Storchennachwuchs im Garten

Die Störche sind zurück in Meyenburg

In Meyenburg hat sich nach 60 Jahren wieder ein Storchenpaar niedergelassen. Im Garten von Wilhelm Asmus ziehen sie drei Junge groß.
19.07.2019, 18:19
Lesedauer: 3 Min
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Von Albrecht-Joachim Bahr

Es klappert wieder im Schwaneweder Ortsteil Meyenburg. Gut sechzig Jahre ist es her, dass Storchenpaare hier ihre Jungen ausgebrütet und großgezogen haben. Seither: Fehlanzeige. Auch wenn zum Beispiel Wilhelm Asmus seit dreißig Jahren versucht, die Langbeiner und -schnäbler hier wieder heimisch werden zu lassen, indem er schon vor dreißig Jahren in seinem Garten ein Nest angelegt hat. Auf einem ausgemusterten Strommasten hat er in gut 10 Metern Höhe ein Rad aus nicht rostendem Stahl gesetzt, „mit freiem Flugfeld in die Wiesen“. Ein verlockendes Angebot für Störche. Müsste man meinen. Aber erst vor drei Jahren hat sich hier – „mitten in der Meyenburger City“ – einer niedergelassen und eingerichtet. „Ein Männchen“, erzählt der siebzigjährige Rentner, setzt allerdings hinzu: „Ohne Partnerin.“

Jetzt aber hat ein Pärchen Einzug gehalten. Und inzwischen hat sich sogar Nachwuchs eingestellt: Drei Jungstörche gilt es für die Alten durchzufüttern. Ob das gelingt, ob die drei überleben werden – da kann Asmus nur zuschauen. Aktive Unterstützung bekommen die Vögel von ihm nicht. „Wie auch? Etwa mit der Leiter die zehn Meter hoch? Nein, danke.“ Die alten Störche seien aber auch sehr aktiv unterwegs in Sachen Futter für die Brut. Und zeigen dabei auch keine Scheu vor Menschen. „Beim Schneiden von Brennesseln ist ein Storch herangekommen und hat das Schnittgut durchpflügt, um nach Futter zu suchen. Da war der gerade einmal drei oder vier Meter von mir weg.“ Wie die beiden auch hin und wieder in die Scheune des Nachbarn reinschauen, ob es da etwas zu holen gibt. „Überhaupt laufen die eigentlich völlig entspannt durchs Dorf.“

In den 1950er-Jahren habe es entlang des Meyenburger Damms etliche Storchennester gegeben, erinnert sich Dorfchronist Asmus. Aber im Zuge von Renovierung und Restaurierung der in der Regel denkmalgeschützten Häuser dort seien die Nester verschwunden. Seither sei Meyenburg nahezu storchenfrei. Dass die Störche jetzt doch Einzug gehalten haben, könnte daran liegen,„dass die Umwelt hier sauberer geworden ist, auch in Bezug auf zum Beispiel den Einsatz von Glyphosat“, vermutet Asmus.

Das mag Ortwin Vogel vom Vorstand des Naturschutzbundes (Nabu) in Ritterhude so nicht bestätigen. Dass dieses Jahr ein „grundsätzlich gutes Storchenjahr“ ist, liegt seiner Meinung nach vielmehr daran, „dass 2019 ein ausgesprochen sensationelles Mäusejahr ist“. Alle vier Jahre, rechnet der Storchenbeauftragte für den Landkreis Osterholz vor, erreiche die Mäusepopulation einen Höhepunkt. Und das heißt: Es gibt viel Nahrung für viele Störche.

Gut also für die Landwirte, denn „die Vögel picken denen die Mäuse weg“. Allein im Landkreis Osterholz sei die Zahl der Storchenpaare von 28 im vergangenen Jahr auf 33 gestiegen. Und auf diese 33 Paare kämen 83 Jungtiere – bis jetzt. Damit sei man auf gutem Wege, demnächst die 1934 gezählten 37 Paare mit ihren insgesamt 91 Jungen zu erreichen, wenn nicht gar zu übertreffen. „Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es 1995 im gesamten Landkreis lediglich drei Paare gegeben hat – und die ohne Nachwuchs.“

Sechs Storchennester gebe es allein in der Gemeinde Schwanewede, zählt der Nabu-Mann auf: in Rade am Siel (mit zwei Jungstörchen), in Löhnhorst (mit dreien), Aschwarden (zwei), Harriersand (drei) und Meyenburg mit ebenfalls drei Jungtieren. Zudem gibt es noch ein Nest im Hammelwarder Sand, das zurzeit aber nur von einem Einzelstorch belegt ist.

Zurück zu den möglichen Ursachen für die Zunahme der Storchenpopulation – vor allem in den westlichen Bundesländern. „Das liegt daran“, sagt Vogel, „dass man vor dreißig Jahren in Spanien und Marokko einer Heuschreckenplage mit Gift zu Leibe gerückt ist“. Mit verheerenden Folgen dann auch für die Störche, die sich mit dem Verzehr dieser Heuschrecken ihrerseits vergiftet hätten. Seither habe man mit den Pestiziden aber aufgehört, sodass die Störche wieder unvermindert über die Westroute nach Europa kämen.

Anders dagegen im Osten, wo nach Nabu-Zahlen vor zwei Jahren 4584 Jungstörche flügge wurden (gegenüber 6549 in den alten Bundesländern). Auf der Ostroute über Syrien verenden nach wie vor eine Unzahl von Störchen beim Kontakt mit den in der Türkei und Afrika üblichen Mittelspannungsstromleitungen. Auch würden hier weiter Pestizide eingesetzt. Und schließlich würden im Libanon trotz offiziellen Jagdverbots jedes Jahr unzählige europäische Zugvögel von einheimischen Jägern abgeschossen. Kommt hinzu, dass sich das Zugverhalten der Weststörche geändert hat. Die ziehen heute kaum mehr nach Afrika, sondern verbringen den Winter auf der Iberischen Halbinsel. Für die kürzere Zugstrecke müssen sie weniger Kraft aufwenden, die Gefahren und Verluste sind deutlich geringer als auf der Langstrecke der Oststörche, die teils bis nach Südafrika führt.

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