Zukunftswerkstatt Motto: Zu Fuß zum Bäcker ist gesund

Was braucht es, damit mehr Senioren in Ritterhude auf das Auto verzichten und sich zu Fuß beziehungsweise mit dem Rad von A nach B bewegen? Dies war nun Thema einer Zukunftswerkstatt.
17.06.2019, 17:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Klaus Grunewald

Ritterhudes Bürger sollen möglichst gesund altern. Darauf zielt ein Forschungsprojekt „Afoot“ (zu Fuß) ab, das die körperlichen Aktivitäten der Senioren durch gezielte städtebauliche Maßnahmen fördert. Wie sie in der Praxis aussehen, darauf können die Betroffenen mit konkreten Empfehlungen Einfluss nehmen. Zum Beispiel in einer „Zukunftswerkstatt“, wie sie jetzt unter dem Motto „Aktiv mobil – länger gesund“ im Hamme-Forum stattfand. Dabei wurde deutlich, dass es in der Hammegemeinde in den nächsten Jahren noch viel zu tun gibt, um die „wohnungsnahe Mobilität“ der Bürger zu verbessern. Vor allem durch die Beseitigung von Fahrbahnschäden, Temporeduzierungen sowie sichere Rad- und Fußwege.

Knapp 30 Bürger aus Alt-Ritterhude, allesamt über 60 Jahre alt, hatten sich jetzt im Hamme-Forum eingefunden, um ihre Wünsche und Anregungen für mehr und vor allem sichere Bewegungsfreiheit vorzutragen. Wobei sie keineswegs mit kritischen Anmerkungen sparen sollten, wie Moderatorin Professor Dr. Sabine Baumgart die Frauen und Männer zur Diskussion ermunterte. Nach rund dreistündiger lebhafter Debatte kristallisierten sich Schwerpunkte für einen Maßnahmenkatalog heraus, dessen Realisierung das Radfahren oder den Gang zum Bäcker und zum Supermarkt attraktiver machen und erleichtern soll. Denn wer regelmäßig Rad fahre oder zu Fuß gehe, sich also im Alltag ausreichend bewege, tue sich, seiner Gesundheit und der Umwelt Gutes, lautet das Credo des Forschungsprojekts. Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, läuft es bis Juli 2020.

Reallabor Ritterhude

Die knapp 15 000 Einwohner zählende Gemeinde fungiert dabei als sogenanntes Reallabor, in dem Probleme, die dem Radfahren und Zufußgehen entgegenstehen, von Bürgern und Wissenschaftlern gemeinsam erfasst und definiert werden. Das sei wichtig für ältere Menschen, die so lange wie möglich selbstständig in ihrem gewohnten Umfeld leben wollen, sagt Lena Oeltjen. Die Gesundheitswissenschaftlerin ist von der Hamme-Gemeinde eingestellt worden, um sich speziell dem Thema „Mobilitätsbedürfnisse älterer Menschen“ zu widmen. Und dabei helfen ihr noch bis Mitte nächsten Jahres Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Publik Health und Pflegeforschung der Universität Bremen sowie der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität (TU) Dortmund. Die Ergebnisse sollen bei der Planung von Straßen und Wegen den gesundheitlichen Aspekt stärker in den Blickpunkt rücken. Ziel sei es, so das Rathaus, die Bedürfnisse der Menschen ab 60 zu erfahren, damit sie sich künftig entscheiden, möglichst per pedes oder auf dem Drahtesel den täglichen Einkauf, Bekanntenbesuch oder Aufenthalt in freier Natur zu absolvieren.

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Gestartet wurde das Forschungsprojekt bereits im November 2018 mit einer Fragebogenaktion, an der knapp 100 Ritterhuderinnen und Ritterhuder im Alter zwischen 60 und 89 teilnahmen. Sie bezeichneten insbesondere eine gute Straßenbeleuchtung, intakte und genügend breite Fußwege, sichere Überquerungsmöglichkeiten der Straße sowie ausreichend Parkplätze als wichtig. Bei Bürgern mit Behinderung genießen hingegen eine niedrige Geschwindigkeit des Verkehrs sowie die schnelle Erreichbarkeit von Toiletten Priorität. Auch darüber, wie aktiv die älteren Ritterhuder in Sachen Mobilität überhaupt sind, brachte die Untersuchungen eine Erkenntnis: Danach sind 53 Prozent der Befragten mindestens an drei bis vier Tagen in der Woche zu Fuß unterwegs, 31 Prozent mit dem Fahrrad. Priorität aber besitzt das eigene Auto. Mit ihm erledigen 75 Prozent der Befragten mindesten viermal wöchentlich Einkäufe und Besuche.

Nicht alles realisierbar

Der Befragung folgten drei „Zukunftswerkstätten“, in denen die Ergebnisse vertieft und durch neue Erkenntnisse über das Mobilitätsverhalten ergänzt werden sollten. Wobei die Resonanz in Platjenwerbe und Lesumstotel nach den Worten von Lena Oeltjen eher bescheiden war und die Teilnehmer an zwei Händen abgezählt worden konnten. Ein wesentlich größeres Interesse konnten Sabine Baumgart, Lena Oeltjen und die Mitarbeiterinnen von Uni Bremen und TU Dortmund jetzt im Tagungsraum des Hamme-Forums registrieren. Dort hatte sich auch Michael Keßler, Leiter der Bau-, Planungs- und Umweltbehörde im Ritterhuder Rathaus, eingefunden, um Wünsche der Senioren aus erster Hand zur Kenntnis zu nehmen.

Wunsch nach Beseitigung von Schlaglöchern und Stolperfallen

Oft genannt: Tempo 30 in der Riesstraße, die zugleich Radfahrer freundlicher gestaltet und mit Zebrastreifen ausgestattet werden sollte. Ganz oben auf dem Wunschzettel stehen auch die Beseitigung der Stolperfallen auf Wegen und der Schlaglöcher auf Fahrbahnen sowie mehr Rücksichtnahme im Verkehr. Zudem wünschen sich die älteren Ritterhuder zusätzlich Sitzbänke, bessere Bus- und Bahnverbindungen nach Bremen sowie einen attraktiv gestalteten Treffpunkt auf dem neuen Marktplatz.

Das alles sei natürlich nicht von heute auf morgen zu realisieren, erklärte Keßler und verwies auf die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde. Gleichwohl sei ein Radwegekonzept in Auftrag gegeben worden, um die Mobilität mit dem Fahrrad zu fördern. Allerdings seien der Gemeinde oft auch politische Grenzen gesetzt, um Wünsche der Bürger zu erfüllen. So könne sie die Riesstraße nicht nach eigenem Gutdünken zur Tempo-30-Zone erklären. Zuständig sei die Landesbehörde und die lehne eine solche Forderung schlicht ab. Dennoch verfüge Ritterhude im Vergleich zu vielen anderen Gemeinden gleicher Größe schon jetzt über eine zufriedenstellende Aufenthaltsqualität, lautete das Fazit eines Werkstatt-Besuchers.

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