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Ritterhude Badgers klagen gegen den Verband

Die Ritterhude Badgers sind aktuell Hauptdarsteller in etwas, das sich zu einem echten Justizthriller auswachsen könnte. Es geht um die Zukunft des Vereins - und um mehr Gerechtigkeit im Verbandswesen.
15.01.2020, 08:32
Lesedauer: 5 Min
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Von Jan-Henrik Gantzkow
Ritterhude Badgers klagen gegen den Verband

In welcher Liga werden die Ritterhude Badgers zur neuen Football-Saison antreten?

Tobias Dohr

Vor einer Woche sind die American Footballer der Ritterhude Badgers in ihre Vorbereitung auf die neue Saison gestartet. Normalerweise eine spannende Phase, in der potenzielle Neuzugänge verpflichtet werden und die Entwicklung des Teams im Fokus steht. Normal ist bei den Ritterhude Badgers aktuell aber gar nichts, über sportliche Themen wird am Moormannskamp momentan kaum gesprochen.

Vielmehr sind die „Dachse“ aktuell Hauptdarsteller in etwas, das sich zu einem echten Justizthriller auswachsen könnte. Es geht nicht nur um die Zukunft des Vereins, sondern auch um mehr Gerechtigkeit im verworrenen Verbandswesen des American Footballs in Deutschland. Doch was ist überhaupt passiert? Vor knapp drei Wochen – zwei Tage vor Heiligabend – wurden die Verantwortlichen der Hammestädter per Mail darüber informiert, dass sie in der neuen Spielzeit trotz sportlichen Klassenerhalts nicht mehr in der Regionalliga starten dürften, die Lizenz stattdessen nur für die eine Klasse tiefere Oberliga gilt. „Diese Nachricht zu einem solchen Zeitpunkt war natürlich ein echter Schock. Zumal sie für uns aus heiterem Himmel kam und uns allen suspekt war“, erklärt Ritterhudes Headcoach Benjamin Crljenkovic seine damalige Gefühlslage.

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Und nicht nur dem Übungsleiter ging es so. Nachdem die Badgers über ihre Facebook-Seite über die Eingruppierung in die Oberliga berichtet hatten, kam es zu einer regelrechten Solidaritätswelle. Denn vor allem die lapidare und hypothetische Begründung des für die Ligeneinteilung zuständigen Spielverbunds Nord sorgte nicht nur im Lager der Schwarz-Gelben für große Verwunderung. Da hieß es lediglich, „dass aufgrund fehlender Jugendmannschaften seit Mitte 2019 keine sportlichen Leistungen für die Herren in der Regionalliga zu erwarten“ seien. Um dies zu verstehen, muss man zunächst einmal einige Monate zurückspringen: In der Spielordnung des American Football- und Cheerleading-Verbandes (AFCV) ist festgehalten, dass ein Regionalligateam über eine Jugendabteilung verfügen muss, also entweder eine A-Jugend stellt oder zwei andere Jugendmannschaften im Verein aktiv sind.

Nachträglicher Lizenzentzug

Als dann vor Beginn der vergangenen Spielzeit das Ritterhuder Flagteam abgemeldet werden musste, konnte dieser Forderung nicht mehr nachgekommen werden. Zu diesem Zeitpunkt wäre ein Lizenzentzug und Zwangsabstieg die Konsequenz gewesen, von Verbandsseite kam aber keinerlei Reaktion. Erst nach dem letzten Saisonspiel am 3. September schien den Funktionären ihr Versäumnis aufgefallen zu sein, ein nachträglicher Lizenzentzug wurde den Badgers-Offiziellen mitgeteilt. Nur um wenige Tage später die eigene Entscheidung aufzuheben. Per E-Mail, die der Redaktion vorliegt, wurde den Ritterhudern erklärt, dass die Lizenz nach Beratung doch nicht entzogen wird.

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Die Sache war also scheinbar klar, die Ritterhude Badgers dürfen weiter hochklassig spielen. Um nicht nochmals in eine solche Situation zu geraten, machten sich die Verantwortlichen voller Tatendrang daran, die Statuten zu erfüllen. Unter immensem Aufwand wurden viele Spieler akquiriert, sodass für die kommende Saison eine A-Jugend am Spielbetrieb teilnehmen kann. „Das war mit viel Aufwand verbunden, aber wir haben da einiges bewegt“, so Crljenkovic. Die Vorfreude auf die neuen Herausforderungen stieg von Tag zu Tag, im Hintergrund wurde akribisch am neuen Kader gebastelt. Und dann kam jene ominöse Mail, die nicht wenigen Ritterhudern das Weihnachtsfest gehörig versaute.

