Kampfsportler Werner Buddrus

„Die Motivation ist: Finde selbst heraus, was fehlt“

Werner Buddrus steht seit 50 Jahren auf der Matte. Erste Kampfsporterfahrungen sammelte er im Judo und widmete sich danach dem Karate. Der Kampfsportler aus Osterholz-Scharmbecker über seinen Werdegang.
09.08.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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„Die Motivation ist: Finde selbst heraus, was fehlt“
Von Dennis Schott
„Die Motivation ist: Finde selbst heraus, was fehlt“

Strebt als nächstes eine Prüfung im Kubodo an: Kampfsportler Werner Buddrus

Dennis Schott
Herr Buddrus, Sie feiern in diesem Jahr ihr 50-jähriges Matten-Jubiläum. Müssen Sie sich bei der Vorstellung daran eigentlich selbst kneifen?

Werner Buddrus: Das muss ich eigentlich nicht. Karate zu machen oder zu trainieren, das ist für mich Gewohnheit geworden. Wie für andere es normal ist, sich jeden Tag die Zähne zu putzen, ist es für mich normal, jeden Tag zu trainieren. Wenn ich im Urlaub bin, fange ich ziemlich schnell an zu zappeln. Deswegen verspüre ich gar kein Bedürfnis, mich zu kneifen. Das gehört einfach zu meinem Leben.

Können Sie sich überhaupt an das erste Mal erinnern?

Ich habe ja mit Judo angefangen. Dazu gekommen bin ich über einen Kollegen, der immer nach Bremen in eine Judo-Schule gefahren ist. Ich hatte aber auch schon immer Interesse an Karate, und mein Kollege meinte: Da ist jemand, der Karate macht. Das war ein japanischer Student, der eine Weltreise machte und sich durch Karate ein kleines Zubrot verdiente. Der ist dann nach ein, zwei Monaten zwar wieder abgereist, es hatte sich aber danach eine kleine Gruppe gebildet, die gerne Karate weitermachen wollte.

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Und Sie sind dabei geblieben?

So sind wir in Kontakt getreten mit einem Verein aus Bremerhaven, der hat einen Trainer geschickt, damit wir erst einmal weitermachen konnten. Daraus hat sich entwickelt, dass einige aus dieser Gruppe die ersten Prüfungen abgelegt haben. So hat das angefangen. Ich bin dann auch weiterhin nach Bremerhaven gefahren, weil ich merkte, dass mich das weiterbringt. Da waren schon mehrere Schwarzgurte dabei und ich war gerade einmal Schüler.

Die Leidenschaft fürs Karate packte Sie demnach schon ziemlich schnell?

Zu Beginn, für zwei Jahre oder so, habe ich Judo und Karate parallel betrieben. Habe mich dann aber entschieden, nur Karate zu machen, weil beides sehr viel wurde. Danach uferte es aber wieder aus, weil ich auch im Karate viel unterwegs war.

Was heißt „es uferte aus“?

Ich habe viel Judo und Karate trainiert. Dann habe ich mir gesagt: Okay, hörst du mal mit Judo auf, obwohl ich da kurz vor dem Schwarzgurt stand, weil mich Karate einfach mehr interessiert hat. Es lief dann aber ziemlich schnell auf dasselbe hinaus, weil ich mich auch im Karate sehr engagiert habe. Auch da war die Woche wieder ziemlich schnell voll.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt, haben also mit 20 angefangen. Ist das nicht etwas spät?

Eigentlich schon, zumindest nach heutigen Vorstellungen. Heute fangen die meisten schon viel früher an, das geht ja schon in der ersten oder zweiten Klasse los, wenn man die Leistung bringen will. Damals war das nicht so und man konnte trotzdem die Leistung bringen. Das hat sich vom Niveau her verschoben. Die Kinder spezialisieren sich schon früh. Sie machen Kata, das ist ein Formlaufen. Da gibt es bestimmte Techniken, die gezeigt werden müssen und bei Meisterschaften bewertet werden. Als ich anfing, war es gang und gäbe, dass man Kumite macht. Das ist Freikampf. Man hat aber eben auch Kata gemacht. Man hat sich bei Meisterschaften also in diesen zwei Kategorien gemeldet.

War das normal?

