Ritterhude Gebürtige Bremerin wird im Supermarkt Opfer von Fremdenhass

Sie lebt in Ritterhude, ist gebürtige Bremerin und trägt als Muslimin Kopftuch. In einem Supermarkt wurde sie deshalb nun mit rassistischen Bemerkungen verbal angegriffen. Sie zeigte den Mann an.
25.11.2019, 18:21
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Gebürtige Bremerin wird im Supermarkt Opfer von Fremdenhass
Von Brigitte Lange

Abfällige Blicke kennt die 43-Jährige, erzählt sie. Aber dies sei eine Premiere gewesen. Eine, auf die Azra Demirci (Name von der Redaktion geändert) gern verzichtet hätte und die sie tief getroffen habe: Beim Einkaufen in einem Ritterhuder Supermarkt am Marie-Bergmann-Platz ist sie von einem Mann verbal angegriffen und aufgrund ihrer Religion und vermeintlich ausländischen Herkunft beschimpft worden. „Mit meinem Kopftuch hätte ich hier sowieso nichts zu suchen; ich solle dahin gehen, wo ich herkomme“, habe er ihr an den Kopf geworfen und hinzugefügt, dass man alle Kopftuchtragenden von hier verbannen solle.

„Ich war zutiefst gekränkt“, berichtet die gebürtige Bremerin, die mit ihrem Mann, ebenfalls gebürtiger Bremer, und den Kindern nach Ritterhude gezogen ist. Für sie sei der Angriff überraschend gekommen. Vorausgegangen war eine banale Situation: Die Frau, die in der Schlange vor Demirci gestanden hatte, ging spontan zurück in den Laden. Bevor die 43-Jährige aufrücken konnte, drängelte sich der hinter ihr anstehende Mann bereits vor. „Als ich ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass ich auch anstehe, äußerte er, dass ich mich schneller bewegen müsse; wir wären hier in Deutschland; hier laufe das so.“

Keiner kommt zur Hilfe

Nicht nur die Worte des Mannes hätten sie getroffen. Keiner der Umstehenden, kein Mitarbeiter sei ihr zur Hilfe gekommen. „Vielleicht haben sie es gar nicht wahrgenommen“, räumt sie ein. Schließlich hätten sie sich nicht angeschrien, hätten in normaler Lautstärke gesprochen. Trotzdem. „Ich fand das unfair, das hatte ich nicht verdient.“ Diese Gefühle hätten sie nicht mehr losgelassen. Sie frage sich, wie das in Zukunft noch werden solle.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Ritterhude, Andrea Vogelsang, die von dem Fall erfahren hat, ist überzeugt, dass Fremdenhass immer schon unterschwellig da gewesen ist. „Im Unterschied zu früher, ist er heute nur gesellschaftsfähig geworden.“ Etwas, das sie stark den sozialen Medien anlastet. Insgesamt beobachte sie eine „Verrohung“ der Gesellschaft, kritisiert Vogelsang.

"Pöbeleien sind noch das Geringste"

Dass Demircis Eltern aus der Türkei stammen, sei dabei völlig egal: „Es geht nicht, dass jemand angegangen wird, weil sie ein Kopftuch trägt.“ Dass ein solches Verhalten scheinbar salonfähig werde, halte sie für dramatisch, sagt Vogelsang. Und: „Ich hätte mir gewünscht, dass jemand eingegriffen hätte.“ Dabei hätten die Umstehenden gar nicht den Täter ansprechen müssen, meint sie. „Es hätte gereicht, wenn sie dem Opfer gezeigt hätten, dass sie das Auftreten des Täters nicht okay gefunden haben.“ Sie hätten beispielsweise hinterher auf Azra Demirci zugehen können, ihr erklären können, dass sie zu geschockt gewesen seien, um zu reagieren, aber dass sie das, was der Mann gesagt habe, nicht in Ordnung gefunden hätten und sie sich seine Worte nicht zu Herzen nehmen solle.

