U19-Landesliga Lüneburg VSK-Coach Oliver Schilling: „Diese Landesliga ist einfach Schrott“

Seit diesem Sommer ist Oliver Schilling für die U19 des VSK zuständig. Warum er die U19-Landesliga derart schwach einschätzt und was das Problem für sein Team dabei ist, erklärt er im großen Interview.
05.11.2020, 13:12
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
VSK-Coach Oliver Schilling: „Diese Landesliga ist einfach Schrott“
Von Tobias Dohr

Herr Schilling, wie ist es, nach so vielen Jahren wieder im Jugendbereich zu arbeiten?

Oliver Schilling: Es ist schon anders und war auch etwas ungewohnt am Anfang.

Was genau meinen Sie?

Man könnte sagen, im Jugendbereich hat man mit Spielern zu tun, die noch nicht so belastet sind. In den vergangenen Jahren habe ich es oft so erlebt, dass ein 22-Jähriger, der dann plötzlich mit Studium oder Ausbildung anfängt, komplett völlig überlastet ist. Die sind dann in der Uni oder bei der Arbeit – und danach: Kein Bild, kein Ton mehr. Da geht dann abends beim Fußballtraining nicht mehr viel. Bei einem 17- oder 18-Jährigen ist das meist noch anders. Als Schüler lebt man oft noch ganz anders für sein Hobby und den Fußball.

Das ist doch für Ihre Arbeit als U19-Trainer aber etwas Gutes.

Definitiv ist das ein Vorteil. Ein anderer positiver Aspekt ist die Tatsache, dass man einen 18-Jährigen eben schon noch anders formen kann, als einen 24-Jährigen, der ja eigentlich auch noch jung ist, aber unter Umständen schon seit vier Jahren immer nur an der Mittellinie darauf wartet, dass er einen langen Ball in den Lauf gespielt bekommt.

Lesen Sie auch

Das müssen Sie etwas genauer erklären.

Nun ja, wenn ich diesem 24-Jährigen erkläre, dass das so in dieser Form nicht geht, dass er da nicht immer acht Meter Sicherheitsabstand zu den Abwehrspielern halten soll, dass er im Gegenpressing sofort eine Abwehrfunktion zu erfüllen hat, dann ist das ziemlich schwer zu vermitteln. Nichtsdestotrotz gibt es aber natürlich auch die Dinge, die mir als Jugendtrainer fehlen.

Und zwar?

Das bezieht sich vor allem auf die Qualität und das Niveau des Spielbetriebs. Ich kann es einfach nicht anders sagen: Diese U19-Landesliga ist einfach Schrott. Wir haben jetzt vier Spiele absolviert und dabei einmal knapp gegen die JSG Gellersen/ Reppenstedt mit 2:1 gewonnen. In den anderen drei Spielen haben wir im Schnitt acht Tore geschossen. Wir fahren nach Stade und gewinnen dort 8:0, wir fahren nach Bad Fallingbostel zur FSG Heidmark und siegen 11:3. Ganz ehrlich: So macht das dann eigentlich keinen Spaß.

Vor diesem Hintergrund wäre die Niedersachsenliga vermutlich die besser Spielklasse für Ihre Mannschaft gewesen.

Auf jeden Fall. Das wäre für die Entwicklung tausendmal besser gewesen. Man darf dabei eben auch nicht vergessen, dass die Jungs auch sehr erfolgsverwöhnt sind und bei solchen Kantersiegen eigentlich nie an die Leistungsgrenze rangehen, geschweige denn sich mal wirklich quälen müssen. Natürlich macht es die Trainingsarbeit mitunter auch einfacher, weil ich deutlich mehr individuell trainieren kann und nicht den Ergebnisdruck im Nacken verspüre. Aber wir wollen die Jungs ja letztlich auch bestmöglichst auf den Herrenbereich vorbereiten. Und da wird es dann definitiv nicht so locker weitergehen, wie jetzt in der Landesliga.

Lesen Sie auch

Was genau meinen Sie?

Dass wir aufgrund unserer Überlegenheit in der U19-Landesliga natürlich ein ganz anderes System spielen, als es die erste Herren zurzeit in der Bezirksliga Lüneburg tut. Das ist dann gar nicht so einfach, wenn einige Spieler regelmäßig in beiden Teams zum Einsatz kommen und es naturgemäß im Training auch andere Schwerpunkte gibt.

Haben Sie das mit dem Niveau so erwartet?

Auf jeden Fall sehe ich meine Befürchtungen leider komplett bestätigt. Wenn ich das mit früheren A-Jugend-Jahrgängen vergleiche, ist das ein riesengroßer Unterschied. Wenn ich da nur an den Jahrgang mit Max Klimmek, Christian Holldorf, Andreas Krohn oder Stephan Schitz denke. Da liegen Welten dazwischen. Und wie gesagt, ein 11:3 ist nicht wirklich etwas, was einen zufriedenstellt.

Sondern?

Wir haben im Oktober ein Testspiel gegen den FC Hagen/Uthlede II gemacht. Die sind verlustpunktfreier Tabellenführer in der Kreisliga Cuxhaven. Das Spiel haben wir 4:3 gewonnen – und solche Spiele machen dann richtig Bock. Und bringen den Jungs auch viel mehr in ihrer Entwicklung als ein 11:3.

Wird man Oliver Schilling auch in den kommenden Jahren im Jugendbereich sehen?

Das weiß ich aktuell wirklich nicht. Auf der einen Seite weiß ich es sehr zu schätzen, nicht jedes Wochenende auf den Plätzen zu stehen, wie es ja bei den Herren der Fall ist. Auf der anderen Seite habe ich schon auch richtig Bock auf eine junge, hungrige Bezirks- oder Landesliga-Mannschaft, die man entwickeln und der man einen eigenen Stempel aufdrücken kann.

Glauben Sie, dass die aktuelle Saison überhaupt zu Ende gespielt werden kann?

Keine Ahnung. Ich hoffe es natürlich, aber es ist schon alles sehr fraglich. In jedem Fall geht den Jungs da aktuell ganz wichtige Zeit ihrer Entwicklung verloren. Das ist schon bitter.

Lesen Sie auch

Haben Sie Verständnis für die strengen Vorschriften, die ja schon vor dem allgemeinen Lockdown den Fußballsport im Landkreis Osterholz komplett ausgebremst hatten? Es hieß ja, dass gerade im älteren Jugendbereich auch einige Negativbeispiele dabei gewesen wären.

Aber sind wir doch mal ganz ehrlich: Wenn diese junge Menschen feiern wollen, dann feiern sie auch. Da ist es doch total egal, ob sie sich nach einem Fußballspiel zusammensetzen, oder ob ich sie sofort nach Hause schicke nach einem Spiel und sie sich dann 30 Minuten später irgendwo anders wieder treffen und dann feiern. Da ist dann ja der Fußball nicht dran Schuld.

Das Gespräch führte Tobias Dohr.

Info

Zur Person

Oliver Schilling (42)

gehört zum Fußball-Inventar des Landkreises Osterholz. Als Spieler war Schilling viele Jahre für den TSV Wallhöfen aktiv, den er dann als Trainer im Sommer 2010 übernahm und von der Kreis- in die Bezirksligaspitze führte. Nur zweimal schrammte der TSV damals knapp am Landesliga-Aufstieg vorbei. Nach knapp acht Jahren war dann Schluss bei den Schwarz-Weißen. Schilling wechselte zum VSK Osterholz-Scharmbeck, trainierte zwei Jahre die Bezirksliga-Herren, ehe er im vergangenen Sommer die U19 der Kreisstädter übernahm.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+