Amtsgericht Mit 118 Stundenkilometern innerorts geblitzt

Es sah nach illegalem Straßenrennen aus, dabei wollte nur der eine Autofahrer den anderen nicht überholen lassen. Das Raser-Duell beschäftigte nun das Gericht: Der Landkreis-Blitzer hatte es fotografiert.
22.08.2019, 16:41
Lesedauer: 3 Min
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Von Friedrich-Wilhelm Armbrust

Osterholz-Scharmbeck. War es ein illegales Straßenrennen oder ein Überholvorgang mit stark überhöhter Geschwindigkeit? Diese Frage hatte das Gericht in Osterholz-Scharmbeck jetzt in einem Prozess gegen zwei Nordbremer zu klären. Immerhin fand das Ganze bei einer Geschwindigkeit von 118 Kilometern pro Stunde innerhalb einer geschlossenen Ortschaft statt. Tatort war die Blumenthaler Straße in Schwanewede, Fahrtrichtung Bremen. Die Tatzeit: nach 23 Uhr, Mitte Oktober 2018. Die beiden Fahrer, ein 28-Jähriger und ein 43-Jähriger, waren dabei in eine Geschwindigkeitskontrolle des Landkreises geraten. Sie wurden geblitzt, als sie sich beide zeitgleich auf derselben Höhe mit dem Messgerät befanden. Gestartet waren sie an der Kreuzung Heidberg/Blumenthaler Straße/Langenberg/Hospitalstraße.

Er habe sich von dem hinter ihm Fahrenden bedrängt gefühlt, sagte der 28-jährige Angeklagte und Fahrer eines Mini-Coopers aus. Er sei um die 60 Stundenkilomter gefahren und will normal beschleunigt haben. „Der hing ein ganzes Stück hinter mir. Das war ein dichtes Auffahren“, so der Auto-Mechatroniker. Zeitweise seien die Frontleuchten nicht mehr zu sehen gewesen, so der Angeklagte. Dann kam es zum Überholvorgang durch den zweiten 43-jährigen Angeklagten, einen BMW-Fahrer.„Aber dabei habe ich nicht mehr auf die Geschwindigkeit geachtet und Gas gegeben“, so der 28-Jährige. Auf Rückfrage des Amtsanwalts entgegnete der Mechatroniker, dass er seinen Verfolger habe loswerden wollen. „Als es geblitzt hat, bin ich sofort runter vom Gas.“ Ansonsten habe er das Gefühl gehabt, so um die 80 oder 90 km/h gefahren zu sein, sagte der 28-Jährige.

Daraufhin befragt von Strafrichterin Johanna Kopischke, wie das Verkehrsaufkommen gewesen sei, entgegnete er: „Das war absolut leer. Da war nichts mehr los.“ Dies bestätigten auch die beiden als Zeugen gehörten Verwaltungsangestellten der Osterholzer Kreisverwaltung. In deren Händen hatte die Blitzkontrolle gelegen. „Da waren nur die beiden unterwegs“, sagte dazu der 63-jährige Zeuge vom Landkreis.

Der 43-jähriger Kontrahent des Mechatronikers stellte den Vorgang allerdings etwas anders dar: „Die Ampel war grün. Er fuhr vor mir so 45, 40 und 50 Kilometer. Ich dachte, ,Suchst du was?‘. Dann habe ich versucht, zu überholen.“ Er sei dann auf gleicher Höhe neben der Fahrertür gewesen, so der ältere Angeklagte. „Aber ich kam nicht hinterher. Sein Auto ist schneller, und er muss ja auch schneller geworden sein.“ Beide Nordbremer gaben an, einander nicht zu kennen.

Der 63-jährige Verwaltungsangestellte sagte als Zeuge weiter aus: „Ich saß auf dem Beifahrersitz. Da sah ich vier Scheinwerfer nebeneinander. Motoren heulten auf. Die Autos wurden immer schneller und schneller.“ Der Mini-Cooper konnte ihm zufolge komplett geblitzt werden. Der BMW habe aber eine halbe Wagenlänge zurück gelegen, so der Zeuge. „Der BMW-Fahrer ist hinterher zurückgekommen und hat gefragt, ob er geblitzt worden sei. Ich habe die Personalien aufgenommen und ihn belehrt. Er hat zu uns gesagt, er habe den Mini-Cooper überholen wollen, aber das habe sich hochgeschaukelt. Die waren immer nebeneinander.“

Für ihn habe sich das Ganze zu einem Rennen entwickelt, sagte der zweite Zeuge vom Landkreis zu der Hochgeschwindigkeitstour. Er habe sehen können, wie der Überholvorgang gestartet se, so der Landkreis-Bedienstete. Die Distanz sei um die 200 Meter gewesen. „Ich hatte gute Sicht. Daraus wurde aber kein Überholvorgang, weil das Fahrzeug, das überholt werden sollte, auch beschleunigte.“ Das Ganze habe „eine Minute, um den Dreh“ gedauert.

Für ein unerlaubtes Autorennen wäre eine Verabredung notwendig gewesen. Die aber gab es nicht, weil beide einander nicht kannten. Der Amtsanwalt warf die Frage auf, ob eine Straßenverkehrsgefährdung im Sinne von „grob verkehrswidrig und rücksichtslos“ vorliege „Da war eine gegenseitige Gefährdung vorhanden“, gab er zu bedenken. Verteidiger Oliver Berger nickte: „Das ist wohl nicht so optimal gelaufen in dieser Nacht.“

Strafrichterin Kopischke fasste den Beschluss, das Verfahren gegen eine Geldauflage von 1000 Euro für jeden Angeklagten nach Paragraf 153 a der Strafprozessordnung vorläufig einzustellen. Die Nordbremer können die Auflage in vier Raten von 250 Euro innerhalb von vier Monaten abbezahlen. Ist das erledigt, wird das Verfahren endgültig eingestellt. Das Geld geht laut Beschluss an die Opferhilfe Niedersachsen. Zugunsten der beiden Nordbremer sprach, dass bei beiden noch keine Eintragungen im Bundeszentralregister vorliegen.

Ist das Verfahren endgültig eingestellt, wird aber die Verkehrsbehörde des Landkreises auf den Plan treten. Weil die Geschwindigkeitsüberschreitung zwischen 61 und 70 Kilometer in der Stunde innerorts betrug, ist laut Bußgeldkatalog dann noch ein Bußgeld fällig, gibt es möglicherweise zwei Punkte in Flensburg und ein Fahrverbot von drei Monaten. Bei einem Fahrverbot müsste der Führerschein wie in diesem Fall unter Umständen drei Monate abgegeben werden. Man erhält ihn aber danach im Gegensatz zu einer Führerscheinsperre automatisch zurück.

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