Zu Besuch bei der „alten Dame“ Viele Sturmfluten setzten ihr zu

Seit 1875 gibt es die Ritterhuder Schleuse nun schon. Und das Meiste des Bauwerks ist noch original erhalten. Wir blicken hier auf ihre Geschichte.
07.02.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Ulrike Schumacher

Ritterhude. Wenn die „alte Dame“ wirklich erzählen könnte, dann wären es Sätze voller Angst und voller – nicht selten vergeblicher – Mühe. Aber auch Sätze voller Zuversicht und dem Gefühl der Sicherheit. Ohne sie, ohne die „alte Dame“, die sich in Ritterhude schützend über die Hamme spannt, wäre die Gegend am Fluss bei jedem höheren Hochwasser gnadenlos abgesoffen. Mag sein, dass die Menschen um sie herum der Ritterhude Schleuse deshalb den Ehrfurcht erweisenden Beinamen „alte Dame“ verpasst haben. Weil sie so widerständig war, bei all dem, was sie erlebt hat. Getrotzt hat sie manchem Sturm. Etliche schwere Fluten sind über sie hinweggerollt.

Seit 1875 gibt es die Ritterhuder Schleuse nun schon. „Das Allermeiste des Bauwerks ist noch original erhalten“, weiß Andreas Burfeind. Er ist Geschäftsführer des GLV, des Gewässer- und Landschaftspflegeverbandes Teufelsmoor, zu dessen Aufgaben auch die Unterhaltung und der Betrieb der Ritterhuder Schleuse gehört. Zusammen mit Peter Bald, einem der beiden Schleusenwärter, steht Andreas Burfeind an diesem kalten Wintertag hoch oben auf dem imposanten Bau. Unter den Füßen dicker Beton. Er bildet zusammen mit Klinker und Sandstein das Material der Ritterhuder Schleuse, die seit 1985 unter Denkmalschutz steht, weil sich in ihr eine kulturhistorische Entwicklung widerspiegelt.

Höhere Belastung

„Die Geschichte des Bauwerks ist zugleich eine Geschichte der Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen, von der Nass- zur Trockenwirtschaft mit erhöhten Ansprüchen an den Hochwasserschutz“, hatte Horst Wiezorek, ehemaliger leitender Baudirektor aus Verden, in einem Vortrag anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Ritterhuder Schleuse betont. Darüber hinaus spiegele sich in dem Bauwerk auch die Geschichte der Schifffahrt, die mit ihren immer größeren und tiefergehenden Schiffstypen vermehrte Ansprüche an die Zufahrten zu den Häfen stellte, wider. Davon zeugt der stetige Ausbau der Unterweser. Betrug der mittlere Tidenhub, also der durchschnittliche Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, in Ritterhude einst 0,45 Meter, ist er auf heute 2,90 Meter angestiegen. Die Belastungen für das Siel- und Schleusenbauwerk, das mehr als 40.000 Hektar Niederungsflächen vor den Tideeinflüssen der Nordsee schützen soll, seien dadurch erheblich gestiegen, berichtet der GLV-Geschäftsführer.

Wenn Peter Bald und Kollege Richard Walter an der Schleuse umschichtig Dienst haben, ist es ihre Aufgabe, einen bestimmten Zielwasserstand auf der Hamme in Richtung Worpswede zu halten. Auch jetzt rauscht durch eines der Sieltore stetig ein Schwall Wasser. Dem tosenden Geräusch nach müssen es Massen sein. Eine akustische Täuschung, korrigiert Andreas Burfeind den Eindruck. Viel Wasser ist es nicht, das durch den Spalt der beiden übereinander stehenden Sieltore schwappt. Von Hand müssen die Tore zwischen den wuchtigen Pfeilern nicht mehr rauf- und runtergekurbelt werden. Über der Schleuse sind längst Getriebekästen angebracht. Motoren setzen die Zahnräder mit den Zugketten für die Tore in Bewegung.

Landschaft von Sturmfluten geformt

Bevor es die Schleuse in Ritterhude gab, hatten Sturmfluten, die von der See über die Weser und die Lesum in die Hammeniederung drückten, die Landschaft geformt. Dann fasste die zum Zweck eines regulierenden Schleusenbaus gegründete Hammeschleusen-Acht, Vorläufer des jetzigen Gewässer- und Landschaftspflegeverbandes, Mitte des Jahres 1873 den Beschluss, das Bauwerk in Auftrag zu geben.

