Das Interview: Stephan Orth „Wie in einem Science-Fiction-Film“

In Shenzhen wurde er als Fußgänger „geblitzt“. Stephan Orth erzählt im Interview, wie er in China den totalen Überwachungsstaat erlebte.
08.05.2019, 15:52
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Schön

Herr Orth, Russland, Iran, China – sie bereisen vorwiegend Länder, aus denen beunruhigende Nachrichten nach Europa dringen. Ist der Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt die Triebfeder für Ihre Exkursionen?

Stephan Orth: Nicht der Zweifel am Wahrheitsgehalt, sondern das Wissen, dass speziell die Nachrichten, die sich besonders stark im Kopf verankern, oft nur ein Extrem oder einen Teilaspekt eines Landes abbilden. Nach einem Besuch vor Ort, speziell wenn ich viel mit ganz normalen Menschen zu tun habe, kann ich die Dinge viel besser einordnen.

Unser Bild von China wird inzwischen weniger von seiner Kultur als von der Größe seiner Bevölkerung und seinem mächtigen Wirtschaftswachstum bestimmt. Aktuell beherrscht die neue Seidenstraße die Schlagzeilen. Sie haben das Reich der Mitte drei Monate bereist. Wie sieht Ihr Bild von China aus?

Sehr vielfältig, aber jedenfalls enorm hightechbegeistert. Bei Themen wie Künstlicher Intelligenz oder 5G hat China Weichen gestellt, die dafür sorgen werden, dass in zehn oder 20 Jahren Europa im Vergleich sehr alt aussehen wird. Was die Mentalität angeht, hatte ich den Eindruck, dass Chinesen viel stärker als Europäer akzeptieren, dass die Welt in einem ständigen Wandel begriffen ist. Einem Wandel, der sich in den letzten Jahren massiv beschleunigt hat. Bei uns wünscht man sich, dass einige Dinge sich gemächlich verbessern, aber größtenteils doch alles beim Alten bleibt. In China dagegen haben die Leute begriffen, dass Veränderung ein Naturzustand ist – sie rebellieren nicht dagegen, sondern versuchen, das Beste daraus zu machen.

Sie haben auf Couchsurfing gesetzt, vermutlich nicht, weil es eine preisgünstige Form des Reisens ist, sondern um Einblicke in das Leben der Menschen im bevölkerungsreichsten Staat der Erde zu gewinnen, die dem Pauschaltouristen verwehrt bleiben. Welche Begegnungen waren die interessantesten und überraschendsten?

Toll war eine Begegnung mit einer regimekritischen Künstlerin, deren Wohnung aussah wie eine Kulisse aus „Alice im Wunderland“. Sie hat mir viel über Unterdrückung und über die Schwierigkeiten erzählt, eine Meinung zu vertreten, die vom politischen Mainstream abweicht. Und das Treffen mit einem Uiguren, der selber für den chinesischen Staat arbeitet und für die Selektion zuständig ist, wer in ein Umerziehungslager muss und wer nicht.

Das Auswärtige Amt empfiehlt für den Besuch der Provinz Xinjiang nachdrücklich, Menschenansammlungen zu meiden und die Nachrichten aufmerksam zu verfolgen. Anweisungen der Polizei und der Sicherheitskräfte seien unbedingt zu befolgen. Das hört sich nicht nach Willkommenskultur an. Sie haben sich davon aber nicht abschrecken lassen.

Man fühlt sich dort an manchen Orten wie in einem dystopischen Science-Fiction-Film. Eine solche Art von Totalüberwachung hat es bislang auf dem Planeten noch nicht gegeben, überall sind Polizeiwachen, Kameras mit Gesichtserkennungsfunktion, Checkpoints, Ausweiskontrollen und Metalldetektoren. Schon Kleinigkeiten bringen Muslime in Umerziehungslager – leider fällt die internationale Kritik daran bislang sehr zahm aus. China ist ein wichtiger Wirtschaftspartner.

Das autonome Gebiet Xinjiang wird von acht Millionen muslimischen Uiguren bewohnt. Eine für Mitteleuropäer erschreckende – digitale – Überwachung herrscht aber nicht nur in dieser Krisenprovinz.

In vielen Städten ist fast jeder öffentliche Ort mit Kameras abgesichert. In Shenzhen war ich an einer Kreuzung, an der man fotografiert und identifiziert und auf einem öffentlichen Bildschirm gezeigt wird, wenn man über Rot geht. An einer anderen Ecke wurde ich als Fußgänger „geblitzt“ – vermutlich nur, um zu zeigen, dass man unter Beobachtung steht. Wer sich online äußert, muss damit rechnen, in Sekundenschnelle zensiert zu werden, wenn es um ein politisch heikles Thema geht. Kein anderer autoritärer Staat ist so konsequent im Ausschöpfen technischer Möglichkeiten, um das Volk zu kontrollieren.

Sie waren sowohl in den Millionenmetropolen als auch in der Provinz unterwegs. Vermutlich mit unterschiedlichem Sicherheitsgefühl?

Nein, außer in Xinjiang habe ich mich nirgendwo unsicher gefühlt in China. Die Angst, ausgeraubt zu werden, ist in vielen anderen Ländern größer. Aber natürlich hatte ich immer die Befürchtung, für meine journalistischen Recherchen Ärger zu kriegen. Da ich aber nicht weiter aufgefallen bin und das Buch erst nach meiner Rückkehr nach Europa geschrieben habe, ist das gut gegangen.

Welche Reiseempfehlungen können Sie für China geben?

Meine Lieblingsregion ist die Sichuan-Provinz. Die Hauptstadt Chengdu ist für chinesische Verhältnisse angenehm entspannt, und man kann dort den besten Feuertopf der Welt essen. In den ländlichen Regionen gibt es viel tibetische Kultur und spektakuläre Berge, zum Beispiel im Yading-Naturreservat, wo ich den 6032 Meter hohen Chenresig zu Fuß umrundet habe.

Wo haben Sie Ihren letzten Pauschalurlaub verbracht, und was ist Ihr nächstes berufliches Reiseziel?

Ich habe noch nie Pauschalurlaub gemacht. Beruflich geht es demnächst nach Malta, für eine Wander-Reportage.

Mit Stephan Orth sprach Michael Schön.

Info

Zur Person

Stephan Orth,

geboren 1979 in Münster, ist ein deutscher Journalist und Buchautor. 2015 begann seine Reisebericht-Trilogie mit „Couchsurfing in Iran“. 2017 folgte „Couchsurfing in Russland“. In seinem neuesten Buch berichtet er, wie sich die neue Supermacht China für den von Wohnzimmer zu Wohnzimmer Reisenden darstellt.

Info

Zur Sache

Lesung in der Stadtbibliothek

"Couchsurfing in China. Durch die Wohnzimmer einer neuen Supermacht“, lautet der Titel des neuen Buches von Stephan Orth, das der Autor, ein freiberuflicher Reisejournalist, am Donnerstag, 9. Mai, in der Stadtbibliothek Osterholz-Scharmbeck vorstellen wird. Beginn der Veranstaltung ist um 19.30 Uhr. Weitere Informationen auf stephan-orth.de.

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