IQ Netzwerk Niedersachsen Lotse für die Rückkehr in erlernten Beruf

Özden Konuralp berät in Deutschland lebende Ausländer bei der Anerkennung ihrer in der Heimat erworbenen Berufsabschlüsse, einmal im Monat auch in Schwanewede. Rania Mghames hat davon profitiert.
23.05.2019, 17:08
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Thurm

Schwanewede. Aufmerksam lauscht Özden Konuralp in der Begegnungsstätte Schwanewede der jungen Frau, die ihm gegenüber sitzt. Immer wieder lächelt er, offensichtlich gefällt ihm, was die junge Frau zu berichten hat. Özden Konuralp ist Mitarbeiter der Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung des IQ Netzwerkes Niedersachsen. Das IQ steht für „Integration durch Qualifizierung“. Die Beratungsstelle hilft in Deutschland lebenden Ausländern, die in ihrer Heimat erworbenen Berufsabschlüsse hier anerkennen zu lassen, damit sie in Deutschland wieder in ihrem Beruf arbeiten können.

Konuralp, für die Landkreise Osterholz und Verden verantwortlich, ist Helfer in der Not. Er selbst bezeichnet sich als Lotse. Ein Lotse, der vielen oft verzweifelten Menschen den steinigen Weg durch den scheinbar unüberwindbaren deutschen Behörden-Dschungel weist. Einmal im Monat kommt Özden Konuralp in die Begegnungsstätte nach Schwanewede, berät, informiert. Meist kann er helfen. Dabei spielt es keine Rolle, aus welchem Land die Menschen kommen, welchen Status sie besitzen oder welchen Beruf sie in der Heimat ausgeübt haben. „Vom Bäcker bis zum Arzt hatte ich alle schon hier sitzen“, erzählt Özden Konuralp, der selbst türkische Wurzeln hat.

Auch der jungen Frau, die mit am Tisch sitzt, hat Özden Konuralp den Weg in die Arbeitswelt geebnet. Rania Mghames ist mit ihrem Mann und ihren drei Kindern aus Syrien geflüchtet. Über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute kam die Familie 2015 nach Deutschland. Erst nach München, dann nach Schwanewede. „Meine Schwester lebt schon lange in Deutschland, deswegen wollten wir auch dorthin“, erzählt die 44-Jährige. Das Wunschziel der Familie war eigentlich Mainz, doch dieser Wunsch blieb unerfüllt.

Bis das Kriegschaos über Syrien hereinbrach, ging es der Familie gut. Rania Mghames arbeitete in Aleppo als medizinisch-technische Laboratoriumsassistentin, ihr Mann führte eine kleine Firma. Doch dann brach ihre kleine, scheinbar so sichere Welt zusammen. Die Familie flüchtete und stand vor dem Nichts. Mit vielen anderen verzweifelten Menschen lebte sie Wand an Wand in der ehemaligen Schwaneweder Kaserne.

Doch für sie war klar, dass sie sich ein neues Leben aufbauen wollen. „Ich habe immer gearbeitet, das wollte ich auch hier“, erzählt Rania Mghames. Sie nahm Kontakt zu Gudrun Chopin auf, besuchte Deutschkurse. Schnell erkannte sie, dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist. „Ich wollte unbedingt Deutsch lernen.“ Schon bald erreichtw sie das mittlere Sprachniveau B1. Doch wie es beruflich weitergehen sollte – „da hatten wir keine Idee“, sagt die 44-Jährige. Dann erfuhr sie vom IQ Netzwerk, lernte Özden Konuralp kennen – und alles ging ganz schnell. Relativ schnell, im Vergleich zur Geschichte vieler anderer Flüchtlinge.

