Zeitzeugen: Brigitte Escherhausen Sie hat es allen gezeigt

Man kennt sie als „Seele der Stadt“, elf Jahre war sie Bürgermeisterin in Osterholz-Scharnbeck: Brigitte Escherhausen. In unserer Serie „Zeitzeugen“ erzählt die 82-Jährige aus ihrem bewegten Leben.
05.04.2019, 17:49
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Sie hat es allen gezeigt
Von Antje Borstelmann

Osterholz-Scharmbeck. Wenn es so etwas wie ein Markenzeichen für sie gebe, dann wohl die Tasse oder den Teller mit einem Rest. „Ich lasse immer irgendwas über“, sagt Brigitte Escherhausen schmunzelnd und schiebt wie zum Beweis die Kaffeetasse mit der inzwischen kalten Neige aufs Tablett. Das ist, auf ihr Leben bezogen, nicht viel anders: Die ehemalige Bürgermeisterin der Stadt hat so viele Spuren im Ort hinterlassen, dass es schwerfällt, die alle aufzuzählen.

„Ich bin eine Chaotin“, behauptet die 82-Jährige, die eine positive Lebenseinstellung für die halbe Miete hält, von sich selber – und macht dabei doch einen ausgesprochen aufgeräumten Eindruck. Drei Dinge, die ihr neben ganz vielen anderen wichtig sind, hat sie jedenfalls binnen Sekunden im hellen Wohnzimmerschrank gefunden: das Bundesverdienstkreuz, das ihr 2006 genau an ihrem 70. Geburtstag verliehen wurde, den höchsten zivilen Orden, den die US Army zu vergeben hat und den sie für ihr Engagement für die Frauen der US-Soldaten bekam, sowie ein Foto, das sie mit dem 2015 verstorbenen Helmut Schmidt zeigt – samt Autogramm. „Da bin ich ganz stolz drauf“, sagt sie lächelnd. Als der Altbundeskanzler vor vielen Jahren mal in Ottersberg war, hat sich Escherhausen gegen alle Bodyguards durchgesetzt und diesen Schnappschuss erkämpft. Er setzt gewissermaßen ein kleines Glanzlicht auf ihr sozialdemokratisches Wirken.

Doch es war Willy Brandt, der das politische Herz der damals 34-Jährigen mit seinem Kniefall in Warschau 1970 im Sturm eroberte; wegen seiner Ostpolitik trat sie 1972 in die SPD ein. Im Dezember 1936 im westpreußischen Strasburg geboren, erlebt Escherhausen eine glückliche Kindheit. Der Vater ist selbstständiger Tischler, die Familie gut situiert. Doch von einer auf die andere Sekunde ändert sich die Welt der damals Achtjährigen. Im Januar 1945 müssen die Prekschafts gen Westen fliehen, auf den letzten Drücker, bei Nacht und Nebel. Noch immer hat Escherhausen diesen letzten Blick auf das alte Zuhause vor Augen: „Den großen Tannenbaum in der Ecke des Wohnzimmers und auf der anderen Seite den grünen Kachelofen mit der Bank drum herum, auf der wir als Gören immer saßen und zuhörten, wie unsere Oma Geschichten erzählte.“

Vorbei. Von jetzt auf gleich hat die Familie nichts mehr – dafür aber einen Schutzengel, der Escherhausen bis dato nicht mehr von der Seite gewichen ist. Im Viehwagen, bei minus 25 Grad und hohem Schnee sind die Eltern mit den acht Geschwistern auf der Flucht, müssen zwar traumatische Erlebnisse verkraften, schaffen es aber in drei Monaten bis zu einer Sammelstelle im Westen. Dort wird der Treck aufgeteilt. „Ein Teil kam nach Dresden, die sind alle im Bombenhagel gestorben, ein Teil nach Dänemark, wir Richtung Bremen.“ Das ganze Erleben und Erleiden habe sie geprägt, sagt die 82-Jährige heute, habe ihre Sicht auf die Dinge geweitet.

Noch frisch ist die Erinnerung an die erste Begegnung mit ihrer neuen Heimat im Frühling 1945. Sie hat sie förmlich in der Nase: „Das war der entsetzliche Gestank der Reiswerke“, erzählt Brigitte Escherhausen und rümpft die Nase. Aber: Es ist ein Neuanfang, mit diesem Geruch verbindet sich auch das nahende Ende des Krieges.

Escherhausen besucht die Grundschule – anfangs mit Problemen, denn Krieg und Flucht haben Spuren auf ihrer Seele hinterlassen. Doch irgendwann kann sie den Schalter umlegen, kann wieder reden. Sie startet durch, schafft die Mittlere Reife, ohne Schulgeld zu zahlen, weil sie so gute Noten nach Hause bringt. „Meine Schwäche war Mathematik, meine Stärke Deutsch.“ Noch heute ist die Seniorin stolz auf die Eins in diesem Fach im Abschlusszeugnis, und eigentlich wäre sie damit auch gern Journalistin geworden. Doch fürs Bremer Gymnasium und die Bahnfahrt dorthin reicht das Geld nicht, aus der Traum. Stattdessen geht sie zur Post.

