Insel in Niedersachsen

Ein Sommertag am Strand von Harriersand

Seit zehn Jahren zelten befreundete Familien auf der Weserinsel Harriersand.
05.08.2019, 15:26
Lesedauer: 3 Min
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Von Torsten Spinti (Fotos) Eva Przybyla (Text)

Zisch- und Stampfgeräusche dringen aus dem Fabrikgebäude der Braker J. Müller AG über die Weser an einen hellen und breiten Sandstrand: Harriersand. Hinter den Dünen der elf Kilometer langen Flussinsel, auf dem Zeltplatz Harriersand, stören die ständigen Industriegeräusche niemanden mehr. Es herrscht eine wohlige, träge Morgenstimmung. Drei Familien sitzen auf Campingstühlen um einen alten Couchtisch. Die Kinder essen still Wassermelone, die Erwachsenen trinken Kaffee aus einer French Press. Unter ihnen ist Stephan Deberding, der immer leicht zu lächeln scheint. Sein T-Shirt spannt über dem Bauch. Fragt man ihn nach dem ständigen Lärm der Fabrik, sagt der 45-Jährige: „Wir nennen das Industrieromantik.“

Eine Woche zeltet Deberding bereits mit seiner Frau, seinen Kindern und befreundeten Familien auf Deutschlands zweitgrößter Flussinsel. Das zehnte Jahr in Folge ist die Gruppe dort. Immer machen sie auf derselben Wiese mit Bäumen am Rand Urlaub. Es sei unkompliziert hier, meinen einige Erwachsene in der Frühstücksrunde. Außerdem würden die Kinder Harriersand lieben. Während die Erwachsenen den Frühstückstisch decken, sitzt Deberdings Sohn Hauke an einem kleinen Stand hinter ihnen. Still glättet der Elfjährige Teig mit einem hölzernen Schieber auf der schwarzen Kochfläche eines Crêpegeräts. Ein neuer Urlaubsgegenstand, erläutert Deberding, und ein weiterer Luxus in der Zeltgruppe. Vor zehn Jahren hätten die Familien noch in kleinen Zelten geschlafen und auf Picknickdecken gesessen, sagt der Vater. Heute hat jede Familie einen eigenen Tisch aufgestellt. Die Zelte haben Stehhöhe.

Als Deberding sich nach dem Frühstück in die Hängematte legt und seinen Strohhut sorgfältig auf einem kleinen Beistelltisch platziert, rennen die Kinder plötzlich los, Hauke an der Spitze. Sie laufen über einen schmalen Weg zwischen den Ferienhäusern, immer schneller, und stoppen vor dem Eisautomaten. Hauke wirft sich mit voller Wucht gegen ihn, um ein Eis aus dem gewundenen Greifarm zu lösen. Doch nichts tut sich. Er steckt doch Münzen in den Schlitz, aber das Kaktuseis bleibt hängen. „Scheiße“, sagt ein Kind hinter ihm. Wieder rennen die Kids, diesmal in die Strandhalle nebenan. Drinnen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: 80er-Jahre-Hits, weiße Tischdecken, Plastikblumengedecke und Bungalow-Geruch.

Eine riesige Sandburg bauen lautet nun die Tagesaufgabe. Ihr Wall soll so hoch werden, dass er der Flut widersteht. Hauke und vier andere Kinder graben schweigend eine tiefe Rinne und schütten Sand für die Mauer auf. Hinter ihnen liegen zwei große Tanker auf der Braker Uferseite. Im Vergleich zu ihnen sehen die Sandburgbauer winzig aus.

Obwohl die Sonne auf der Haut brennt, geht keines der Kinder baden. „Zu gefährlich“, erläutert Deberding, der den Kleinen beim Buddeln zuschaut. Wegen der starken Strömung der Weser dürfen die Kinder nur bei Stauwasser baden, heute etwas mehr als eine Stunde lang.

Wenige Kilometer flussaufwärts liegt Stephans und Haukes Zuhause Nordenham. Kurz dahinter fließt die Weser bereits an Bremerhaven vorbei und ins offene Meer. Deberding kann sich auch andere Urlaubsorte vorstellen, viel weiter weg, Thailand etwa. Doch die Kinder seien auf Harriersand zufrieden, sagt er.

Während die Wasserkante der Weser an die buddelnden Kinder herankriecht, radelt der Platzwart zu Deberdings Camp. Das angekündigte starke Gewitter ziehe doch auch über Harriersand, warnt er. Schnell räumen die Erwachsenen den Platz zwischen ihren Zelten. Nur der Couchtisch bleibt stehen.

Dunkelblaue Wolken regnen bereits über Brake ab. Dorthin soll Hauke nun mit seiner Mutter fahren. „Du kommst doch Montag wieder?“, fragt ein Mädchen. Hauke verspricht es. Seinem Vater kneift er zum Abschied in den Bauch. Lächelnd umarmen sie sich. Dann geht Hauke über den Steg zu der kleinen weißen Fähre. Am Ufer von Harriersand winken Kinder und Erwachsene.

Wenig kommt erst der Regen, dann der Sturm. An den Bäumen kehrt der Wind die hellen Blattseiten nach oben. In der Ferne ertönen Warnsirenen aus dem Industriehafen. Die Familien drängen sich im Eingang eines Zelts und unter den Bäumen. Deberding sitzt lächelnd auf seinem Campingstuhl.

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