Interview mit Torben Lemke

Die Flucht nach vorne

Torben Lemke (29) spielt seit Anfang dieser Saison beim Handball-Oberligisten HSG Schwanewede/Neuenkirchen. Der Rückraumspieler ist 2,04 Meter groß und warf 27 Tore in elf Spielen.
10.01.2020, 14:33
Lesedauer: 4 Min
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Von Olaf Kowalzik

Herr Lemke, wie schwer ist es Ihnen gefallen, sich nach der Weihnachtspause wieder aus dem Sessel zurück zum Training in die Halle zu begeben?

Torben Lemke: Das wird für mich von Jahr zu Jahr schwerer. Da wir aber dieses Mal für die Pause ein paar individuelle Vorgaben bekommen hatten, war es für mich leichter, wieder anzufangen.

Sind Sie im Training eher der ruhende Pol oder der Antreiber?

Der ruhende Pol bin ich auf keinen Fall, aber auch nicht der Antreiber. Ich habe nicht immer die größte Lust, zum Training zu fahren. Aber wenn ich angekommen bin, ziehe ich voll durch. Mir gefällt es lediglich nicht, wenn es dort zu ruhig ist, da lockere ich die Stimmung schon mal mit dem ein oder anderen Späßchen auf.

Müssen Sie sich beim Blick auf die aktuelle Oberliga-Tabelle zwicken, um sich zu vergewissern, dass Sie nicht träumen?

Wenn man sich unser Torverhältnis anguckt, dann gehören wir ja eher auf den neunten Platz. Das spiegelt ein wenig die Naivität eines Aufsteigers wider. Mit den 16:8 Punkten und dem vierten Platz bin ich mehr als zufrieden, das ist richtig gut.

Bei der HSG Schwanewede/Neuenkirchen läuft es zurzeit sehr rund, woran liegt das?

Unser Erfolgsrezept ist es, dass wir relativ schnell sind und über viele Gegenstöße zum Erfolg kommen. Das ist quasi die Flucht nach vorne, denn im gebundenen Spiel sind wir aktuell nicht ganz so stark.

Der Aufwind ist zweifelsohne auch deutlich auf Ihre ansteigende Formkurve zurückzuführen.

Mein gesteigertes Selbstbewusstsein lässt sich natürlich leicht an den eigenen Toren aus den jüngsten Spielen ablesen. Ich fühle mich mittlerweile im HSG-Spielsystem immer wohler. Außerdem weiß bei uns bei den personellen Ausfällen jeder, dass er noch eine Schippe drauflegen und konzentrierter sein muss.

Wären Sie als Rechtshänder lieber im linken, anstelle wie jetzt im rechten Rückraum unterwegs?

Der rechte Rückraum ist für mich völlig in Ordnung. Da befinde ich mich nicht in solch einer großen Drucksituation, viel werfen zu müssen. Dadurch kann ich wesentlich mehr für das Team arbeiten. Außerdem kann ich von dort aus besser die zweite und dritte Welle laufen und damit das schnelle Spiel ankurbeln.

Im ersten Heimspiel des neuen Jahres ist der Drittletzte SG Achim/Baden der Gegner. Was dürfen die Zuschauer erwarten?

Die Achimer stecken mitten im Überlebenskampf und werden alles geben, um die Punkte mit nach Hause zu nehmen. Wir dürfen sie auf keinen Fall unterschätzen. Allerdings kann ich auch nicht einschätzen, wie gut wir nach nur einer Woche Training aus der Winterpause herauskommen.

Sie haben Ihre fünf Heimsiege mit nie mehr als zwei Toren Differenz eingefahren, die letzten beiden sogar nur mit einem Tor Unterschied. Müssen Sie es vor dem eigenen Publikum immer so spannend machen?

Nein, ganz bestimmt nicht. Aber das zeigt eben auch die Naivität eines Aufsteigers: Wir schaffen es momentan noch nicht, den Sack frühzeitig zuzumachen. Vielleicht klappt das ja besser, wenn unsere Verletzten wieder mit ins Spiel einsteigen und wir dadurch wieder breiter aufgestellt sind.

Die Handball-Europameisterschaft hat begonnen, sind Sie vor der Flimmerkiste mit dabei?

Es ist schon einmal gut, dass die EM frei empfangbar ist und nicht auf Sky gesendet wird. Ich werde sie mir aufgrund meiner privaten Beanspruchung relativ dosiert ansehen, das wird bei mir eher nebenher laufen.

