Sorgenkind Dammbrücke Die Brückenspechte

Vor einigen Jahren kam raus: In der Ritterhuder Dammbrücke wurde überfestigter Stahl verarbeitet. Seitdem wird sie jährlich kontrolliert. Ständige Frage: Ist sich noch sicher?
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Von Maximilian von Lachner (Fotos) und Brigitte Lange (Text)

Die Wolken hängen tief an diesem Novembertag. Es sind knapp zwei Grad über Null, und der Ostwind beißt in die Haut. Es gibt angenehmere Arbeitsplätze an diesem Morgen als eine Art mobiler Steg unter der Dammbrück in Ritterhude – mehrere Meter über der Wasseroberfläche. Martin Mathea winkt ab. Der Bauingenieur der Firma „PB Plus Ingenieurgruppe“ aus Bremen wird den ganzen Tag dort im Einsatz sein und hat sich warm eingepackt. Erfahrungssache: Der Brückenfachmann hängt im Winter die Hälfte seiner Arbeitszeit als „Brückenspecht“ mit dem Hammer unter Bauwerken.

Die 1973 gebaute Spannbetonbrücke ist das Sorgenkind des Landkreises. Ihr stählernes Innenleben neigt zu Korrosion – wie viele Spannbetonbauten aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Berechnungen ergaben, dass der in ihnen verarbeitete Stahl überfestigt wurde. Für die Dammbrücke heißt das, sie muss ersetzt werden. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Um ihre Lebensdauer zu verlängern, gilt für sie seit 2016 eine Tonnagebegrenzung von 3,5 Tonnen.

Und sie wird regelmäßig kontrolliert. „Einmal im Jahr lassen wir eine Sonderprüfung machen“, sagt der Leiter der Kreisstraßenmeisterei, Alexander Herrmann. Handnahe Sichtprüfung lautet der Auftrag, den Martin Mathea und sein Kollege Alexis Zeppenfeld übernommen haben. Dafür haben sie ein Spezialfahrzeug, ein sogenanntes Brückenuntersichtgerät, von einer Firma aus Fulda gemietet. Eine von drei Firmen in Deutschland, die ein Patent auf solche Fahrzeuge hat.

„Jedes dieser Geräte ist ein Unikat“, sagt Mathea. Über eine Leiter im Innern der an das Fahrzeug montierten Tragekonstruktion geht es für die beiden Bauingenieure abwärts zu ihrem Arbeitsplatz auf dem beweglichen Steg. Baustellenlampen leuchten dort den Unterbau der Brücke aus, zeigen jede Unebenheit, jeden Riss. Nach genau jenen und nach abgeplatztem Beton sowie freiliegenden Bewährungen suchen die Bauingenieure. Nach allem, was darauf hinweist, dass der Stahl im Innern gerissen, die Brücke nicht mehr sicher ist. „Das ist für uns die spannende Frage“, sagt Alexander Herrmann. Sollten in der Mitte der Brücke viele, große Risse sein, müsste der Landkreis reagieren. Mit einer Sperrung? Herrmann geht davon aus.

Im Licht der Lampen kleben Martin Mathea und Alexis Zeppenfeld quasi mit den Augen unter der Brücke, suchen sie Meter für Meter ab. „Wie Laserscanner“, meint Mathea. Jeder Riss, den sie entdecken, egal wie fein er ist, wird markiert. Mit einer Risskarte werden Breite und Länge ermittelt, um dann kartiert zu werden. Nur so können bei der nächsten Sonderprüfung Veränderungen festgestellt werden.

Mit dem Hammer geht der „Gesundheitscheck“, wie der Bauingenieur seinen Job nennt, weiter. Jeden Zentimeter der Brücke klopfen sie ab, horchen auf Veränderungen, spüren Hohlräumen nach. „Wir sind die Brückenspechte“, scherzt Zeppenfeld. Alles nehmen sie dabei in Augenschein, die Unterseite der Brücke, die Brückenpfeiler. Mit dem Spiegel spähen sie selbst in die hintersten Winkel der Konstruktion.

Am Ende des Tages heißt es aufatmen: Es sind keine größeren Veränderungen oder Schäden am Brückenbauwerk festgestellt worden. Die Dammbrücke kann wie gehabt genutzt werden – bis zur nächsten Sonderprüfung durch die Brückenspechte im November des kommenden Jahres.

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