Open Squares OHZ tanzen seit 30 Jahren

Volle Konzentration im Quadrat

Sie tragen Petticoats und karierte Hemden und machen, was der Caller will: die Aktiven der Open Squares OHZ pflegen ein Hobby voller Konzentration und Vergnügen.
06.04.2019, 22:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Ulrike Schumacher

Osterholz-Scharmbeck. Die Musik ist flott. Sie geht vom Ohr direkt ins Bein. Paare zieht es auf die Tanzfläche, und wer trotzdem an einem der langen Tische sitzen bleibt, wird sich nicht dagegen wehren können, dass die Füße wippen. Manche sind ins Gespräch vertieft, sofern das überhaupt geht bei dem kraftvollen Sound. Und bei den darüber liegenden Worten. Denn an der Seite der Tanzfläche steht ein Mann, Mikrofon am Mund, in das er pausenlos hineinspricht. „Muss das sein?“, denkt der unkundige Gast ein wenig irritiert. Und: „Warum stört sich hier niemand daran, dass jemand übers Mikrofon in die schwungvollen Klänge hineinquatscht?“ Lässt sich das nicht mal abstellen?

„Bloß nicht!“, würden die Paare auf der Tanzfläche entrüstet rufen. Der Mann ist ihr „Caller“. Er macht hier einen sehr wichtigen Job. Und wenn er – salopp formuliert – den Sabbel halten würde, wäre die Stimmung an diesem Abend ziemlich flach. Um nicht zu sagen: trostlos.

Die Square Dance-Gruppe Open Squares Osterholz-Scharmbeck hat zum Tanz eingeladen. In die Mehrzweckhalle der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Buschhausen sind neben den Mitgliedern auch Gäste aus anderen Vereinen gekommen. Clubs aus Delmenhorst, Nienburg, Kiel, Bremen und Rotenburg-Wümme sind hier mit mehreren Paaren vertreten. Ein Paar ist sogar aus Leipzig angereist.

Am Rande der Tanzfläche, gegenüber vom Caller, haben alle ein süßes und herzhaftes Buffet zusammengetragen. Stärkendes für die Tanzpausen. „Wir haben heute Bergfest“, erklärt Club-Präsidentin Beate Liebe. Seit September ist im Verein eine neue „Class“ aktiv. Eine Anfängergruppe, die noch bis Juni fleißig dafür trainiert, sich die rund 70 verschiedenen Grundfiguren im Square Dance tänzerisch zu erarbeiten. Jede Schrittfolge hat eine bestimmte Bezeichnung, die die Tänzerinnen und Tänzer wie englische Vokabeln auswendig lernen müssen. Und die sie aus den Rufen des Callers heraushören müssen, um ihre Figuren zu tanzen. An diesem Abend können die Schülerinnen und Schüler der Class schon ein wenig aufatmen. Sie sind über den Berg – 50 Figuren können sie bis jetzt aufs Parkett oder in diesem Fall auf den Hallenboden legen. Schon ruft wieder der Caller.

Der heißt Oliver Gräfing, kommt aus Harpstedt und ist bei den Open Squares OHZ so etwas wie der Stamm-Caller. Gräfing hat sein Hobby zum Beruf gemacht, weiß Beate Liebe. Die Vereine buchen ihn. Gern. Oliver Gräfing ist beliebt bei den Tanzgruppen. Nicht jeder Caller ist wie der andere. Alle haben ihren Stil, erzählen die Paare. Und Oliver Gräfing macht seine Arbeit mit einer großen Portion Intuition. Er spult die englischen Redewendungen für die einzelnen Figuren nicht einfach nur herunter. Er gehe auch mit keinem fertigen Konzept in den Abend, erzählt der Caller. Ihm sei es wichtig, die Stimmung zu erfassen, zu spüren, welche Figuren passen könnten. „Eine reine CD kann das nicht leisten“, weiß er. Aus der Stimmung, die der Caller aufnimmt, ergibt sich dann eine Art Sprechgesang, in dem er die Tanzschritte und die Figuren ansagt und bei dem er für einen möglichst fließenden Ablauf der Figuren sorgt – für den sogenannten „body-flow“.

