes, das im Vorfeld der Saison 2019/2020 aufgelegt wurde. Darin werden die 17 Regeln ausführlich erläutert. Diese sollten die angehenden Schiedsrichter möglichst genau kennen, denn in der zu absolvierenden Prüfung dürfen bei 30 Fragen höchstens fünf Fehler gemacht werden. Maximal drei bis vier Absolventen, das zeigt die Vergangenheit, fallen in der Prüfung durch. Die meisten davon schaffen die Prüfung dann im zweiten Anlauf in einem anderen Landkreis (Verden oder Cuxhaven). Dort startet der Lehrgang später, weshalb es die charmante Möglichkeit gibt, im Notfall dort einfach noch mal die Prüfung zu machen. „Bisher haben es wirklich nur Ausnahmen nicht geschafft“, sagt Marcus Nettelmann.

37 Anmeldungen hatte der Osterholzer Lehrwart für den aktuellen Kurs erhalten. 29 Teilnehmer sind am ersten Abend gekommen. „Das ist eigentlich das, was wir in den vergangenen Jahren immer so hatten, mal knapp über 30, mal etwas weniger“, sagt Nettelmann. Rund 200 Schiedsrichter zählt der Osterholzer Kreisverband. Jedes Jahr müssten eigentlich 30 bis 40 hinzukommen, um den Spielbetrieb aufrechterhalten zu können. Die Fluktuation ist nämlich hoch. „Gerade bei den Jüngeren scheiden jedes Jahr viele wieder aus“, weiß Schiriobmann Thomas Rehberg. Und genau das ist ein großes Problem. Denn die Altersklasse von 25 bis 40 Jahren fehlt fast komplett. Und gerade diese Schiedsrichter wären auf lange Sicht wichtig, weil verlässlicher planbar. Schüler und Studenten sind naturgemäß wechselhafter, ziehen um oder können und wollen die Zeit nicht aufbringen.

Machen sie es doch, können sie sich durchaus etwas hinzuverdienen. Wer in der D-Jugend-Kreisliga ein Spiel pfeift, bekommt dafür laut Spesenordnung 15 Euro. In den Seniorenklassen gibt es 20 Euro, in der Herren-Kreisliga immerhin schon 25 Euro für einen Einsatz. So steigert es sich über die Bezirksliga (35 Euro), Landesliga (40 Euro) bis hin zur Oberliga, wo Patrik Feyer pro Einsatz 60 Euro abrechnen darf. Für die Schiedsrichter-Assistenten sind die Sätze entsprechend niedriger. Außerdem darf der Schiedsrichter zusätzlich 30 Cent pro gefahrenem Kilometer abrechnen. Die genaue Spesenordnung des Kreisverbandes Osterholz ist auf der Homepage des Verbands einzusehen (www.nfv-osterholz.de).

Weitere Informationen

In unserer wöchentlichen Serie „Der Weg zum Sündenbock“ begleitet die Sportredaktion den Scharmbeckstoteler Tobias Wulff durch den Schiedsrichterlehrgang des Osterholzer Kreisverbands und dokumentiert dessen Weg bis hin zum ersten Schiedsrichtereinsatz.

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