Die Europameisterschaft findet ohne Ihren Bruder Finn statt, was sagen Sie zu seiner Nicht-Nominierung?

Für mich ist das aus der Entfernung natürlich nur schwer zu beurteilen. Offenbar setzt der Bundestrainer diesmal mehr auf vielseitigere Spieler. Da er mit Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler schon über zwei starke Abwehrspieler verfügt, die im Angriff auch am Kreis eine gute Rolle spielen, war für Finn wohl als Deckungsspezialist kein Platz mehr übrig. Das ist für Finn natürlich schade, aber den Stempel des Spezialisten wird er wohl in absehbarer Zeit auch nicht wieder los.

Finn spielt in der Bundesliga in Melsungen, ihr jüngster Bruder Jari in Lemgo. Damit sind Sie praktisch das schwarze Handball-Schaf Ihrer Familie?

Das liegt natürlich im Auge des Betrachters, aber ab und zu muss ich mir so etwas von denen auch im Spaß anhören.

Würden Sie denn gerne ebenfalls in der stärksten Liga der Welt spielen?

Vielleicht, wenn sich die Chance geboten hätte. Aber das ist reine Theorie. Ich bin mit dem Weg, für den ich mich entschieden habe, absolut im Reinen und vollkommen zufrieden.

Wie kommt es, dass Ihre Familie insgesamt handballerisch so erfolgreich ist?

(schmunzelt) Das hat ganz viel mit unserer Mutter Kirsten zu tun. Denn egal, welche Aufgabe, wie zum Beispiel eine Fahrrad-Reparatur, auch anstand, hat sie gesagt, dass das der Papa machen soll. Wir sollten uns neben der Schule einzig und alleine um den Handball kümmern. Aber Spaß beiseite: Viel hat das natürlich auch mit unseren körperlichen Voraussetzungen zu tun, bei einer Körperlänge von zwei Meter aufwärts.

Holen Sie sich als Geschwister auch untereinander sportliche Ratschläge ein?

Wir gehen insgesamt pfleglich miteinander um, aber mit Kritik wird bei uns trotzdem nicht hinter dem Berg gehalten. Was ich mir allein schon von Jari anhören musste, als er mich und die Mannschaft in der Saisonvorbereitung beim GVO-Cup gesehen hatte. Da wird auch schon mal ausgeteilt.

Wie groß ist der Wunsch unter den Geschwistern, irgendwann einmal gemeinsam aufzulaufen?

(lacht) Erst einmal fällt es mir als Ältesten schwer, das jetzige Alter meiner jüngeren Brüder zu akzeptieren. Jari ist für mich immer noch gefühlte 16, dabei ist er schon 22. Das kann ich irgendwie nicht akzeptieren. Ich hatte schon einmal über einen gemeinsamen Auftritt nachgedacht, aber dann fiel mir ein Spiel in der A-Jugend-Regionalliga mit der HSG Schwanewede/Neuenkirchen gegen Bissendorf-Holte ein, bei dem ich mit Finn einmal zusammen auf dem Feld im Abwehr-Innenblock stand. Als ein Bissendorfer Wurf zurück an den Kreis abprallte, stand Finn dort mit dem Kreisläufer alleine da, während ich längst zum Tempogegenstoß nach vorne unterwegs war. Finn hatte mir damals gesagt, dass er das mit mir nicht noch einmal erleben wolle. Aber auch hier Spaß beiseite: Wir sind zu sehr Vollblut-Handballer, als dass wir irgendwo einmal gemeinsam auf einem Feldturnier spielen würden – und in der Halle ist es sowieso illusorisch.

Die Fragen stellte Olaf Kowalzik.

Info

Zur Person

Torben Lemke (29)

spielt seit Anfang dieser Saison beim Handball-Oberligisten HSG Schwanewede/Neuenkirchen. Der Rückraumspieler ist 2,04 Meter groß und warf 27 Tore in elf Spielen. Lemke ist Geschichts- und Politiklehrer ab der fünften Klasse aufwärts an der kooperativen Gesamtschule in Rastede. An diesem Sonnabend um 18 Uhr trifft der Bruder der Bundesliga-Spieler Finn und Jari mit den „Schwänen“ auf die SG Achim/Baden.

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