Die Tänzerinnen und Tänzer schätzen es auch, dass Oliver Gräfing singen kann. „Er singt gut“, findet Beate Liebe. „Er kann richtig gute Stimmung machen.“ Aus dem Lautsprecher schallt „Hey, Pippi Langstrumpf, trallali trallala trallahopsasa!“ Nicht unbedingt die Musik, die jemand auf einem Sqare Dance-Abend vermuten würde. „Es erklingt schon überwiegend Country-Musik“, sagt denn auch Ralf Kölling, der Club-Caller bei den Open Squares ist. „Aber wir haben auch Stücke aus Musicals oder Operetten im Programm“, ergänzt Schatzmeisterin Renate Thiele, deren Funktion clubkorrekt „Treasure“ genannt wird. Im Lauf des Abends erklingt immer mal wieder countryferne Musik. Gerade singt Frank Sinatra sein weltberühmtes „New York, New York“.

Oliver Gräfing fällt dazu immer etwas Tanzbares ein. Aber nun hat er sich – auch wenn es nur ein paar Minuten sind – schon zu lange Zeit genommen für das kurze Gespräch abseits der Tanzfläche, wo der Stillstand die Paare ungeduldig werden lässt. Deren Blicke sind deutlich: Es soll weitergehen. Der Harpstedter lacht vergnügt. Seit gut 26 Jahren ist Oliver Gräfing als Caller unterwegs. Die Arbeit macht ihm immer noch spürbar Freude. Dem inzwischen nicht mehr ganz so unkundigen Gast leuchtet die fortwährende Sprecherei nun auch ein. Aber wie kann jemand das einen ganzen Tanzabend lang – drei Stunden – durchhalten? Oliver Gräfing schmunzelt und sagt. „Caller kann nur werden, wer ein Sabbeltalent hat.“ Dann ist er auch schon auf dem Sprung zurück zur Musikanlage. Es soll ja weitergehen.

Die Tanzfreudigen stehen bereit. Vier Paare müssen dabei jeweils ein Quadrat bilden, ein Square. „Es kann so viele Squares geben wie Platz auf der Tanzfläche ist“, sagt die Präsidentin. Dann kann das Vergnügen beginnen. Jetzt wippen nicht nur die Füße, sondern auch die rüschigen Petticoats der Damen. Das festliche Outfit gehört bei einem Tanzabend dazu. Die Herren tragen meistens Jeans und karierte Square Dance-Hemden mit metallenen Kragen-Ecken. Dazu ein Band am Kragen oder ein Halstuch. Weiteres Requisit: eine Halterung für ein kleines Handtuch, das bei dem schweißtreibenden Tanzsport unerlässlich ist.

Niemand ahnt, welche Choreografie bevorsteht. „Die Kunst ist, dass wir nicht wissen, was wir tanzen“, erklärt Beate Liebe. „Wir können nur die Figur tanzen, die gerade angesagt ist. Und ohne den Caller können wir gar nicht tanzen.“ Dem purzeln wieder die Ansagen durch die Lippen: „Circle left, Circle right, Do Sa Do, Star left, Star right.“ Am Ende eines solchen Abends weiß sie nicht mehr, was sie an Tanzfiguren hinter sich hat, erzählt Beate Liebe vergnügt. Die Tänzerinnen und Tänzer seien alle auf den Moment konzentriert, auf die angesagte Figur und darauf, sie zu tanzen. „Das ist gut gegen Demenz“, ist die Präsidentin überzeugt.

Der Square Dance wurde einst von den europäischen Einwanderern nach Amerika gebracht. „Sie kannten alle miteinander ein paar Volkstänze“, sagt Beate Liebe. Daraus sei die Tradition des gemeinsamen Tanzens entstanden. Und um eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, kam der Caller ins Spiel. Mit dem Zweiten Weltkrieg brachten die amerikanischen Soldaten den Square Dance nach Europa zurück. Sie gründeten auch in Osterholz-Scharmbeck einen Club, die „O-Becks Allemanders“. Die Amerikaner verließen die Kreisstadt wieder, aber der Square Dance blieb. Seit 1989 gibt es hier nun schon den Club Open Squares. Sein Motto lautet „Zu alt für die Disco – zu jung für den Tanztee“.

Die Paare schwärmen von ihrem Tanzsport. Komplette Familien machen mit. Der zwölfjährige Michael erzählt, dass er schon „bei Specials getanzt“ hat, an denen noch jüngere Kinder teilnahmen. Der Älteste im Club ist Erich Kölling. Der 87-Jährige tanzt seit 50 Jahren Square Dance. „Das Tolle ist“, sagt er, „dass man überall auf der Welt Anschluss an Square Dance-Clubs finden kann.“ Und natürlich, dass der Square Dance ein gutes Training für „Köpfchen und Füße“ ist.

Wer mittanzen möchte, kann sich bei Beate Liebe unter der Telefonnummer 04791 / 46 00 melden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+