Das gibt es heutzutage eigentlich gar nicht mehr, weil die Kämpfer in ihren Kategorien schon sehr weit fortgeschritten sind. Da haben Quereinsteiger eigentlich keine Chance. Die Zeit kann keiner mehr aufholen. Wenn man sich das heutige Kumite anschaut, dann ist es viel ästhetischer, viel athletischer. Wir dagegen haben uns früher noch richtig gehauen. Wenn man die Regeln wegließ, konnte man damit auf der Straße noch etwas anfangen. Das hat sich völlig gewandelt. Was auch gut so ist.

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Heißt das, früher war es brutaler?

Ich kann mich noch an eine deutsche Meisterschaft erinnern, die in den 70er-Jahren in Osterholz-Scharmbeck ausgerichtet wurde. Die wollten sich meine Eltern auch anschauen, weil ich zu der Zeit schon den schwarzen Gurt hatte. Die sind nach zehn Minuten aber schon wieder gegangen, weil sie das nicht mitangucken konnten. Für sie war es brutal, für uns war das normal.

War Karate früher nicht auch viel mehr eine Nischensportart als heute, etwas Exotisches? Ist Kampfsport heutzutage normaler geworden?

Es war exotischer und ist es heute auch noch ein Stück weit. Es gab durch Bruce Lee eine Phase, in der viele Karate machen wollten, ohne zu wissen, was dahinter steckt. Da wollte jeder hauen und stechen. Nur: Mit 40 Leuten, oder mehr, in einer Halle kann man nicht trainieren. Was hat man gemacht? Wie man es halt gelernt hat: Man hat erst mal eine knackige Gymnastik gemacht, um es mal so auszudrücken. Damit hat man erst mal selektiert. Das war die erste Stufe. Dann hat sich die Gruppe durch das harte Training, denn Karate ist hartes Training, weiter verkleinert. Dann waren es immer noch 20, aber man konnte sich zumindest im Raum bewegen. Heute gibt es ja viel mehr Angebote, nicht nur Karate.

Was hat Sie denn dazu bewogen, nicht aufzugeben? Was ist Ihr Antrieb über all die Jahre gewesen?

Es hat mich einfach fasziniert. Ich habe ja auch die Stilrichtung gewechselt von Shotokan zu Wado-Ryu. Ich hatte einen japanischen Meister gesehen, ein hoch dekorierter, einer der besten Kämpfer Japans. Und der hat mich im Nachhinein sehr beeinflusst. Was ich da gesehen haben, hatte ich zuvor nicht gesehen. Die Schnelligkeit, das genaue Auge und dieses Kompromisslose – das alles hat mich gefesselt. Ich war schon damals nicht so schlecht in meinem Umfeld, aber das, was er gezeigt hatte, wollte ich auch lernen. Das muss so etwa 1975 gewesen sein. Da habe ich den 3. Dan gemacht. Zu der Zeit bin ich auch in die Nationalmannschaft gekommen, war bei der Europameisterschaft zwar nur Ersatzmann, durfte aber auch antreten. Das war schon etwas Besonderes.

Wie ging es danach weiter?

Ich hatte das Ziel, einen Schwarzgurt zu kriegen und unter dem Meister die nächste Graduierung zu bekommen. Das war gar nicht so leicht, weil der sehr hohe Ansprüche hatte. Beim ersten Durchgang zum 3. Dan habe ich es nicht geschafft. Dann hat er mich ein Jahr warten lassen und dann sagte er: Ich komme nächste Woche nach Bremerhaven.

Warum hat er das gesagt?

Er wollte mich auch dahingehend testen, ob ich nur hinter dem Gurt her war oder bei der Stange bleibe. Er hatte eine völlig andere Sichtweise, die ich zuerst auch gar nicht verstanden habe, weil ich mich gegenüber den anderen zu stark kritisiert gefühlt habe. Ich habe wirklich hart trainiert und trotzdem Mecker gekriegt. Das war aber seine Art der Förderung, die ich erst später verstanden habe. Das hat ein paar Jahre gedauert. Aber es hat dann ja letztlich mit den Prüfungen geklappt.

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Manch anderer wäre aber entmutigt gewesen, oder?

Der Japaner ist halt anders. Ein Lob kommt sehr selten. Ich kann mich noch erinnern: Ich habe in der Gruppe eine relativ lange Kata gezeigt und der Meister meinte: Deine Kata ist gut, sie ist aber nur zu 80 Prozent richtig. Oh, dachte ich, der Meister hat mich gesehen und sogar gelobt. Bei nächsten Mal wieder: Deine Kata ist gut, aber nur zu 80 Prozent richtig. Welche 20 Prozent fehlten, hat er aber nicht gesagt. Die Motivation ist: Finde selbst heraus, was fehlt.

