Neuer Paket-Umschlagplatz Wachstumszahlen am laufenden Band

Deutsche Post und DHL haben in Heilshorn ihre neue Zustellbasis errichtet. Täglich werden dort mehr als 10 000 Pakete vollautomatisch sortiert. Tendenz steigend. Sie gehen an Ritterhuder und Bremer Adressaten.
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Wachstumszahlen am laufenden Band
Von Bernhard Komesker

10 464 – das ist für Jochen Koenemann die Zahl des Tages, auf die es ankommt. Der Betriebsleiter der neuen DHL-Zustellbasis in Heilshorn muss grinsen, als ihm sein Mitarbeiter die ominöse Kennziffer nennt. Koenemann, ein kräftiger Mann mit blondem Bürstenhaarschnitt, nickt zufrieden und sagt: „10 500 habe ich geschätzt, ich sollte öfter Lotto spielen.“ 10 464 Päckchen und Pakete sind es also, die an diesem Oktober-Dienstag das vollautomatisierte Durchgangslager durchlaufen. Im kommenden Weihnachtsgeschäft werden es an die 20 000 sein, schätzt der Chef der Basis.

Die Sendungen stammen aus den beiden Bremer Paketzentren und werden in Heilshorn ab 3.30 Uhr von täglich rund einem Dutzend Container-Lkw angeliefert. Das mit dem Lottospielen war ein Gag für den verwirrten Laien: Den Einsatz der Menschen und Maschinen in Heilshorn steuert Koenemann anhand der Prognosen aus der Hansestadt, sodass er mit seinen Schätzungen selten sehr weit neben der jeweiligen Zahl des Tages liegt.

Flotter als am Flughafen

Die Mitarbeiter an den Eingangstoren beladen die computergesteuerten Förderbänder. Auf denen werden die Pakete durch den Hallenneubau befördert, der so groß ist wie ein kleines Fußballfeld. Kleine Päckchen oder dünne Versandtaschen werden in postgelbe Schalen, sogenannte Mausefallen, gelegt, damit sie nicht durchflutschen. Das Ganze ähnelt der Gepäckabholung am Flughafen, nur dass es hier ungleich flotter zugeht und es nicht vor Menschen wimmelt.

Das Herzstück befindet sich einige Meter hinter der Anlieferung: Ein schwarzer Würfel, in dem es rot leuchtet und durch den das Fließband hindurch läuft. Dort stellt ein Laser die Weichen. Die Strichcodes auf jeder Sendung erlauben es dem Scanner, die Sendungen so zu sortieren, dass sie anschließend auf Rutschen und ausfahrbaren Rampen das jeweils für sie bestimmte Rolltor auf der anderen Gebäudeseite erreichen.

48 solcher Tore gibt es; zu jedem führen zwei Rampen, die sich mit Paketen füllen. Die Tore öffnen sich werktags in zwei sogenannten Beladungswellen: um 7.50 Uhr und um 9.15 Uhr. Dort warten dann bereits die Zusteller, um ihre Fahrzeuge zu beladen. Jede Sendung wird von den Männern und Frauen per Handscanner eingelesen, bevor sie ins Paketauto verfrachtet wird. Das Gerät gleicht ab, ob alle Pakete der betreffenden Tour an Bord sind.

Ein Knochenjob. Rund 150 Sendungen sind es pro Fahrzeug. Durchschnittsgewicht: drei Kilogramm; erlaubt ist das Zehneinhalbfache. Wenn man bedenkt, dass jeder Zusteller jedes Paket mehrmals in die Hand nimmt, bevor es am Ziel ist, bewegt der einzelne Bote täglich mehrere Tonnen Gewicht. Darauf weist der Betriebsratsvorsitzende Klaus Engelken hin.

Ausziehbare Rutschen

Koenemanns Vorgesetzte Frank Schmidt (Leiter der Bremer Niederlassung Brief der Deutschen Post) und Bernd Littwin (Geschäftsführer der DHL Delivery Bremen GmbH) heben den Fortschritt bei den Arbeitsbedingungen hervor: „Durch die ausziehbaren Rutschen können die Sendungen jetzt ganz ohne Bücken auf einer Höhe von 80 Zentimetern direkt in die Fahrzeuge geladen werden.“

Die Kundschaft der Heilshorner Zustellbasis wohnt in Ritterhude und Bremen. In der Hansestadt waren die Depots in Vegesack, Strom, Häfen und Hemelingen im vergangenen Dezember aus allen Nähten geplatzt und es gab geharnischte Kritik. Auch darum nun die millionenschwere Investition in Heilshorn, über deren genaue Größenordnung sich die Post-Sprecherin Maike Wintjen ausschweigt. Zwischen sieben und 15 Millionen Euro pro Zustellbasis halten Branchenkenner für realistisch; die Kapazität der Heilshorner Anlage bewegt sich im Mittelfeld.