Nach erstaunlich kurzer Bauzeit ging die Ritterhuder Schleuse 1875 in Betrieb. In den Sommermonaten sollte die aus Weser, Lesum und Wümme eindringende Flut zurückgehalten werden. In den Wintermonaten sollte sich die Flut allerdings weiterhin in die Niederung ergießen können, „um mit dem mitgeführten Schlick die Flächen zu düngen“, berichtete der Festredner zum 125-jährigen Bestehen des Bauwerks. Mit Erfindung des Kunstdüngers war dies später nicht mehr erforderlich. Die Deiche an Hamme und Wümme wurden daher erhöht. „Mit verheerenden Folgen für die Ritterhuder Schleuse. Die fehlende Entlastung aus dem in 17 Kilometer Länge über die Deiche strömenden Wasser führte zwangsläufig zu höheren Wasserständen an der Schleuse und damit zu einer stärkeren Beanspruchung des Bauwerks.“

Die Planung sah außerdem vor, für die auf der Hamme verkehrenden Schiffe ein Durchschleusen möglich zu machen. Rund 1500 Kähne waren damals auf dem Fluss unterwegs, um Brenntorf nach Bremen zu transportieren. Die größten Kähne waren 47 Meter lang. Folglich setzten die Bauplaner für die Schleuse eine Länge von knapp 52 Metern fest. Bei einer der zahlreichen später erforderlichen Baumaßnahmen wurde die Länge der Schleuse verkürzt. Schwere Sturmfluten hatten ihr zeitweise arg zugesetzt. Ende Januar 1944 wurde dabei die wasserseitige Wand der Schleusenkammer von der Sohle gerissen und um einen halben Meter verschoben. Die Schleuse ließ sich daraufhin nicht mehr betreiben, und wegen der Kriegsnot auch nicht sofort reparieren. Erst 1948 hätten die Arbeiten zur Wiederherstellung begonnen. „Mitten in den Arbeiten lief eine erneute Sturmflut auf.“ Wieder waren erhebliche Schäden die Folge.

„Heute fasst die Schleuse sechs touristische Torfkähne“, berichtet Peter Bald. Zweimal drei nebeneinander liegende Schiffe. Viel Schleusenverkehr habe es wegen Corona ohnehin nicht gegeben. Gelegentlich mal Paddler, die das „Schleusen-Erlebnis“ erfahren wollten.

Seit vielen Jahren macht Peter Bald Dienst an der Ritterhuder Schleuse. Er kann sich noch an internetlose Zeiten erinnern, in denen er die Windverhältnisse über die Tagesschau abrufen musste und ziemlich nervös war, wenn eine Sturmflut anrollte. Respekt einflößende Hochwasser gehörten zu seinen Job. Peter Bald deutet auf einen benachbarten Bootsschuppen. Darin habe das Wasser gestanden und gedroht, die dort gelagerten Boote unter die Gebäudedecke zu drücken. Erst mit dem Bau des Sperrwerks an der Lesum Ende der 1970er-Jahre endete die Furcht, die Ritterhuder Schleuse könne den Fluten nicht standhalten. „Damit war die Gefahr für die Ritterhuder Schleuse gebannt, durch überströmendes oder durchströmendes Wasser zerstört zu werden“, sagt Andreas Burfeind. Trotzdem kommt die Schleuse ohne kontinuierliche Sanierungsarbeiten nicht aus. Die „alte Dame“ soll schließlich fit bleiben.

Info

Zur Sache

Besuch der „alten Dame“

Die Ritterhuder Schleuse befindet sich unweit der Hammebrücke an der Dammstraße in Ritterhude. Man erreicht sie über die A 27, wenn man an der Ausfahrt Bremen-Industriehäfen in Richtung Ritterhude/Worpswede fährt und der Ausschilderung Ritterhude folgt. Die Anreise über die Zugverbindung Bremen-Bremerhaven mit Halt in Ritterhude ist ebenso möglich. Wer die Schleuse mit einer Gruppe besichtigen möchte, kann mit der Geschäftsstelle des Gewässer- und Landschaftspflegeverbandes Teufelsmoor unter der Telefonnummer 0 47 92 / 9 31 20 einen Termin vereinbaren. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite www.glv-teufelsmoor.de.

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