Städtebausanierung

Umbau im Quartier

An der Mozartstraße tut sich was: Die Stadt erneuert die Straße und die Nebenanlagen und der neue Eigentümer der Wohnblöcke investiert in Modernisierungen. Beide Seiten wollen so ein besseres Umfeld schaffen.
30.01.2019, 16:48
Lesedauer: 4 Min
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Umbau im Quartier
Von Bernhard Komesker
Umbau im Quartier

Die Wohnblöcke werden modernisiert, Straßen und Nebenanlagen saniert und umgestaltet: Im Komponistenviertel tut sich allerhand.

Christian Kosak

Osterholz-Scharmbeck. Am Anfang schien es nicht viel mehr als ein Marketing-Trick zu sein, die Mozartstraße und ihre Seitenstraßen in Komponistenviertel umzutaufen. Das Negativ-Image eines sozialen Brennpunkts klebte hartnäckig weiter an der Siedlung, die bis in die frühen 90er-Jahre hinein das Zuhause von mehreren Tausend US-Soldatenfamilien war. Zahlreiche, geduldige Initiativen von kleinräumiger Sozial- und Präventionsarbeit schlossen sich an, und inzwischen ist es nicht mehr zu übersehen: Nachdem mit dem Haus der Kulturen früh ein Leuchtturm gebaut wurde, folgen den Worten weitere Taten. Gefördert durch Bundes- und Landesmittel, nehmen die Stadt und der größte Immobilieneigentümer an der Mozartstraße, die Adler Real Estate AG, zurzeit jeweils hohe sechsstellige Summen in die Hand, um das Wohnumfeld der Siedlung zu verbessern.

Eine erste Zwischenbilanz zogen jetzt Bürgermeister Torsten Rohde, Adler-Vermögensverwalter Riccardo Zinfollino sowie Vertreter des beauftragten Sanierungsträger Baubecon bei einem Rundgang unter der Leitung von Jörg Günther, Stadtplaner des Architekturbüros Argeplan. Danach wird das Gebiet, das 2002 zum Sanierungsfall erklärt wurde, in knapp zwei Jahren aus der Städtebauförderung entlassen. Ein ungewöhnlich langer Förderzeitraum, wie Bürgermeister Rohde einräumte. Stadtplaner Günther hatte eine Erklärung: Die Wohnblocks, in denen Menschen aus 28 verschiedenen Nationen leben, hätten in nicht einmal 15 Jahren vier Eigentümerwechsel erlebt.

Die NordLB-Tochter Nileg wurde zunächst 2005 von der Gagfah geschluckt, welche ihrerseits 2015 in der Vonovia aufging – mit 486 000 Wohnungen heute Deutschlands größter Vermieter. Das aktuelle Projekthandbuch der Integrationsbeauftragten Karin Wilke bescheinigt Vonovia im Rückblick planerische „Zurückhaltung“. Im Frühjahr 2017 übernahm dann Adler Real Estate. Das Berliner Immobilienunternehmen ist seither an der Mozartstraße zuständig für rund 450 Mietwohnungen. Die meisten davon wurden seit den 60er-Jahren mit staatlicher Förderung gebaut.

„Wir haben die Verträge übernommen und wir kümmern uns“, bekräftigte jetzt der aus Hamburg angereiste Adler-Manager Zinfollino beim Ortstermin. Seit der Übernahme – im Paket von 2017 befanden sich weitere 250 Vonovia-Einheiten in der Gemeinde Schwanewede – seien an der Mozartstraße bereits rund 40 Wohnungen saniert worden: Bäder und Fußböden, Treppenhäuser, Vordächer, Fassaden. Die Zahl der Leerstände sei von anfangs beinahe 90 auf mittlerweile unter 15 gedrückt worden. „Wir investieren bis 2020 rund eine Million Euro in eine bessere Wohnqualität“, sagte Zinfollino.

Dank der staatlichen Zuschüsse „können wir hier mehr machen, als wir ursprünglich wollten“, so der Manager. Zur Unternehmensphilosophie zähle die Bündelung aller Vermieter-Aufgaben in der Hand einer Verwaltungstochter. Einzig die Vermittlung bleibt außen vor. Die aber sitzt ebenso wie die Hausmeister unmittelbar vor Ort. Der Konzern habe im Vorjahr über seine mittlerweile achte sogenannte Magnus-Tochter mit der Stadt einen Vertrag geschlossen, wonach beide Seiten die Freiflächen zwischen den Gebäuden gemeinsam gestalten und aufwerten: durch Anpflanzungen, Mietergärten, Fahrradständer, Sitzgruppen, Spielplätze und barrierefreie Eingänge.