„Frau Mghames ist intelligent, begabt und sehr engagiert“, sagt Özden Konuralp. Bei ihrer beschwerlichen Flucht hat sie immer darauf geachtet, dass sie ihre wichtigen persönlichen Papiere nicht verliert. Mit dem, was Rania Mghames vorlegte, konnte Özden Konuralp gut arbeiten. Dennoch war der Weg bis zur Rückkehr in den alten Beruf auch für die Syrerin stressig und beschwerlich. Diverse Praktika und Prüfungen, daneben Haushalt und Familie. Über die Leistung der kleinen Frau spricht auch Özden Konuralp mit viel Respekt. Innerhalb von zwei Jahren schafft es Rania Mghames zurück in den Beruf. Heute arbeitet sie im Kreiskrankenhaus in Osterholz-Scharmbeck. Sie ist zufrieden und dankbar für die Hilfe.

„Rania Mghames sei „ein absolut positives Beispiel“, sagt Özden Konuralp. Wie lange es dauert, bis ein Flüchtling hierzulande in seinen erlernten Beruf zurückfinde, hänge auch davon ab, welche Abschlüsse die Menschen nachweisen können, berichtet der Anerkennungsberater. "Eine Nachforderung von Papieren in den jeweiligen Heimatländern kann oft Monate dauern“, weiß Konuralp. Wie schwierig es ist, ohne Nachweise eine Arbeit zu finden, hat auch Rania Mghames Ehemann erfahren. „Mein Mann hat Ingenieurwesen studiert, aber den Abschluss nicht gemacht, weil er seine eigene Firma in Syrien gegründet hatte“, erzählt sie. In Deutschland wollte der 55-Jährige auf Koch umsatteln. Nach einigen erfolglosen Praktika hat er abgebrochen. Den versprochenen Anschlussvertrag hat er nie bekommen. Doch jetzt gibt es für ihn und seine Familie einen Lichtblick. „Die Bäckerei Starke in Neuenkirchen hat ihn angestellt, nach nur wenigen Tagen Probearbeit“, sagt seine Frau.

Talentiert, aber keinen Ausbildungsabschluss – dieses Problem kennt auch Özden Konuralp. „Die duale Ausbildung, wie wir sie aus Deutschland kennen, gibt es leider nicht überall“, bedauert er. Gerade auch in den arabischen Ländern werden vor allem Handwerksberufe seinen Worten nach „vererbt“. Elektriker, Maurer oder Installateure gibt es auch dort, doch in vielen Fällen haben die jungen Männer diese Berufe bei ihren Vorfahren gelernt. Sozusagen „learning by doing“. Doch auch diesen nach deutschem Maßstab „Ungelernten“ kann Özden Konuralp den Weg in den Beruf ebnen. Um ihr Know-how sichtbar zu machen und so ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, wurde im Rahmen des Projekts „ValiKom“ ein Verfahren entwickelt und erprobt, mit dem berufsrelevante, außerhalb des formalen Bildungssystems erworbene Kompetenzen bewertet und zertifiziert (validiert) werden können. Am Ende des Verfahrens wird durch eine Handwerkskammer, eine Industrie- und Handelskammer beziehungsweise eine Landwirtschaftskammer ein Zertifikat ausgestellt, das bescheinigt, welche Tätigkeiten eines Berufes der Betreffende ausüben kann. „Handwerker, die dringend Arbeitskräfte suchen, können Menschen mit diesem Zertifikat mit gutem Gewissen anstellen“, sagt Özden Konuralp.

Über Mangel an Arbeit kann sich der Anerkennungsberater nicht beklagen. Özden Konuralp weiß, wie wichtig seine Arbeit ist und noch werden kann. Erfolgsgeschichten wie die von Rania Mghames sind für ihn eine Belohnung seiner Tätigkeit.

Wer sich von Özden Konuralp beraten lassen möchte, erreicht ihn unter der Telefonnummer 0 42 31 / 1 56 65 oder per E-Mail (Anerkennungsberatung@landkreis-verden.de). Özden Konuralp berät einmal im Monat in der Begegnungsstätte Schwanewede und zweimal im Monat im Kreishaus in Osterholz-Scharmbeck.

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