Doch Träume sind ohnehin nicht das Fundament von Escherhausens Leben. Sie ist Realistin, betont sie in einem anderen Zusammenhang – vielleicht aber doch mit einer klitzekleinen Antenne für Dinge, die man nicht erklären kann. So wie ihre Beziehung zur Zahl sieben. Mit 17 lernt sie – an einem 7. September – auf dem Penningbütteler Erntefest ihren späteren Ehemann kennen, mit dem sie 56 Jahre lang durchs Leben gehen wird. Am 7. September neun Jahre später kommt Tochter Susanne zur Welt, sie selbst wurde am 7. Dezember 1936 geboren, ihre Mutter hatte am 7. Juli Geburtstag. Die erste gemeinsame Wohnung mit ihrem Mann bezog die Scharmbeckstotelerin in einem Gebäude mit der Hausnummer 7. „Das kann doch kein Zufall sein ...“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Dann hält sie inne. „Ja, und mein 70. Geburtstag war eigentlich geburtstagstechnisch der Höhepunkt“, sinniert sie. An diesem Tag hat der damalige Landrat Jörg Mielke die größte Überraschung für das Geburtstagskind mitgebracht: das Bundesverdienstkreuz. Eine Auszeichnung für das soziale Engagement der Osterholzerin, die in der Stadt um vieles gekämpft, vieles angestoßen und auf den Weg gebracht hat – angefangen vom Kindergarten in Scharmbeckstotel, über eine neue Schule, ein Gemeindehaus oder den Seniorenkreis, der sich „Club der Jungebliebenen“ nannte und viel unternahm. „Das war eine schöne Zeit“, resümiert Brigitte Escherhausen. Erst vor zwei Jahren, kurz vor ihrem Achtzigsten, hat sie die Leitung der Gruppe in jüngere Hände gelegt. „Lasse mich jetzt selber bedienen“, meint Escherhausen und zwinkert. Glauben mag man das der vor Energie strotzenden Seniorin nicht wirklich, und sie lenkt auch gleich ein: „Wenn ich gefragt werde, sage ich nie nein.“ Nur einmischen will sie sich nicht mehr.

Vor allem die Frauen im Dorf waren es, die in den 70ern das politische Talent der auch platt schnackenden Brigitte Escherhausen erkannten und sie drängten, in die Politik einzusteigen. „Ich habe immer Unterstützung von Frauen gehabt“, stellt die von ihren Familienmitgliedern liebevoll Tante Gitta Genannte rückblickend fest und erinnert sich noch, dass sie anfangs gar nicht so begeistert von der Idee war, „den alten Männern im Stadtrat“ Paroli zu bieten. Besagte alte Männer waren auf ihrer Seite – was die Abneigung gegen ihre Kandidatur betraf: Listenplatz 15, völlig aussichtslos. Doch Escherhausen ergriff die Chance, die sie nicht hatte. „Ich bin losmarschiert und habe gesagt: Euch zeige ich das.“ Tat sie – und fuhr 1974 das viertbeste Stimmenergebnis in der Stadt ein.

1986 wird Escherhausen gegen erheblichen Widerstand aus den eigenen politischen Reihen 1. stellvertretende Bürgermeisterin, hat, um es mit ihren eigenen Worten zu sagen „so 'n büschen Karriere gemacht, weil ich ja auch immer den Mund aufmachte“. Der Widerstand nimmt noch einmal zu, als sie sich 1990 nach dem plötzlichen Tod des Bürgermeisters um dessen Nachfolge bewirbt. „Da haben mir die Kerle wirklich böse zugesetzt“, erinnert sie sich und wiegt den Kopf. Das forderte die resolute Frau aber erst recht heraus. Am Ende gewinnt sie das Duell auf Parteiebene gegen ihren Kontrahenten, steht auch die Bürgermeisterwahl erfolgreich durch.

Elf Jahre bleibt sie ehrenamtliches Stadtoberhaupt, wird oft als „Seele Osterholz-Scharmbecks“ tituliert. Das dürfte nicht unmaßgeblich ihrer empathischen, zupackenden und bisweilen höchst temperamentvollen Natur zuzuschreiben sein. Sie setzt mehr auf Verständigung denn auf Konfrontation, Grabenkämpfe sind nicht ihr Ding. Sie will, trotz aller politischer Differenzen, so viel wie möglich für die Stadt herauszuholen. Das Mehrgenerationenhaus zum Beispiel oder auch die Seniorenbegegnungsstätte. Es tue ihr weh, wenn sie sehe, dass die Einrichtung vielleicht aus der Bördestraße wegziehen müsse, obwohl das Konzept dort so ideal sei. „Aber ich befürchte, dass das kommt“, sagt Escherhausen, und der Unmut darüber ist ihr anzusehen. Schließlich geht es um eine ihrer vielen Herzensangelegenheiten.

Ob sich Politik verändert hat? „Ja“, sagt Escherhausen, die auch 15 Jahre lang im Kreistag war, ohne zu zögern. Mit Sorge beobachtet sie, dass sich die Menschen zunehmend von den großen Parteien abwenden, auch von der eigenen, nicht mehr bereit sind, sich parteipolitisch zu binden. „Die Menschen wollen mitreden, aber keine Verantwortung übernehmen. Alles ist egoistischer geworden, orientiert an individuellen Bedürfnissen“, sagt die 82-Jährige. Aber sie konstatiert: „Auch die Politiker haben viele Fehler gemacht.“ Das Wichtigste sei, hinzuhören, zuzuhören, eine Antenne für Veränderungen zu entwickeln und sich ihnen zu stellen. „Das ist auf der Strecke geblieben“, meint Escherhausen nachdenklich und trauert ein wenig der Zeit nach, als die Menschen noch miteinander sprachen anstatt sich Handynachrichten zu schicken.

Der Blick fällt auf ein Foto, das über der Sofaecke hängt. „Wenn wir damals im Osten geblieben wären, ob wir heute noch lebten?“ Brigitte Escherhausen hält einen Moment inne und blinzelt. Dann lacht sie verschmitzt. „Na ja, Osterholz wäre jedenfalls was entgangen ...“ Da hat sie absolut recht!

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