Unterschriftensammlung Kammeier-Pläne stoßen auf Skepsis

Nach der Zerstörung des Chemierecyclers Organo-Fluid hatte die Gemeinde Ritterhude Pläne verfolgt, das Gelände zum Wohngebiet umzugestalten. Dass das nun anders kommen könnte, beunruhigt die Anwohner.
02.07.2019, 17:40
Lesedauer: 4 Min
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Kammeier-Pläne stoßen auf Skepsis
Von Brigitte Lange

Gut 95 Prozent der Ritterhuder, die im Straßendreieck Im Orth, Kiepelbergstraße und Vielenbruchsweg wohnen, lehnen die Pläne von Horst Kammeier für das von ihren Straßen umschlossene ehemalige Bergolin-Gelände ab. Wie berichtet, schwebt dem Projektentwickler der Firma „Kammeier Multiservice“ für das Areal eine Misch-Nutzung aus Wohnbebauung und nicht störendem Gewerbe vor. Bis zur Baureife will er das Vorhaben vorantreiben, dann soll das Gelände, das in fünf separate Grundstücke aufgeteilt worden ist, an Investoren verkauft werden. Diese sollen die Pläne, entsprechend des Bebauungsplanes, samt Bauauflagen umsetzen.

Dass Bürgermeisterin Susanne Geils davon überzeugt ist, „dass alles im Sinn der Gemeinde und der Bürger gut wird“, habe die Anwohner weder überzeugen noch beruhigen können, teilt Herbert Dachwitz der Redaktion nun mit. Er selbst ist Anwohner und von den Plänen betroffen. Daher hat er eine Unterschriftenaktion gegen Kammeiers Ideen gestartet. 130 Nachbarn haben das Schreiben in kürzester Zeit unterzeichnet. Die Liste liege inzwischen der Verwaltung vor, sagt er: „Zurzeit melden sich immer noch vereinzelt Familien zur Unterschrift nach, die nicht erreicht werden konnten.“ Seines Ermessens nach hätten sich damit sogar mehr als 95 Prozent gegen das Vorhaben ausgesprochen.

Schlechte Erfahrung mit Behörden

Dabei ist es nicht so, dass die Anwohner weiter am Rand einer Gewerbe-Brache leben wollen. Sie sind für eine Überplanung des Geländes, das der Farben- und Lackhersteller Bergolin bereits vor Jahren in Richtung Gewerbegebiet A 27 (Heilshorn) verlassen hat. Auch dass Kammeier das Grundstück von Wolfgang Kozcott, auf dem bis zur fatalen Explosion in 2014 das Chemie-Recycling-Unternehmen Organo-Fluid stand, überplanen will, kommt ihren Wünschen entgegen. Das Problem sei ein anderes, sagt Herbert Dachwitz. Sie wollen nicht, dass das Gewerbegebiet „reaktiviert“ wird. Sie wollen auf der gesamten Fläche Wohnbebauung – „gegebenenfalls mit kontrolliertem Kleingewerbe“.

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Die Tatsache, dass Kammeier dort – klar abgetrennt von der Wohnbebauung, wie Dachwitz sagt – nicht störendes Gewerbe vorsieht, lehnten sie ab. Zu lange hätten sie die verschiedensten Behörden auf Sicherheits- und andere Probleme mit den früheren Nutzern Bergolin und Organo-Fluid hingewiesen. „Selten mit Erfolg“, sagt Dachwitz. Und nun solle ein privater Investor das richten, was die Gemeinde den Anwohnern nach dem verheerenden Unfall auf dem Chemie-Gelände versprochen habe – „das alles gut wird“?

Dachwitz stört, dass diese Planungen seinem Empfinden nach unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorangetrieben werden. Ein Eindruck, den laut Unterschriftenliste, 130 Anwohner teilen. Sie fühlen sich nicht informiert, fordern eine Anliegerversammlung. „Das sollte nach den verheerenden Ergebnissen der bisherigen Bauleitplanungen in diesem Gebiet und der Explosion das Mindeste sein“, wendet sich Holger Dachwitz schriftlich an die Bürgermeisterin.

