„Unsere Vereine“: TSV Lesumstotel Geballte Erfahrung am Schießstand

Die Beogenschützen des TSV Lesumstotel kommen in den Genuss einer ganz besonderen Betreuung. Schließ war Rainer Schemeit Cheftrainer der deutschen Nationalmannschaft im paralympischen Bogenschießen.
27.01.2021, 11:05
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Frank Mühlmann

Paralympisches Flair weht seit Jahren über der idyllischen Bogenschieß-Anlage des TSV Lesumstotel. Der Grund ist Rainer Schemeit, der die rund 40 Mitglieder, zwei von ihnen mit Handicap, jeden Mittwoch gemeinsam mit Ergun Orman im Umgang mit dem olympischen Recurve- oder einem Blankbogen (ohne Zielhilfe und Stabilisation) trainiert.

Schemeits Expertise ist weltweit anerkannt, war der heute 64-Jährige doch einst Co- und später Cheftrainer der deutschen Nationalmannschaft im paralympischen Bogenschießen und nahm in verantwortungsvoller Rolle auch an den Paralympischen Spielen 2008 in Peking teil. Noch heute ist Schemeit Landestrainer am niedersächsischen Stützpunkt. Seine Leidenschaft für den Bogensport entwickelte sich aus einem traurigen Umstand. 1977 verunglückt Schemeit mit dem Auto auf seinem Arbeitsweg von Bremen nach Aurich. Im Krankenhaus wird damals unter anderem ein schwerer Bandscheibenvorfall diagnostiziert, den die Ärzte in Schemeits jungem Alter allerdings nicht operieren wollen. Stattdessen legt man ihm das Bogenschießen als Rehamaßnahme ans Herz.

Kurzum gründet der in Achim Geborene mit anderen Interessierten in seiner Heimatstadt einen Verein. Das Bogenschießen wird in Schemeits Leben schnell zur Sucht. Seine Rückenmuskulatur wird derart gestärkt, dass die Bandscheibenprobleme merklich nachlassen und er vollständig genest. Zudem beflügeln ihn die sportlichen Fortschritte. „Ich habe gemerkt, dass ich auch als Anfänger im Alter von über 20 Jahren in dieser Sportart mit Fleiß, Spaß und Glück noch einiges erreichen kann. Das hat mich förmlich beflügelt“, berichtet Rainer Schemeit rückblickend. In den Folgejahren nahm er gar an 15 deutschen Meisterschaften teil und gewann in seiner aktiven Karriere sogar ein internationales Turnier.

Das Jahr 1989 geriet schließlich zum Wendepunkt. Schemeit musste sich entscheiden, ob er weiterhin Sportler sein oder Trainer werden möchte. Er entschied sich für letztere Option, wollte sein Know-how besonders gehandicapten Sportlern weitergeben. Mit diesen war Schemeit bereits in seiner Anfangszeit in Berührung gekommen, da sein Verein mit dem „Behindertensport Achim“ kooperierte. „Wenn man paralympische Sportler ausbildet, gibt es in der Trainingsmethodik und Schießtechnik nur minimale Unterschiede. Aber sehbehinderte Sportler benötigen natürlich Aufsichtspersonen, und Rollstuhlfahrer können auf der 70 Meter langen Wiese die Pfeile nicht so einfach zurückholen“, erklärt Rainer Schemeit.

Wenn er sich an die größten Highlights seiner Trainerlaufbahn erinnert, sind es nicht die zahlreichen Erfolge seiner Athleten, die ihm zuerst in den Kopf kommen: „Am meisten hat mich regelmäßig fasziniert, von welch großer Fairness die Wettkämpfe geprägt waren. Außerdem war es immer sehr schön, die Dankbarkeit, die mir von Sportlern mit Handicaps für meine Hilfe entgegengebracht worden ist, zu spüren.“ Bei den Paralympischen Spielen in Peking, die Schemeit als Nationaltrainer besuchte, hat er verständlicherweise besonders einprägsame Momente erlebt: „Wir hatten das Glück, bereits zwei Tage früher angereist zu sein und konnten entsprechend die brillant organisierte Eröffnungsfeier genießen.“ Beim Blick in den Himmel, der fürs Bogenschießen aufgrund der Sonneneinstrahlung eine große Rolle spielt, war Schemeit damals allerdings überaus überrascht: „Ich hatte Fotos erhalten, die vier Wochen zuvor bei den Olympischen Spielen gemacht wurden. Da lag noch der typische Smog über der Stadt. Die Maßnahmen der chinesischen Regierung, den Himmel freizubekommen, griffen scheinbar nicht zu spät, denn nun war der Himmel plötzlich wolkenklar.“

Das Wetter war sicher aber kein Grund, warum Schemeits Sportler ohne Medaillen aus Peking heimkehrten. „Ich war sehr froh über unsere damaligen Leistungen, es fehlte uns einfach auch das notwendige Quäntchen Glück“, erzählt der ehemalige Bundestrainer.

In Erinnerung geblieben ist Schemeit noch die unglaubliche Freude der Paralympics-Sieger: „Eine türkische Sportlerin erhielt für den Sieg von ihrem Land eine Viertelmillion Euro und musste sich über die Finanzierung ihres Studiums in Köln fortan keine Gedanken mehr machen. Noch beeindruckender war die Geschichte eines asiatischen Teilnehmers, der ins Finale um Gold eingezogen war und eine Beinprothese aus Holz besaß. Sein Staatspräsident war zur Entscheidung extra angereist, und ein Sponsor, der vor Ort in Peking weilte, schenkte dem späteren Sieger eine selbstdenkende Hightech-Protese. Sein Gesicht bei der Überreichung werde ich nie vergessen.“

Trotz seiner beeindruckenden sportlichen Vita fährt Rainer Schemeit seit 20 Jahren immer noch jede Woche nach Lesumstotel, obwohl er inzwischen in Dorum an der Nordseeküste lebt. „Als ich einst meine Trainer-B-Lizenz machte, empfahl man mir, noch einen weiteren Verein außer Achim sportlich zu betreuen. Beim TSV bildete sich genau zu dieser Zeit die Bogenschießen-Abteilung, und Schemeits Bewerbung kam zur rechten Zeit. Ein Glücksgriff, denn auch dank seiner Tipps schießt die Herrenmannschaft konstant in der Landesliga und errangen Sabine Beniker und Ergun Orman 2016 Landesmeister- beziehunsgweise Vizelandesmeistertitel.

„Beim TSV gibt es eine gut funktionierende Gruppe, deren Kern ich schon seit Ewigkeiten kenne. Einige Mitglieder möchten sich sportlich gerne weiterentwickeln, und ich freue mich nach wie vor, wenn jemand mein Angebot zu helfen, annehmen möchte“, beschreibt Schemeit seine Verbundenheit zum Verein. Ergun Orman würde sich freuen, auf Schemeits Ratschläge beim TSV noch möglichst lange zurückgreifen zu können: „Rainer ist ein empathischer Mensch, der nie laut wird und es versteht, die Leute zu motivieren. Er sieht stets Verbesserungspotenzial und verfügt einfach über eine unglaubliche Erfahrung und Kompetenz in Sachen Technik. Ich kenne definitiv keinen besseren Trainer.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+