Unternehmer aus Ritterhude erhält Preis Mit Balkonkraftwerken gegen den Klimawandel

Balkonkraftwerke brauchen wenig Platz und liefern Strom aus Sonnenenergie zum Eigenverbrauch. Holger Laudeley aus Ritterhude vertreibt die Geräte. Anfangs wollte sie kaum jemand haben. Das hat sich geändert.
03.09.2021, 09:53
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Mit Balkonkraftwerken gegen den Klimawandel
Von Christoph Bähr

Es war nicht weniger als ein Blick in die Zukunft. 1979 sah Holger Laudeley in der Zeitschrift „Hobbythek“ etwas, was sein Leben fortan bestimmen sollte. Photovoltaik und Windenergie – auf einer Doppelseite war abgebildet, was die Zukunft der Energieversorgung bringen könnte. Und das in einer Zeit, in der sich noch alles um Atomkraft und Kohleenergie drehte. „Ich war nach dem Lesen total begeistert und habe gedacht: So muss die Welt eines Tages sein“, sagt Laudeley. Das Thema ließ den heute 58-Jährigen nie wieder los, und inzwischen produziert er mit der Firma Laudeley Betriebstechnik in Ritterhude unter anderem sogenannte Balkonkraftwerke.

„Jeder kann damit zum Stromproduzenten werden und seinen CO2-Fußabdruck verkleinern“, erläutert Laudeley die Idee dahinter. Es handelt sich um ein Photovoltaik-Modul, das wenig Platz benötigt, und auf dem Balkon oder im Garten Strom für den Eigenbedarf produziert. Das Balkonkraftwerk ist mit einem Wechselrichter ausgestattet, der Gleichspannung in Wechselspannung umwandelt, und verfügt über einen gewöhnlichen Schuko-Stecker für die Steckdose. Nach dem Anschließen wird der erzeugte Strom direkt im Haushalt verwendet.

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Laudeleys Unternehmen war 2009 das erste, das bei der Bundesnetzagentur keine übliche Photovoltaik-Anlage zur Einspeisung ins Stromnetz, sondern eine zum Eigenverbrach anmeldete. Doch die Geschichte von Laudeleys Balkonkraftwerken beginnt noch viel früher und sie verläuft keineswegs geradlinig. Anders als der Strom aus seinen Solaranlagen, der immer den Weg des geringsten Widerstands nimmt, hat der Betriebs- und Versorgungsingenieur den Weg des maximalen Widerstands eingeschlagen. Aber der Reihe nach.

1985 habe er erstmals ein Balkonkraftwerk zusammengebaut, erzählt Laudeley. "Ein Modul, ein Wechselrichter – das ist nicht besonders kreativ. Unsere Szene ist relativ klein, damals gab es einige, die damit herumprobiert haben." Viel mehr passierte erst einmal nicht. Vor 20 Jahren präsentierte Laudeley dann die Balkonkraftwerke erstmals öffentlich: Bei einer Solarmesse vor der Hochschule Bremen im Jahr 2001 sei es ihm gelungen, mit dem Strom aus Balkonkraftwerken ein kleines Elektroauto aufzuladen. „Wir haben das total abgefeiert, aber sonst das hat keiner verstanden. Die Leute haben sich gefragt: Wer braucht das schon?“, erinnert er sich und zeigt alte Fotos von der Messe.

Mit der Zeit wurden Photovoltaik-Module immer populärer, auch dank staatlicher Förderung. Also griff Holger Laudeley seine Idee der Balkonkraftwerke im Jahr 2010 wieder auf. „Ich war der Erste, der gemerkt hat, dass die auch in großen Stückzahlen absetzbar sein können. Wir sind nach China geflogen und haben dort einen Lieferanten gefunden“, erzählt der 58-Jährige. Die Qualität der importierten Balkonkraftwerke sei allerdings minderwertig gewesen, weshalb er inzwischen alle Teile in Deutschland produzieren lasse. Ein noch größeres Problem für Holger Laudeley waren jedoch die Reaktionen auf die Balkonkraftwerke. „Es gab eine Welle der Entrüstung“, blickt er zurück. Zentraler Kritikpunkt: die Sicherheit. „Es hieß, es komme zur Explosion, direkt nachdem der Stecker in die Steckdose gesteckt werde. Dabei ist nicht ein einziger derartiger Fall bekannt, Balkonkraftwerke sind absolut sicher.“

Rechtsstreit mit Energieversorgern

Größter Gegner Laudeleys sind bis heute die Energieversorger. Nach seinen Angaben kam es zu mehreren Prozessen wegen Balkonkraftwerken. „Ich säge am Geschäftsmodell der Netzbetreiber, ist doch klar, dass ihnen das nicht gefällt. Man braucht ja auch keinen Metzger zu fragen, ob man Vegetarier werden soll“, sagt Laudeley. Früher nannte er seine Balkonkraftwerke auch „Zählerbremse“, weil der Stromzähler durch sie langsamer läuft und die Stromrechnung folglich geringer ausfällt. Wenn Holger Laudeley von seinen Prozessen berichtet, wird schnell klar: Er ist niemand, der Auseinandersetzungen scheut, er sucht sie eher. In den Kampf gegen die Energieversorger stürzte er sich mit Inbrunst – und erlitt einen Herzinfarkt. Der Hauptgrund dafür sei der Stress gewesen, ist er überzeugt. Es waren damals harte Zeiten für Laudeley, der viel Geld investiert hatte, aber zunächst nur wenige Menschen für die Balkonkraftwerke begeistern konnte. Seine frühere Firma „Sun Invention“ musste 2014 liquidiert werden.