Die übrigen Orte im Kreis Osterholz werden weiter von kombinierten Paket- und Brief-Stützpunkten wie dem an der Bremer Straße in Osterholz-Scharmbeck bedient. Dort ändere sich vorerst nichts, heißt es gestern bei der offiziellen Einweihung. Wobei das mit der Planbarkeit so eine Sache ist; das boomende Online-Geschäft beschert dem Paketdienstleister regelmäßig teils zweistellige Zuwachsraten.

Der Mutterkonzern rechnet für die Woche vor Heiligabend 2018 mit einem neuen Rekord von mehr als elf Millionen Paketen täglich, das hat der Betriebschef Post und Paket Deutschland, Thomas Schneider, soeben mitgeteilt. Gut zehn Millionen waren es zum Weihnachtsfest 2017. 4,6 Millionen sind es bundesweit an Durchschnittstagen.

In zwei Monaten wird auch Heilshorn „unter Volllast fahren“, sagt Koenemann, der gebürtig aus der Kreisstadt stammt. Dann werden die derzeit 62 Zustellbezirke auf 110 gesplittet, um die Touren schaffen zu können. Bei einem Probelauf hat die Sortieranlage bis zu 6000 Sendungen innerhalb einer Stunde bewältigt, aktuell genügen 3000 bis 4000 pro Stunde.

Voraussetzung ist, dass die Päckchen und Pakete unversehrt an- und durchkommen; sonst stoppt der Betrieb. Falls der Scanner im schwarzen Würfel mal ausfallen sollte, gibt es eine 24-Stunden-Hotline des Herstellers und die Möglichkeit der Fernwartung. Etliche Ersatzteile lagern für den Notfall auch vor Ort, aber wenn das alles nicht helfen sollte, muss wie früher von Hand sortiert werden.

"Das Bestellverhalten der Kunden hat sich geändert"

Koenemann mag lieber nicht daran denken. Er hat seine Post-Karriere in Vegesack begonnen, wo händisch 30 Bezirke zu bedienen waren. „Beschauliche Zeiten waren das“, sinniert er, um nach einer kurzen Pause hinzuzufügen „Das heute hier ist schon ein Grund zum Feiern.“ Am 27. Dezember 2017, als der Heilshorner Betrieb startete, sei alles erst halb fertig gewesen. Inzwischen ist das Personal auf annähernd 100 Beschäftigte aufgestockt worden; fürs Weihnachtsgeschäft werden noch mal 20 Leiharbeiter gesucht.

„Das Bestellverhalten der Kunden hat sich geändert“, sagt Frank Schmidt. Selbst im Sommer sei nur ein leichter Rückgang zu verzeichnen gewesen. „Die Leute bestellen per Handy vom Urlaub aus und lassen den Nachbarn die Lieferung annehmen.“ Befördert würden längst nicht mehr nur Geschenke. „Wir sind ein Lebensdienstleister geworden.“

Die nächste Wachstumszahl

Betriebsrat Engelken sieht das auch mit Sorge, falls die Personaldecke bei seinem Arbeitgeber nicht entsprechend mitwachse und die Belegschaft fair bezahlt werde. Der Eingangsstundenlohn der Logistikbranche im Norden liege bei bescheidenen 11,71 Euro. Viele Mitarbeiter haben einen Migrationshintergrund, auch das sei eine Herausforderung, so der Arbeitnehmervertreter. In Heilshorn arbeiten Menschen aus mehr als 20 Nationen zusammen.

Unterdessen sind die Nachbarn aus dem Gewerbepark sowie die Honoratioren aus Stadt und Landkreis eingetroffen. Koenemann hat zu Frühstück, Festtagstorte und Firmenbesichtigung eingeladen. Für wenige Minuten wird das Förderband angehalten, damit Landrat Bernd Lütjen symbolisch einen Schlüssel an den Betriebsleiter überreichen kann. Dann heult eine Warnsirene auf und das Paketband setzt sich wieder in Bewegung. Am nächsten Morgen wird auf Jochen Koenemann schon die nächste Wachstumszahl des Tages warten.

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