HSG Schwanewede/Neuenkirchen

Alles perfekt mit dem Fahrrad erreichbar

Dustin Pelzl könnte seinen Einsatz bei den „Schwänen“ eigentlich forcieren. Doch selbst da schob ihm Corona einen Riegel vor, da die Punktspiele im Handball vorerst bis Ende dieses Jahres abgesagt sind.
19.11.2020, 12:22
Lesedauer: 5 Min
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Von Olaf Kowalzik
Alles perfekt mit dem Fahrrad erreichbar

Der Rechtshänder Dustin Pelzl (HSG Schwanewede/Neuenkirchen, mit Ball) ist gegen die HSG Hunte-Aue Löwen vom Kreis erfolgreich.

OLAF KOWALZIK

Seine Mietwohnung in Groningen hat schon was. Von dort aus gelangt Dustin Pelzl in nur fünf Minuten in die Innenstadt, zehn Minuten braucht er bis zur Universität. Alles stilecht und bequem per Fahrrad, schließlich befindet sich ja alles in den Niederlanden, der Radfahrer-Nation.

Die Sache hat für den Oberliga-Handballer der HSG Schwanewede/Neuenkirchen nur einen Haken: „Ich habe in der Wohnung bislang gerade Mal eine halbe Nacht geschlafen“, verrät der Psychologie-Student. Und das, obwohl sein Mietvertrag seit dem 1. Juni dieses Jahres läuft. Wie in vielen anderen Fällen hat der Coronavirus auch bei ihm so manche Planung über den Haufen geworfen – zumindest teilweise. „Ich konnte die Wohnung, mittlerweile bis Januar 2021 untervermieten, wodurch ich wenigstens bis dahin keine unnötige Geldausgabe mehr habe“, erzählt er. Das Studium führt er in diesem Semester online, also per Internet, fort. Das bietet die Uni Groningen aufgrund der Corona-Krise und ihren vielen internationalen Studenten an.

Für Dustin Pelzl hat das den Charme, dass er seinen Einsatz bei den „Schwänen“ forcieren kann und will. Doch selbst da schob ihm Corona einen Riegel vor, da die Punktspiele im Handball vorerst bis Ende dieses Jahres abgesagt sind. „Sogar beim Handball läuft bei mir alles anders als gedacht.“ Aber eins nach dem anderen erzählt...

19 Jahre war Dustin Pelzl, als er 2017 sein Abitur-Zeugnis in den Händen hielt. Da er schon seit längerem damit liebäugelte, mal einen anderen Lebensstil als den deutschen zu führen, flog er im Januar 2018 für elf Monate nach Afrika. Accra, die über 2,3 Millionen Einwohnern große Hauptstadt von Ghana sollte es sein, in der er sich an einem sozialen Projekt beteiligte. Er lebte dort in einer Gastfamilie in einfachen Verhältnissen, unter anderem ohne fließendes Wasser.

„Das musste man sich von der gegenüberliegenden Straße holen“, schildert Dustin Pelzl die örtlichen Begebenheiten. Die zu Hause bekannten technischen Hilfsmittel wie Wasch- und Spülmaschine? Fehlanzeige, die gab’s in seinem Haushalt nicht. Alles wurde zeitaufwendig per Hand erledigt. Außerdem kochte die Gastmutter mit ihrem 23-jährigen Sohn zwei bis drei Stunden am Tag für die Familie, alles frisch. An das Essen mit den Händen gewöhnte sich Dustin Pelzl ebenso wie an die afrikanische Küche.

„Die ersten drei Monate war ich von der Kultur und den Eindrücken völlig überwältigt, erst danach lernt man die Menschen wirklich kennen.“ Dann erlebe man, dass das Leben für die Menschen dort einen anderen Sinn und eine andere Bedeutung habe als in Deutschland. „Dort geht es viel kollektiver zu. Man macht selbst dann viel zusammen, wenn man sich nicht kennt“, so Dustin Pelzl.

Seine soziale Aufgabe war es, in einer Schule im Armenviertel den Sport- und Computer-Unterricht zu halten. Aber wie sollte das vonstatten gehen, mit nur einem kaputten Basketball und lediglich vier Computern für 25 Kinder? „Jedem Kind blieben rein rechnerisch nur sieben Minuten Unterrichtszeit am PC. Da musste eine andere Lösung her“, fand Dustin Pelzl. Deshalb warb er in Bremen um Spenden, die unter anderem aus dem Erlös von einer Theater-Aufführung seiner früheren Schule, dem Nebelthau Gymnasium aus Lesum kamen. Die Burgdammer Firma Dietz Kältetechnik unterstützte mit Sportgeräten und finanziellen Mitteln, die Hochschule 21 spendete einen Teil der PCs. Zu guter Letzt sorgten die Hafen Agentur, sowie die Reederei BOCS Bremen für die Logistik und übernahmen die Kosten.