Grundsätzlich sollten sich Opfer wie die 43-Jährige an die Polizei wenden, sagt Vogelsang. Selbst wenn sie keinen Hinweis auf die Identität des Täters hätten. Nur wenn die Taten gemeldet würden, würden sie bekannt, sodass gegengesteuert werden könne. „Diese Leute brauchen einen Schuss vor den Bug“, sagt Vogelsang und fürchtet, dass so etwas sonst normal werde. „Und Pöbeleien sind noch das Geringste.“

Azra Demirci ist zur Polizei gegangen und hat Anzeige erstattet. „Ich begrüße das“, sagt Hauptkommissar Heino Vajen, Leiter der Polizeistation Ritterhude. Viele dieser Fälle kämen gar nicht zur Anzeige, fürchtet er. Tatsächlich weist die Statistiken für 2017 acht und für 2018 neun rechts-motivierte Straftaten im Landkreis Osterholz aus, teilt die Pressesprecherin der Polizeiinspektion Verden / Osterholz, Imke Burhop, mit. Links-motivierte Straftaten gab es in dem Zeitraum gar keine. Meldungen über andere Fälle von Beleidigung mit rassistischem Hintergrund – ohne Körperverletzung oder beleidigende Handlung –, gebe es ebenfalls nicht.

Nicht zum Smartphone greifen

Bevor Vajen nach Ritterhude wechselte, hat er bei der Polizei im Bereich Prävention gearbeitet. Er weiß, was Zivilcourage bedeutet und das sie nicht jedem leicht fällt. Oft helfe es schon, wenn Umstehende den Täter anschauten und zwar so, dass er es bemerke, sagt Vajen. Wollten Zeugen direkt helfen, fühlten sich aber schwach und hätten Sorge, dadurch in Gefahr zu geraten, könnten sie weitere Personen vor Ort ansprechen, auf die Situation aufmerksam machen, sie an ihre Seite holen und dem Opfer signalisieren: „Wir stehen dir bei“. Direkte Rückmeldungen, wie sie Andrea Vogelsang empfiehlt, befürwortet Vajen ebenfalls: „Das hilft den Opfern wirklich.“ Hilfreich für die Polizei sei es, wenn die Zeugen den Täter beschreiben könnten. Vajen: „Wenn sie sich dabei überlegen, woran sie den Täter am nächsten Tag oder in einer Woche noch erkennen würden oder wem er vielleicht ähnlich sieht, hilft ihnen das, sich später besser zu erinnern.“ Den Täter mit dem Smartphone zu filmen, empfiehlt der Hauptkommissar bewusst nicht. „Dabei besteht die Gefahr, dass der Täter das nicht möchte.“ Die Situation könne eskalieren, Unbeteiligte könnten hineingezogen werden.

Und wie sollte sich das Opfer verhalten? „Das kommt auf die Situation an und darauf, was ich mir zutraue.“ Stünde man einer Gruppe von gewaltbereiten Tätern gegenüber, solle man sich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. In einem Fall, wie ihn die 43-jährige Ritterhuderin erlebt habe, helfe es, „laut und deutlich und ganz bestimmt zu sagen, dass sie das nicht hinnimmt“. Gleichzeitig müsse das Opfer „mit kühlem Kopf überlegen, wie es weiter geht. Ob es Schutz im Geschäft finde? Oder, falls es mit dem Bus unterwegs sei, schauen, ob es gefahrlos aussteigen oder jemanden mit dem Handy zur Haltestelle rufen könne, nennt Vajen Möglichkeiten.

Azra Demirci war durch die rassistische Beschimpfung nicht eingeschüchtert. Im Gegenteil. Sie war wütend. Sie sei dem Mann gefolgt und habe sein Autokennzeichen fotografiert. „Ich wollte eine Entschuldigung“, sagt die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin. Diese hat sie inzwischen bekommen: Auf dem Parkplatz einer Bäckerei sei der Mann plötzlich an ihr Auto getreten und habe sich bei ihr entschuldigt. „Er sagte, er wisse selbst nicht, was an dem Tag in ihn gefahren sei.“

Zum Thema Zivilcourage und Hasskriminalität gibt die Polizei unter www.polizei-beratung.de Tipps.

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