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Diese Mail ist aber keineswegs das Ende dieser Geschichte, sie ist der Auftakt des eigentlichen Dramas. Denn statt sich mit der Entscheidung des Verbandes abzufinden, krempelte vor allem der erste Vorsitzende Holger Bürger die Ärmel hoch und schaltete in den Angriffsmodus. Bürger kontaktierte den ehemaligen Bremer Spitzensportler Lars Figura, der mittlerweile als Anwalt fungiert. Gemeinsam gingen sie den Hintergründen des Zwangsabstiegs auf den Grund – zum Ärger der Verbandsspitze. „Sie haben nicht damit gerechnet, dass sich ein so kleiner Verein gegen diese Ungerechtigkeit wehren würden. Wir haben da in ein Bienennest gestochen“, berichtet Bürger.

Nur wenige Tage nachdem die Badgers Protest angekündigt hatten, wurden sie informiert, dass plötzlich sogar wieder ein kompletter Lizenzentzug möglich wäre. Dann hätten die Badgers in der untersten Spielklasse einen Neustart machen müssen. Doch auch diese Drohung ließ Bürger nicht einknicken, weswegen schlussendlich tatsächlich die Regionalligalizenz nachträglich entzogen wurde. Nicht nur dieses Vorgehen lässt den Verband in einem zumindest fragwürdigen Licht erscheinen, auch weitere Details sorgen für einen faden Beigeschmack. Denn ein Profiteur vom möglichen Abstieg der „Dachse“ wären die „Blue Devils“ aus Hamburg, die am Ende der abgelaufenen Saison völlig überraschend als sportlicher Absteiger aus der Regionalliga feststanden. Kurz bevor die Ritterhuder ohne Vorwarnung in die Oberliga abgestuft wurden, übernahm ausgerechnet der Hamburger Verband die Geschäftsführung des für die Ligeneinteilung zuständigen Spielverbundes Nord, in dem sich außerdem die Landesverbände aus Schleswig-Holstein, Bremen und Niedersachsen zusammenschließen.

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Hannoveraner Verein mit ähnlichen Problemen

Nicht nur Verschwörungstheoretiker könnten hier einen Zusammenhang sehen, speziell da auch ein Hannoveraner Verein derzeit mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat und scheinbar ohne ersichtlichen Grund nicht aufsteigen darf. Ob wirklich bewusst die Grenzen des Regelwerks ausgereizt oder gar überschritten werden, muss noch geklärt werden, ein unglückliches Bild gibt der Verband aber in jedem Fall ab. Zu intransparent sind die Entscheidungsprozesse, die Spielordnung bietet außerdem häufig Interpretationsspielraum. Angaben zur Sache wollten die Verantwortlichen übrigens nicht machen und verwiesen auf das aktuell laufende Verfahren.

Bis Ende des Monats muss eine Lösung gefunden werden, die Ritterhuder glauben aber fest an ihren Ligaverbleib. „Wir gehen davon aus, dass wir in der Regionalliga starten und dieses skurrile Urteil gekippt wird“, zeigt sich „Benno“ Crljenkovic zuversichtlich. Anlass zur Hoffnung bietet dabei das geltende Europarecht, welches unter anderem die Ungleichbehandlung zwischen städtischen und ländlichen Regionen regelt. Weil es für kleine „Dorfvereine“ wie Ritterhude deutlich schwieriger ist, Nachwuchsmannschaften zu unterhalten, erscheint diese Verpflichtung als Verstoß. Auch eine kürzlich publizierte Regeländerung des Verbands passt zu dieser Annahme: Ab 2020 sind fehlende Jugendteams somit kein zwingender Grund mehr für einen Lizenzentzug. Mittlerweile hat das Thema also sogar eine politische Dimension erreicht, der Ausgang des Protests dürfte weitreichende Folgen für zukünftige Fälle haben. Dem sind sich die Ritterhude Badgers durchaus bewusst: „Wir bleiben weiterhin das gallische Dorf und werden weiter für die Gerechtigkeit kämpfen“, verspricht Holger Bürger.

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