Aufzugeben sei für ihn trotzdem nie eine Option gewesen, betont Laudeley und wird martialisch: „Ich war zwölf Jahre bei der Marine, ich sehe jede Herausforderung als Kriegszustand. Bei unmöglichen Aufgaben wird es für mich erst interessant.“ Er gründete also wieder eine Firma, die Balkonkraftwerke vertreibt, und klärte in Youtube-Videos unermüdlich über die Technologie auf. Heute ist die Firma Laudeley Betriebstechnik das Zentrum seiner Aktivitäten. Das Unternehmen aus Ritterhude hat sieben Mitarbeiter und wird von Holger Laudeley und seiner Frau Cornelia geleitet. Er arbeite mit 20 Subunternehmern zusammen, sagt der Betriebs- und Versorgungsingenieur. In seiner Firma dreht sich das Geschäft nicht nur um Balkonkraftwerke, sondern auch um ganze Energiesysteme.

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Bekannt geworden ist Holger Laudeley aber vor allem durch die Balkonkraftwerke. „Mister Energiewende“ nennt sich der Unternehmer selbst. Rund 15.000 Balkonkraftwerke hat Laudeley nach eigenen Angaben mit seinen Firmen insgesamt verkauft. Es gibt noch diverse andere Anbieter am Markt, die Technologie wird immer beliebter und salonfähig. Kürzlich wurde die Klage einer Vermieterin gegen ihren Mieter, der ein Balkonkraftwerk auf seinem Balkon installiert hatte, abgewiesen. Entscheidend sei in diesem Fall der im Grundgesetz verankerte Umweltschutz, befand das Amtsgericht Stuttgart.

Auszeichnung verliehen

Auch Holger Laudeley feierte am Donnerstagabend einen Erfolg: Er wurde in Berlin mit dem „Werner-Bonhoff-Preis-wider-den-§§-Dschungel“ ausgezeichnet. „Durch Herrn Laudeleys Pionierarbeit und sein beharrliches Ringen mit der Bürokratie hat er als einer der wesentlichen Akteure dabei geholfen, interessierten Bürgern ein praktisches Angebot machen zu können, durch ihr eigenes Balkonkraftwerk unkompliziert Solarenergie zu gewinnen und damit einen Teil ihres Strombedarfes selbst zu decken“, heißt es in der Begründung. „Die Ehre ist gewaltig, das ist wie ein Adelstitel für mich“, sagt Laudeley über seine mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung.

Für ihn sei der Preis auch eine Bestätigung dafür, dass sich sein jahrelanger Kampf gelohnt habe. Laudeley ist Idealist. Seit 25 Jahren lebe er in einem Haus, das mehr Energie produziere als es verbrauche, erzählt er. Das erste Elektroauto habe er vor 28 Jahren gefahren. Die Hoffnung, das die Welt einmal so aussieht, wie er sie sich bereits 1979 vorstellte, hat er weiterhin. „Ich will sagen können: Ich tue alles für die Energiewende, was in meiner Macht steht“, betont Holger Laudeley, der findet, dass immer mehr Menschen ähnlich denken: „Die Energiewende kommt jetzt von unten. Die Bürger nehmen das selbst in die Hand.“

Zur Sache

Tipps der Verbraucherzentrale

Die Verbraucherzentrale Bremen schreibt auf ihrer Webseite, dass Balkonkraftwerke Mietern die Möglichkeit bieten, "Solarstrom zu nutzen, und den Strombezug aus dem Netz zu reduzieren". Dabei seien einige Punkte zu beachten. Die Verbraucherzentrale rät dazu, nur fertig montierte Geräte zu kaufen, die den Sicherheitsstandards der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie entsprechen. Die Geräte sollten möglichst an einer Stelle ohne Schatten im Winkel von 30 oder 40 Grad zur Südseite ausgerichtet und sturmfest montiert werden. Empfohlen wird, bei Mietwohnungen den Vermieter vor der Installation zu informieren. Anzumelden seien Balkonkraftwerke zudem beim Stromnetzbetreiber und bei der Bundesnetzagentur. "Leider erschweren einzelne Netzbetreiber den Anschluss von Stecker-Solargeräten oder verlangen unzulässige Entgelte für den gegebenenfalls notwendigen Zählertausch. Den Betrieb verbieten dürfen sie nicht", schreibt die Verbraucherzentrale. Ein Beratungstermin zum Thema kann vereinbart werden unter Telefon 0421/160777 oder im Internet unter www.terminland.de/verbraucherzentrale-bremen.

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