Ist es dann in gewisser Weise eine Suche nach sich selbst?

Ja, genau. Es geht darum, an sich zu arbeiten und selbst Lösungen zu finden.

Sie haben viel erreicht, mehrere Dan-Grade erworben. Soll es für Sie noch weiter gehen? Was sind Ihre Ziele? Sie haben den 7. Dan, hoch geht es bis zum 10. Dan…

Den strebe ich nicht an, dafür bin ich auch zu alt. Ich hätte nie gedacht, dass ich so weit komme. Für mich war der Schwarzgurt das Ziel. Für mich war damals der 5. Dan schon sehr hoch, dass ich zum 7. Dan gekommen bin, das ist schon außergewöhnlich. Es geht mir darum, zu trainieren, zu üben und mich an den Herausforderungen abzuarbeiten. Als nächstes strebe ich eine Prüfung im Kubodo an.

Um sich das vor Augen zu führen: Wie viel Zeit vergeht zwischen den einzelnen Dan-Graden?

Die Mindesttrainingszeit zum 1. Dan sind drei Jahre, wenn man schnell ist. Die meisten brauchen vier, fünf Jahre. Dann braucht man jeweils zwei bis drei Jahre für den nächsten Dan. Ab dem 5. Dan sind es fünf Jahre, die man einhalten muss. Der 9. und 10. Dan werden nur verliehen.

Das heißt, wenn ich eine Dan-Prüfung nicht bestehe, muss ich wieder drei bis fünf Jahre warten?

Ja, deswegen sind die hohen Dan-Träger auch älter.

Sie sind praktisch seit Bestehen des 1. Budo-Club Osterholz-Scharmbeck Trainer im Verein. Wie wichtig ist es Ihnen, das Erlernte weiterzugeben?

Das ist mir schon wichtig, weil ich diese Kunst liebe. Ich möchte die Schüler begeistern, sie so gut es geht fördern und sie bis zum 1. Dan bringen. Generell ist es mir wichtig zu vermitteln, dass man durchhalten sollte. Es ist zwar auch wichtig, dass man sich ausprobiert, aber nicht direkt aufgibt. Und dann findet man auch, was man braucht und einem zusagt. Es kann sein, dass man mit Karate anfängt und dann beispielsweise beim Schwimmen landet. Weil man erkennt: Das sagt mir eher zu.

Das Gespräch führte Dennis Schott.

Info

Zur Person

Werner Buddrus (70) sammelte im Judo seine ersten Kampfsporterfahrungen, widmete sich danach dem Karate, wo er in der Stilrichtung Shotokan 1973 seinen 1. Dan, einen Meistergrad, erwarb. Zwei Jahre später kam der 2. Dan hinzu. 1981 erreichte er den 3. Dan in der Stilrichtung Wado-Ryu, in der er 2016 den 7. Dan erhielt. Im selben Jahr erwarb der Osterholz-Scharmbecker in der Kampfkunst Kyusho Jitsu den 3. Dan. Seine letzte Prüfung bestand Werner Buddrus im Kobudo, wo er den 1. Kyu, einen Schülergrad, erhielt. Selbigen Grad erwarb er bereits 1973 im Judo.

Zu seiner Vita zählen zwischen 1972 und 1982 mehrere Teilnahmen und Erfolge an Landes- und deutschen Meisterschaften, vornehmlich in der Disziplin Kumite. Höhepunkt war 1977 die Teilnahme an der Europameisterschaft im Kumite mit der deutschen Nationalmannschaft. Werner Buddrus erwarb seit 1972 mehrere Lizenzen als Kampfrichter und war als Trainer im Bremer Landeskader sowie bei diversen nationalen und internationalen Veranstaltungen aktiv. Dem 1. Budo-Club Osterholz-Scharmbeck gehört er seit 1970 an.

Info

Zur Sache

Japanische Kampfkünste

Budo ist der Oberbegriff für alle japanischen Kampfkünste, die außer der Kampftechnik noch eine „innere“ Dō-Lehre oder auch -Philosophie enthalten. Wie in vielen japanischen Künsten liegt im Budo der Sinn eher im „Tun” als im Ergebnis. Es ist ein Prozess, dessen Ergebnis offen und oft auch nebensächlich ist, und eine Methode zur Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle. Die ersten Budo-Systeme sind in der vergleichsweise friedlichen Edo-Periode (1600-1868) entstanden, als die Samurai keine Kriege führen mussten und sie Zeit für das Üben der Kampfkünste hatten.

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