Umweltprojekt unweit der Hamme

Feuchte Ufer für den Kiebitz

Die Nabu-Ortsgruppe Ritterhude schafft Flutmulden und Bermen für den selten gewordenen Bodenbrüter und andere Tiere. Die Bingo-Umweltstiftung unterstützt das Projekt.
17.10.2018, 16:58
Lesedauer: 4 Min
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Feuchte Ufer für den Kiebitz
Von Brigitte Lange
Feuchte Ufer für den Kiebitz

Die Nabu-Ortsgruppe Ritterhude lässt Flutmulden und Bermen für Tiere auf ihren Wiesen an der Hamme anlegen.

Brigitte Lange

Ritterhude. Jede Bewegung des Baggers versetzt das Erdreich in Schwingungen. Das Grünland hinter dem Hindenburgdeich scheint plötzlich die Konsistenz eines Wackelpuddings zu besitzen. Dabei hebt der Bagger nur einige bereitliegende Weidenstümpfe samt Wurzeln auf die Ladefläche eines Lkw. „Vor über 100 Jahren, als es den Deich noch nicht gab, war dies Überschwemmungsland“, erklärt Herbert Askamp. Die oberen 60 Zentimeter bestünden aus Klei-Lehmboden. Ablagerungen von den Fluten. „Darunter ist nur Moor.“ Durch Deichbau und Landwirtschaft sei die Fläche dann trockengelegt worden. „Wir wollen, dass sie wieder feuchter wird“, berichtet der Vorsitzende der Ritterhuder Ortsgruppe im Naturschutzbund (Nabu) Deutschland. Sie hoffen, damit vor allem Bodenbrüter wie dem Kiebitz zu helfen.

Unterdessen holte Herbert Askamp das Wasser zum Angießen der Weide aus dem Graben.

Unterdessen holte Herbert Askamp das Wasser zum Angießen der Weide aus dem Graben.

Foto: Brigitte Lange

Finanziell unterstützt wird die Ortsgruppe dabei durch die Bingo-Umweltstiftung. „21 000 Euro bekommen wir von ihr für unser Projekt ,Lebendiges Wasser, bunte Wiesen'“, sagt Askamp. Die Nachricht erreichte den Verein bereits im Frühjahr. Einige Vorarbeiten hätten sie damals auch direkt in Angriff nehmen können. So seien zum Beispiel die Weidenbäume gefällt worden, deren Stümpfe der Bagger an diesem Vormittag nun verlädt. Sie hatten quer zur Fläche gestanden, mussten für den Kiebitz weichen. Denn der selten gewordene Bodenbrüter braucht weithin freie Sicht, um mögliche Feinde früh zu entdecken. Sonst suche er sich einen anderen Brutplatz, befürchten die Naturschützer.

Ein Fund zum Staunen: Beim Pflanzen der Kopfweiden fiel den Naturschützern diese Raupe in die Hände.

Ein Fund zum Staunen: Beim Pflanzen der Kopfweiden fiel den Naturschützern diese Raupe in die Hände.

Foto: Brigitte Lange

Die eigentliche Umsetzung des geförderten Projektes findet in diesen Tagen statt. Die Fläche für das Naturschutzvorhaben misst neun Hektar. „Sechs Hektar davon gehören dem Nabu.“ Eine Pferdeweide, die sich zwischen dem Nabu-Areal und den konventionell bewirtschafteten Flächen erstreckt und die von einem Nabu-Mitglied genutzt wird, bildet einen Puffer zwischen Naturschutz und intensiver Landwirtschaft. Das sei perfekt. „Um die wasserrechtliche Genehmigung für dieses Projekt zu bekommen, mussten wir sicherstellen, dass das Wasser, das wir auf unseren Flächen stauen, keine anderen Flächen beeinträchtigt“, erklärt Askamp.

Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Bingo-Umweltstiftung, die 21 000 Euro bereitstellt

Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Bingo-Umweltstiftung, die 21 000 Euro bereitstellt

Foto: Christian Kosak

Seit 2016 sitzt der Vorsitzende des Nabu Ritterhude an dem Vorhaben. Er habe zum Beispiel ein Gesamtnutzungskonzept erstellen und Genehmigungen beantragen müssen. Von Anfang an habe ihm dabei Nabu-Mitglied Lüder Meyer zur Seite gestanden. Trotzdem: „Mir wuchs das alles über den Kopf“, blickt Askamp zurück. Aufgeben sei aber keine Option gewesen. Dann bekam er den Tipp, sich an die Nabu-Umweltpyramide in Bremervörde zu wenden. Dort erfuhr er von dem Projekt „Neue Wege zu mehr Artenvielfalt“, mit dem der Nabu Laien unterstützt, Naturschutzaktionen auf den Weg zu bringen. Und bei Landschaftsökologin Sarina Pils fand er Hilfe. Ergebnis: „Unser Antrag ist bei den Behörden glatt durchgegangen; ohne Sarina Pils wäre das nicht so gut gelaufen.“