Parallel dazu riss Dustin Pelzl unter Mithilfe anderer freiwilliger Helfer eine marode Wand des Klassenraums ab und ließ eine neue mauern. Der Fußboden wurde gleich mitsaniert, während Bänke, Stühle und Tische von einem Schreiner hergestellt wurden. Außerdem setzte sich Dustin Pelzl für eine gewaltfreie Schule ein und trug vieles dazu bei, solche Handlungen zu unterbinden. „Die Arbeit in Ghana war für mich sehr erfüllend. Es war eine Erfahrung auf allen Ebenen, bei der auch ich mich deutlich besser kennengelernt habe“, blickt Dustin Pelzl zurück. Für ihn war nach diesem Erlebnis klar, dass er Psychologie studieren will. „Ich habe festgestellt, dass ich mit Menschen arbeiten muss“, präzisiert er. Sein Traum: „Meinen Master an der Sporthochschule Köln im Studiengang Leistung, Training und Coaching im Spitzensport zu machen.“

Mögliche Berufsfelder wären nach dem erfolgreichen Bestehen, verantwortungsvolle Positionen in Vereinen und Verbänden im nationalen und internationalen Vereins- und Spitzensport zu übernehmen. Berufsmöglichkeiten eröffnen sich außerdem in der Forschung und Entwicklung bei Sportartikel- und Sportgeräteherstellern, bei kommerziellen Sportanbietern, oder auch in der öffentlichen Verwaltung, sowie in der Forschung und Lehre an Hochschulen.

Die deutschen Studienplatzbeschränkungen im Fach Psychologie verschlugen ihn nach Groningen, ohnehin reizte ihn ein internationales Studium in englischer Sprache. Bis zum Start im Herbst 2019 blieb aber noch genügend Zeit, um eine Saison American Football bei den Ritterhuder Badgers in der Regionalliga einzulegen. „Diese Sportart hatte mich schon immer interessiert und gereizt“, begründet der eigentlich Handball-affine („Ich spiele seit den Minis Handball“) seinen Ausflug ins sportlich Unbekannte.

Er spielte sich als Cornerback ins Badgers-Team und wurde am Ende der Saison intern zum „Rookie of the year“, zum besten Anfänger des Jahres, gekürt. Es brauchte allerdings seine Zeit, bis sich der 1,91 Meter große Außenverteidiger auch wirklich traute, die schnellen Angreifer des Gegners von 100 auf null zu bremsen.

„Schmerzen waren bei mir im Handball immer Teil meines Jobs als Kreisläufer. Aber jemanden im vollen Lauf zu tacklen, davor hatte ich einen Riesenrespekt. Und es tut voll weh, wenn dir das Metallgitter vom Helm deines Gegners an den Oberarm knallt“, plaudert der Blondschopf aus dem Nähkästchen. Das will schon etwas heißen, wo er doch unter anderem für den HC Bremen in der Jugend-Bundesliga gespielt hat. Sein erstes Studienjahr in Groningen wurde durch die Corona-Krise vom Präsenz- auf den Online-Unterricht umgestellt. Deshalb ging es für ihn mit dem Beginn der Krise zurück ins heimische Bremen. Als Pelzl nach dem Ende des bundesweiten Lockdowns vom Schwaneweder Oberliga-Handballer Tim Paltinat gefragt wurde, ob er nicht Lust hätte, einmal zum Training zu komme, sagte er zu.

„Ich wollte mich zu dem Zeitpunkt nur bis zum Beginn des nächsten Semesters fithalten.“ Den Mietvertrag für seine Unterkunft in Groningen unterschrieb er im Sommer, die Corona-Fallzahlen waren ja auch allerorts wieder deutlich heruntergegangen.

Sein Comeback im Handball hatte allerdings nach einer knapp dreijährigen Auszeit einige Tücken. Angefangen bei einer Fußverletzung, als es nach dem intensiven Kraft- und Ausdauertraining an den Ball ging. Apropos Ball: „Mein erster Wurf flog gleich auf den Boden, da ich keine „Backe“ mehr gewohnt war“, verrät der Rechtshänder. Das ist nun anders: Der Mann mit der Nummer 93 beteiligte sich gleich im ersten Spiel am 40:28-Sieg gegen die HSG Hunte-Aue Löwen. Er beförderte die kleine Lederkugel zum 34:21-Zwischenstand in die gegnerischen Maschen. „Die Routinen sind da, nur an der Umsetzung hapert‘s noch ein wenig.“ Umso schneller war für ihn klar, dass er bei seinem Studium, bis zum August 2021 die Online-Variante vorzieht. Mit Besuchen in Groningen, wenn sie erforderlich sein sollten.

„Ich habe mich entschieden, hier weiter Handball zu spielen. Trotzdem steht mein Studium an erster Stelle.“ Die „Schwäne“ freut’s, seine in Kirchlinteln wohnende Freundin sowieso. Und dann kam im Handball die nächste Corona-Pause. „Das Virus hat bei meinen Plänen einigen Stress verursacht“, so Pelzl. „Aber wenn es geht, möchte ich die Saison hier zu Ende spielen.“ Einfach aufzuhören war für ihn noch nie eine Option.

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