Kabarett im Hamme-Forum „Die Zukunft ist immer ungewiss“

Jürgen Becker nutzte den Auftritt in Ritterhude, um sich der Zukunftsangst zu stellen. Am Ende verbreitete er den "optimalen Optimismus" im Hamme-Forum.
24.10.2021, 17:46
Lesedauer: 3 Min
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Von Christa Neckermann

Ritterhude. „Darauf habe ich lange gewartet“, sagt Joachim Labs. Er sitzt im vorderen Bereich des Hamme-Forums und hat einen guten Blick auf die Bühne, auf der gleich Jürgen Becker sein Programm „Die Ursache liegt in der Zukunft“ vorstellen wird. „Den Jürgen Becker höre ich immer im WDR“, erklärt Joachim Labs. „Der ist echt gut, vor allen Dingen seine Sendung ,Mitternachtsspitzen'.“

Und da ist er schon, der Wortkünstler und spitzzüngige Kabarettist. Jürgen Becker ist Mitbegründer und langjähriger Präsident der alternativen „Stunksitzung“. Die Themen entstammen der Weltpolitik und deutscher Politszene und reichen bis zu Kölner Lokalthemen. „Jetzt wollen wir uns mal einen schönen Abend machen“, begrüßte Becker mit leicht kölschen Zungenschlag sein Publikum. „Oder sind Sie in der CDU?“ Den wahren Grund der CDU-Verluste hat Becker schon gleich nach der Bundestagswahl ausgemacht: Nicht die Wählerabwanderung zur SPD war schuld, sondern der Verlust der CDU-Wähler an die Bestatter. Die Wahlanalyse habe ergeben, dass die CDU eine Partei der alten Leute auf dem Land sei, führte Becker weiter aus. Die Jungen wählten FDP und Grüne, also brauche die CDU ein Wahlrecht für Verstorbene, so sein Fazit. Nur so mache der Begriff „Urnengang“ wieder Sinn.

Parteiübergreifend einendes Prinzip

Als parteiübergreifend einendes Prinzip stellte Becker die Zukunftsangst vor. „Die Zukunft der deutschen Autoindustrie ist ungewiss, die Zukunft der deutschen Kaufhäuser ist ungewiss: Meine Damen und Herren, das ist alles Quatsch, denn die Zukunft ist immer ungewiss!“ Bestes Beispiel dafür liefere die jüngste Vergangenheit: Wer hätte schon gedacht, dass man vor dem Betreten einer Bank eine Maske anlegen würde? Vor zwei Jahren wäre man dafür verhaftet worden.

Dass die Ungewissheit den Reiz der Zukunft ausmacht, vermittelte Becker den 200 Gästen im Hamme-Forum auf verbal schlagkräftige Art. Zukunft sei das, was den Menschen vom Tier unterscheide, philosophierte Becker. „Tiere beschränken sich immer auf das Nötigste: Lebensmittel und Sex. Mehr haben die nicht.“ So seien auch Versicherungen manifestierte Zukunftsangst. „Fragen Sie mal eine Eintagsfliege, was sie mehr interessiert: die Renten- oder die Sterbegeldversicherung!“

Viele Menschen versuchten auch, über Religionen die Ungewissheit der Zukunft zu erhellen, erläuterte der Kabarettist. Das Christentum erkläre, dass man nach dem Tod im Jenseits die bereits zuvor verstorbenen Verwandten wieder träfe. „Als ob das Sterben allein nicht schon schlimm genug wäre!“ Deutschland sei das Land mit den meisten Versicherungen, hielt Becker seinem Publikum vor Augen. Diese Zukunftsangst, gepaart mit der Religion, war für Becker auch ein eindeutiges Indiz dafür, dass Jesus ein Deutscher war. „Jesus war in den Himmel aufgefahren und ist zurückgekommen. Im Grunde war das kein Wunder, Jesus hatte eben eine Reiserücktrittsversicherung!“

Absurdität und Witz

Durch das Lachen im Saal schimmerte doch immer wieder die Absurdität der so witzig dargestellten Becker’schen Beispiele hindurch. So etwa, als Becker das angestrebte unendliche Wachstum der Wirtschaft aufs Korn nahm und rein rhetorisch das Publikum fragte, wohin denn ein andauerndes, unendliches Wachstum auf einem als endlich konzipierten Planeten führen würde?

Egal, wie unterhaltsam der Abend für das Publikum auch war, die von Becker angeschnittenen Themen und seine kabarettistische Sichtweise darauf machten auch nachdenklich. Ist alles sicher, was sicher erscheint? Oder sind ein wenig mehr Gelassenheit und Vertrauen angebracht, fragte sich mancher Zuhörer am Schluss.

Mit seinem aktuellen Programm „Die Ursache liegt in der Zukunft“ war Kabarettist Jürgen Becker auf sympathische Art ein Spagat zwischen einer hochwissenschaftlichen BWL-Vorlesung und einer Kölner Karnevalssitzung gelungen. So gut, dass das applaudierende Publikum den Wortkünstler so gar nicht gehen lassen wollte. Erst die Becker’sche Zukunftsvision von einer Gegenoffensive der Großschlachtereien gegen die zunehmenden Veganer bereitete dem vergnüglichen Abend ein Ende: Der Apfel aus Fleischwurst.

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