Auf Nachfrage unserer Zeitung versicherte Zinfollino, bei Altverträgen sei die Miete trotz der Wohnungsmodernisierungen bisher nicht erhöht worden; bei Neuabschlüssen gebe es einen Aufschlag innerhalb der gesetzlichen Vorgaben. Als man das Paket erworben habe, seien die teils noch sehr langfristigen Preisbindungen bekannt gewesen, so der Vermögensverwalter. Die neuen Eigentümer wollen weniger Fluktuation und weniger Leerstand, denn das erhöhe nur den Aufwand für Makler und Renovierung.

Der Konzern, dem bundesweit 62 000 Wohnungen in der Nordhälfte Deutschlands gehören, habe bei der Übernahme der Wohnungen „eine suboptimale Situation vorgefunden“. Inzwischen gebe es weniger Fortzüge: „Die Menschen sehen, dass hier etwas passiert“, sagte Zinfollino. Beispielhaft dafür steht das Hochhaus im Südwesten des Wohnquartiers, Mozartstraße 9, das renovierte Balkone und Laubengänge erhält.

Doch nicht nur das: Im Erdgeschoss wird der Eingangsbereich zu den neu geschaffenen Parkplätzen am Bahrenwinkeler Weg hin verlegt, sodass sich auch die Postanschrift verändern wird. Geplant sind unter anderem ein Hausmeisterbüro, neue Aufzüge und die Entfernung der deckenhohen Fliesen, die das Treppenhaus wie eine Waschküche wirken lassen. Der Riegel Mozartstraße 29 bis 33 erhält überdies ein Satteldach aufgesetzt, da das Flachdach sanierungsbedürftig ist.

Die Kreisstadt kümmert sich unterdessen ums Umfeld. So wurde bereits der untere Abschnitt der Mozartstraße in der zweiten Jahreshälfte 2018 für rund 850 000 Euro asphaltiert und umgestaltet. Mara Hartwig, Tiefbau-Expertin im Rathaus, zählte die Einzelheiten des Vorhabens für die 360 Meter zwischen Ritterhuder Straße und Mendelssohnstraße auf: Demnach wurde die zuvor fast neun Meter breite Fahrbahn auf 4,50 Meter verengt, und im Verlauf des Lintelwegs entstand ein neuer Fußgänger-Überweg. Weitere Engstellen zur Verkehrsberuhigung, veränderte Parkplätze sowie ein neuer Fußweg auf der Südseite der Straße gehörten ebenso zum Projekt wie die Schaffung von Buchten und Inseln; diese sind mit großen Sandsteinquadern markiert und werden im Frühjahr mit Bäumen und Hecken bepflanzt.

Da es sich um ein Sanierungsgebiet handele, würden keine Straßenausbaubeiträge von den Eigentümern erhoben, teilte Hartwig mit. Parallel ließen die Stadtwerke neue Strom-, Gas- und Wasserleitungen verlegen; der Regenwasserkanal wurde ebenfalls erneuert. Die Maßnahme komme bei den Anliegern gut an und werde nun weiter oberhalb fortgesetzt. Dort, wo im Bereich der sogenannten Blauen Fläche und der längst abgerissenen Weißen Blöcke neue Einfamilienhäuser sowie die Lebenshilfe-Kita entstehen, wurde die Mozartstraße wegen der Baufahrzeuge bislang noch nicht endgültig hergerichtet.

„Es sind viele kleine Maßnahmen, die ein Ganzes bilden“, kommentierte der Bürgermeister. Als Schlusspunkt wird nach den Worten von Jörg Günther in den Jahren 2020/21 Jahr der Garagenhof an der Zufahrt zum Haus der Kulturen abgebrochen und umgestaltet. Der Argeplan-Ingenieur bedauert, dass nicht Ähnliches auch mit dem ungeliebten Parkdeck an der Drosselstraße möglich sei; die komplizierte Eigentümerstruktur steht dem dort im Wege. Dennoch sei das Komponistenviertel auf einem guten Weg, „zu einem blühenden Quartier zu werden“, das 2021 aus der Sanierung entlassen werden könne.

Bis dahin, schätzt Bürgermeister Torsten Rohde, werden binnen 18 Jahren gut 10,36 Millionen Euro an Fördermitteln von Bund, Land und Stadt in die beiden Teilbereiche des 27,35 Hektar großen Sanierungsgebiets geflossen sein; gut die Hälfte der Fördersumme entfiel dabei auf Erschließungsmaßnahmen wie Verkehrs-, Grün- und Freizeitflächen.

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