„Keine Reaktivierung der Bergoline-Gewerbefläche mit Teilung“

In fetten Buchstaben erklären die Anwohner außerdem auf dem Formular, dass sie „keine Reaktivierung der Bergoline-Gewerbefläche mit Teilung“ wollen. Stattdessen pochen sie darauf, dass die Gemeinde den Entwurf eines Bebauungsplanes umsetzt, den die Verwaltung für das Areal bereits kurz nach der Explosion bei einem Planungsbüro in Auftrag gegeben habe: den Bebauungsplan-Entwurf Nummer 48. Diese Planungen waren damals Wille der Politik und sahen für die Fläche ein allgemeines Wohngebiet vor. Dachwitz berichtet, den Anwohnern sei 2015 von der Verwaltung mitgeteilt worden, dass ein entsprechender Aufstellungsbeschluss vom nicht-öffentlich tagenden Verwaltungsausschuss gefasst worden sei.

Dass es diesen Entwurf für ein allgemeines Wohngebiet gibt, hatte Bauamtsleiter Michael Keßler Ende 2016 der Redaktion bestätigt. Allerdings konnte die Gemeinde das Verfahren damals nicht weiter vorantreiben beziehungsweise umsetzen, da die Fläche ihr nicht gehörte. Zudem pochte die Firma Bergolin, Eigentümerin des größten Teils der zu überplanenden Fläche, darauf ihr Grundstück als Produktionsstandort nutzen zu wollen. Das müsse bei dem Verfahren bedacht werden, hatte Keßler 2016 berichtet und bemerkt: „Wir wären gern schon weiter.“ Die Voruntersuchungen und Bestandsaufnahmen zu jenem Bauleitverfahren sollen nun Grundlage für den von Kammeier angestrebten neuen Bebauungsplan werden. Einwende von Bergolin kann es nicht mehr geben. Der Konzern hat das Grundstück an eine Kapitalgesellschaft verkauft, die Kammeier mit dem Projekt beauftragt hat.

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Dessen Plan, teilweise am Gewerbegebiet festzuhalten, sorgt aus einem weiteren Grund für Unruhe bei den Anwohnern, berichtet Dachwitz: „Bei einigen Befragten klang der Wunsch durch, dass die Sackgassensituation ihrer Straßen nicht verändert werden sollte. Auf keinen Fall sollen die Wohnstraßen durch die Hintertür in Gewerbegebietszufahrten umgewandelt werden.“ Genau dies hatte eine Anwohnerin des Vielenbruchwegs bei der jüngsten Ratssitzung auch von Politik und Verwaltung gefordert: keine Veränderung der Verkehrssituation.

Die Unterschriftenliste samt erklärendem Anschreiben liegt nun auf dem Tisch der Bürgermeisterin. „Sobald Frau Geils aus dem Urlaub zurück ist, wird es dazu Gespräche geben“, versichert Bauamtsleiter Michael Keßler. Zum jetzigen Zeitpunkt könne er dazu nicht mehr sagen. „Das ist Chefsache“, bat er um Verständnis.

Info

Zur Sache

SPD-Fraktion sucht das Gespräch

Die Unruhe, die die Pläne von Projektmanager Horst Kammeier für das ehemalige Bergoline-Gelände unter den Anwohnern ausgelöst haben, ist der SPD-Fraktion im Ritterhuder Rat nicht entgangen. Nach Einreichung der Unterschriftenliste hat sie das Gespräch mit den Anwohnern der Straßen Im Orth, Vielenbruchsweg und Kiepelbergstraße gesucht. Bei Grillwurst und Kaltgetränken, so Fraktionsvorsitzender Jürgen Kuck, hätten gut 50 Anwohner die Chance zum Gespräch genutzt. Um alle offenen Fragen zu den Projektplänen zu klären, nahm auch Horst Kammeier am Treffen teil. „In dieser angenehmen Atmosphäre konnten die allermeisten Fragezeichen ausgeräumt werden. Nicht beantwortete Fragen wurden 'mitgenommen' und werden nach Klärung beantwortet“, teilte Kuck nun der Presse mit. Auch habe die SPD-Fraktion den Anwohnern zugesagt, sollten neue Sachstände vorliegen, werde ein solches Treffen wiederholt.

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