Reitsport in der früheren DDR

In den „Knobelbechern“ des Großvaters

Kirsten Stier von der Reitsportakademie Centaura fand in der DDR trotz aller Widrigkeiten zum Pferdesport
26.04.2021, 15:42
Lesedauer: 5 Min
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Von Karsten Hollmann
In den „Knobelbechern“ des Großvaters

Machten vor dem Foto in der Box einen ausgedehnten Spaziergang: Kirsten Stier und Malou.

Jens Pillnick

Schwanewede. Reitsport in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war ein schwieriges Thema. Davon kann Kirsten Stier, die Leiterin der Reitsportakademie Centaura auf der Anlage des RC General Rosenberg, ein Lied singen. „Es gab zwar Spartakiaden auch fürs Reiten. Das war aber der absoluten Elite vorbehalten“, sagt die vor allem in den 1980er-Jahren mitten in Schwerin groß gewordene Pferdewirtschaftsmeisterin.

Als Kirsten Stier elf Jahre alt war, schloss sie sich einem Reitverein in der Nähe von Schwerin an, dem einzigen Klub weit und breit. Dort teilten sich 20 Kinder für eine Stunde in der Woche ein Pony. „Also bin ich in jeder Woche nur ein paar Minuten geritten und habe es nicht wirklich gelernt“, teilt die 47-Jährige mit. Sie sei deshalb schon glücklich gewesen, wenn sie das Pony putzen und so wenigstens ein bisschen mehr Zeit mit dem Vierbeiner verbringen durfte. „Ich war auch stolz, wenn ich den Stall säubern durfte. Um solche Aufgaben haben wir uns fast geprügelt. So etwas wäre heute natürlich undenkbar“, erklärt Kirsten Stier.

Da ihre Eltern einen Kleingarten eine Autostunde von Schwerin entfernt besaßen, verbrachte Kirsten Stier dort ihre Ferien und die Wochenenden. Bei einer Fahrradtour entdeckte sie dann durch Zufall zwei Ponys einer Privatperson, die zum Kutschenfahren eingesetzt wurden. Der Mann durfte als eine der ganz wenigen Privatpersonen Pferde züchten. „Der betreffende Mann hatte auch noch einen Vollblüter für die Jagd. Da durfte ich dann auch mal mit einer Freundin für eine Stunde draufsitzen“, erzählt Stier. Dabei hätten sie aber mehr auf dem Boden gelegen als geritten. „Der Mann hat mir auch erlaubt, seine Ponys zu reiten.“ Er habe ihr zudem einige Jahre später das Gespannfahren beigebracht, sodass sie kurz nach der Wende als eine der ganz wenigen Frauen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR diese Kunst beherrschte. Später wurde dieser Hof sogar die neue Heimat eines ganzen Reitvereins, der umziehen musste.

Im Alter von zwölf Jahren wurde Kirsten Stier auf eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) in Pampow aufmerksam, die über etwa 20 Pferde zur Arbeit verfügte. „Die dortigen Pferde durften aber nur von LPG-Mitgliedern und erst recht nicht von Großstädtern geritten werden“, erinnert sich Stier. Mit einer schriftlichen Bitte rang sie um eine Ausnahmegenehmigung für sich und ihre Freundin. „Dafür wurde extra eine Sondersitzung in der LPG einberufen“, sagt die Pferde-Liebhaberin.

Kirsten Stier und ihre Freundin erhielten die gewünschte Ausnahmeregelung. „Die beiden Schwarzwälder, die wir zu Anfang geritten sind, hatten aber zuvor noch nie Menschen auf dem Rücken. Dennoch haben wir es trotz vieler Stürze immerhin geschafft, mal länger als zwei Minuten im Sattel zu bleiben“, lässt die Mutter eines Sohnes wissen. Die Pferde zogen vormittags Holz und wurden dann nachmittags von den beiden geritten. Irgendwann durften sie dann auch die Trakehner reiten. „Die hatten aber nichts mit der westlichen Zucht zu tun, sondern waren eher sowjetischer Prägung. Dafür waren sie aber auch längst nicht so schwierig, wie Trakehner ansonsten gerne mal sein können. Ich mag deshalb aber auch noch heute sehr gerne Trakehner“, sagt Kirsten Stier, die von der LPG die Aufgabe erhielt, im Schritt einen Misthaufen platt zu reiten. „Erst danach durften wir dann auch mal traben oder galoppieren“, so Stier. Später leitete sie trotz fehlender Ausbildung auch eine Voltigiergruppe in der LPG.

Die Möglichkeit, sich auf Turnieren im Reitsport mit anderen zu messen, gab es für Kirsten Stier allerdings nicht: „So weit wie bis zu einer Spartakiade bin ich gar nicht erst gekommen. Ansonsten wurde der Reitsport in der DDR auch nicht wirklich gefördert.“ Sie vermutet, dass das Reiten als dekadenter Sport des Westens nicht wirklich im Interesse der Staaten des Warschauer Pakts lag. Andere frühere DDR-Bewohner berichten davon, dass die Sportführung des Landes den Pferdesport im Jahre 1973 aus der Förderungsliste strich, weil reitsportliche Erfolge nicht „programmiert“ werden konnten. Bis 1972 gewann aber zumindest die Dressur-Equipe der DDR ein paar Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften. Die Springreiter galten hingegen als zu schwach und wurden deshalb zum Beispiel auch nicht zu den Olympischen Spielen nach München im Jahre 1972 entsendet. „An so etwas habe ich aber früher nicht gedacht. Da fehlte mir einfach der Überblick. Ich hatte aber eine tolle Kindheit und bin wohlbehütet in einem sozialistischen System aufgewachsen“, versichert Stier.