Nun, da der Papierkram erledigt ist, steht die praktische Arbeit im Vordergrund. Der harte Kern der Nabu-Gruppe hat sich auf der Fläche hinterm Deich eingefunden: Neben Müller und Askamp packen Manfred Schmidt, Reinhold Hinners und Nabu-Freund Ulrich Dehmel mit an. Eigentlich gehören noch drei weitere Personen dazu. Die hätten an diesem Tag aber keine Zeit, berichtet Askamp.

Während einige Meter entfernt der Bagger die letzten Weidenstümpfe verlädt, pflanzt das Quartett mit vereinten Kräften mehrere neue Kopfweiden: Pflanzloch ausheben, Weide setzen, Loch schließen, Wasser aus dem benachbarten Graben holen, angießen. Damit sind drei der fünf Männer beschäftigt. Die beiden anderen stutzen die Äste einer älteren Kopfweide. Eine regelmäßig anstehende Pflegemaßnahme. Über ihren Köpfen kreischen derweil drei große Greifvögel und schrauben sich mit der Thermik in die Lüfte. „Wir haben hier mittlerweile 80 Vogelarten erfasst“, bemerkt Askamp. Neben der Bekasine sei das zum Beispiel der Eisvogel. Den Rot-Milan hätten sie kreisen sehen. Eulen nutzten die Kopfweiden als Jagdsitz. „Und natürlich kommen hier mit Meisen und Rotkehlchen übliche Singvögel vor.“

Sarina Pils schwärmt: „Die Fläche hier ist ein Patchwork aus den verschiedensten Biotopen.“ Da ist zunchäst das Grünland, das nur zwei Mal im Jahr gemäht wird, und damit wichtiger Lebensraum für Bodenbrüter, Insekten, Heuschrecken, Wildbienen und Falter sei. „Hier wachsen zwölf verschiedene Gräser“, so Askamp. Deren Blüte sei wichtig für viele Falter, nickt Pils. Unterdessen seien die Heckenstrukturen ein Brutplatz für Vögel, böten Nahrung und Schutz. Genau wie der Auwald am Fleet. Die vielen Weiden wiederum seien eine wichtige Nahrungspflanze für Bienen. Und der vor wenigen Jahren angelegte Teich werde von Kröten, Fröschen und Lurchen als Laichgewässer genutzt. Auch Libellen hätten die Wasserfläche angenommen.

Nur der Kiebitz, den haben sie noch nicht auf ihrem Grünland brüten sehen. Die Naturschützer glauben, ihm fehlen feuchte Flächen, in denen er mit seinem langen Schnabel nach Nahrung stochern kann. Um das zu ändern, ist der Bagger vor Ort. Nun, da die Stümpfe verladen sind, beginnt er damit, einige Flutmulden anzulegen. Auf einer Länge von 30 Metern hebt die Baggerschaufel entlang eines Grabens eine 25 bis 30 Zentimeter tiefe und fünf bis acht Meter breite Mulde aus. An einem zweiten Graben entsteht eine 40 Meter lange Flutmulde.

Am eigentlichen Hauptgraben, der in das Fleet entwässert, wird die Schaufel das Ufer vorsichtig ausweiten. Diese Bermen sollen wellenförmig drei bis fünf Meter tief in die Wiesen reichen und eine ganz sanfte Steigung aufweisen. Auf beiden – Mulden wie Bermen – wollen die Naturschützer das Saatgut von Sumpfpflanzen wie Blut- und Gilbweiderich ausbringen. „Ich sammle schon Samen“, erzählt Askamp. Vieles werde aber auch passend bestellt.

Damit nicht genug: Damit überhaupt Wasser in den Gräben steht und nicht jeder Tropfen direkt ins Fleet fließt, bekommt der Hauptgraben einen neuen Stau. „Er wird das Wasser auf 50 Zentimeter über Normalnull halten.“ Auch er werde in diesen Tagen gebaut, berichten die Naturschützer.

Und zu guter Letzt spendiert die Bingo-Umweltstiftung den Aktiven noch eine Info-Tafel, auf der Spaziergänger die wesentlichen Details des Projekts vor Ort nachlesen können. „Aber die ist noch nicht fertig; das dauert noch ein paar Tage“, sagt Pils.

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