Als Stier kurz nach der Wende mit ihren Eltern einen Ausflug nach Schleswig-Holstein unternahm, seien ihr fast die Augen übergegangen. „Ich hatte gar nicht gewusst, dass es im Westen Ponyhöfe gibt, auf denen Kinder ihre Ferien verbringen können, und war ganz schön erstaunt“, erklärt Kirsten Stier. Sie habe auch erstmals eine farbige Schabracke unter einem Sattel gesehen. Auch Reithosen und Reitstiefel seien in der DDR nicht bekannt gewesen. „Ich habe stolz die Soldatenstiefel meines Opas getragen, die wir nur Knobelbecher genannt haben“, verrät Stier. Auch die verschiedenen Modelle an Sätteln und Trensen habe sie überrascht. „Bei uns hatte es da immer nur jeweils ein Einheitsmodell gegeben“, berichtet die Akademie-Leiterin. Insgesamt sei sie von den Farben im Westen beeindruckt gewesen. „Bei uns war gefühlt wie am Anfang des Hollywood-Filmes Pleasantville alles nur schwarz-weiß“, urteilt sie. Auch die Blumen und Sträucher im Westen hätten es ihr auf Anhieb angetan. „Ich hatte ja keine Ahnung, was es für Pflanzen gibt und wie bunt alles sein kann“, so Stier.

„In der LPG war ich erstmals darauf aufmerksam geworden, dass es als Beruf den Facharbeiter für Pferdewirtschaft gibt“, blickt Kirsten Stier zurück. Diesen Beruf wollte sie dann auch Ende der 1980er-Jahre erlernen. Ein Problem war jedoch, dass die Zuchtstation in Redefin, die noch heute als Vorzeige-Hengststation in Mecklenburg-Vorpommern gilt, zum Beispiel keine Frauen ausbildete. Also schaute sie sich in einem Betrieb in Gamschow um. „Dafür brauchte ich aber auch schon wieder eine Ausnahmegenehmigung“, sagt Kirsten Stier. Dort habe sie jedoch festgestellt, dass sie der körperlich anspruchsvollen Arbeit nicht gewachsen sein würde. „Also habe ich mich sehr zur Freude meiner Eltern und meiner Lehrer doch für ein Studium entschieden“, blickt Stier zurück. So studierte sie kurz nach der Wende für ein Jahr Pädagogik. Nach einem Jahr brach sie jedoch ihr Studium ab. „Diese Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut. Studieren ist nicht alles im Leben“, betont Kirsten Stier.

Von 1993 an absolvierte Stier eine Ausbildung zur Pferdewirtin auf der Hengststation Vorwerk in Cappeln in der Nähe von Cloppenburg. „Das ist auch heute noch das Nonplusultra für die Oldenburger Zucht und eine der besten Hengststationen Europas, vielleicht sogar der Welt“, schwärmt die Pferde-Expertin. Sehr zum Leidwesen ihrer Ausbilderin entschied sie sich daraufhin, auf einem Pony-Ferienhof zu arbeiten. „Ich wollte einfach mal etwas anderes machen“, rechtfertigt sich Kirsten Stier für ihren Wechsel zur Familie Fuest nach Kührstedt nach ihrer Ausbildung.

Sie machte sich dann selbstständig mit dem Einreiten von jungen Pferden und gab zudem als „fliegende“ Reitlehrerin Reitunterricht. Sie wohnte dabei in Bremervörde und erwarb so ganz nebenbei sämtliche Trainerscheine in der Landesreitschule in Hoya und später auch ihren Meistertitel. „Das war mit einem hohem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Ich musste auch viel dafür tun, weil es eine hohe Durchfallquote gab“, versichert Kirsten Stier.

Als sie mit ihrem Sohn Justus Mahlstedt, der sich dem Motorrad-Crosssport verschrieben hat, schwanger wurde, beendete sie ihre dreijährige Tätigkeit als Reitlehrerin auf dem Schimmelhof in Bremen-Osterholz. „Mein Sohn sagt immer, sein Pferd stünde in der Garage“, lacht Kirsten Stier. Am 1. Juni 2008 gründete sie schließlich die Reitakadamie Centaura in Schwanewede. „Das ist mein Traumberuf. Ich gehe jeden Morgen wieder gerne an die Arbeit“, betont Stier. Sie freue sich zudem über die große Unterstützung durch ihren Ehemann Wolfgang Schwarz. „Ohne die Mithilfe von Wolfgang würde es nicht funktionieren“, beteuert Kirsten Stier. Kirsten Stier beschäftigt zehn Mitarbeiter in ihrem Team und hat 36 Pferde auf dem Hof.

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