Bulli-Nothilfe

Mit Spaß lernen

Die Bulli-Nothilfe in Brundorf hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bullterriern in Not zu helfen. Hier werden falsch erzogene und vernachlässigte Hunde resozialisiert.
22.08.2019, 16:38
Lesedauer: 4 Min
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Von Iris Messerschmidt
Mit Spaß lernen

Christin Negenborn mit Gabbo. Sie ist froh, den Hof in Brundorf gefunden zu haben.

Christian Kosak

Schwanewede. Als Christin Negenborn ihren ersten Bullterrier bekam, da stellte sie fest, „Bullterrier sind spezielle Hunde, die brauchen ein spezielles Training, da ist man als Halter schnell überfordert“. Christin Negenborn allerdings liebte ihren Bullterrier, wollte alles richtig machen, recherchierte im Internet und stieß auf Claudia Schürmann in Herford und den Verein Bullterrier in Not.

Es folgte eine schicksalhafte Begegnung, die sich zur Freundschaft entwickelte und heute, vier Jahre später, in die Gründung der „Bulli-Nothilfe“ mündete. Hier werden vernachlässigte oder falsch erzogene Bullterrier auf einem aus Eigenmitteln und Spenden umgebauten Hof in Brundorf resozialisiert. Drei Hundetrainerinnen kümmern sich um die Tiere, um sie dann „in gute Hände“ vermitteln zu können.

Als Christin Negenborns Recherchen in Sachen Bullterrier-Haltung und -training begannen, wohnte sie noch in Hemelingen. In dieser Zeit stieß sie auf immer mehr Menschen, die mit dieser Hunderasse Probleme hatten. Christin Negenborn lernte, dass Bullterrier schwierig werden, wenn die falsche Trainingsmethode angewandt wird. „Bullterrier lernen nicht durch Zwang, sie lernen durch Spaß. Wenn ein Bullterrier keinen Sinn in einer Anweisung sieht, dann wird er sie nicht befolgen“, ist Christin Negenborn überzeugt.

Die junge Frau, die eine 40-Prozent-Stelle bei der Bahn und einen vierjährigen Sohn hat, entdeckte ihre Leidenschaft für Bullterrier und den richtigen Umgang mit den Tieren. Claudia Schürmann, bundesweit auch für ihre Verhaltenstests bekannt, ist für Christin Negenborn ein Vorbild. Sie lernte von ihr, besuchte sie mehrmals in Herford, absolvierte weitere Kurse und Seminare.

Christin Negenborn wurde Hundetrainerin, galt schnell als Anlaufstelle für überforderte Hundehalter und hatte die Zimmer in ihrer Hemelinger Wohnung schnell voller Tiere. Da wusste sie, „es ist Zeit für Veränderung“. Training mit Bullterriern, das soll ihre Zukunft werden. „Ganz allein ist das allerdings nicht alles zu bewältigen.“

Sie fand einen Vermieter mit einem Hof in Brundorf, „den ich nach den Bedürfnissen der Bulli-Nothilfe umbauen konnte und wo auch verständnisvolle Nachbarn nichts dagegen haben“. Sie steckte ihre Ersparnisse und ihre Zeit in den Umbau, bewohnt derzeit mit ihrem Sohn zwei Zimmer, die restlichen Zimmer gehören den Hunden. „Jeweils mit Sofa und Radio“, gibt sie zu und lacht.

„Rudelhaltung, wie von anderen propagiert, macht nämlich gar keinen Sinn“, ergänzt dazu Bianca Meyer. Fremde Hunde, die zwangsweise zu einem Rudel vereinigt würden, „haben keine Gelegenheit des Rückzugs. Zudem haben auch Hunde verschiedene Charaktere. Das kann nur zu Problemen führen.“

Bianca Meyer, ausgebildete Heim- und Pensionstierpflegerin und – wie die beiden Mitstreiterinnen der Bulli-Nothilfe aus Brundorf – Hundetrainerin, arbeitet seit 17 Jahren bei Claudia Schürmann. 15 Jahre davon leitete sie die Außenstelle des dortigen Vereins in Kalletal. Als diese geschlossen werden musste, suchten Claudia Schürmann und Bianca Meyer nach anderen Möglichkeiten. Die ergab sich mit der neu entstandenen Bulli-Nothilfe in Brundorf. „Ich bin hier quasi wie auf Montage“, sagt Bianca Meyer. Eine Woche in Brundorf, eine Woche in Herford. So sehe derzeit ihr Arbeitsalltag aus.

Michaela Pipper mit Beetlejuice

Michaela Pipper mit Beetlejuice

Foto: Christian Kosak

Die dritte im Brundorfer Bunde ist Michaela Pipper aus Bremen, die die mobile Hundeschule „Hundemensch“ betreibt. Als sie den Hilferuf von Christin Negenborn über die sozialen Medien las, war sie sofort zur Hilfe bereit. „Von Februar bis April lief hier in Brundorf nämlich der Umbau, da war jede Hand willkommen“, schildert Christin Negenborn.

„In meiner Hundeschule gibt es gewaltfreie Kommunikation, nichts, was dem Hund Angst, Schmerz oder Leid zufügt – wie beispielsweise Leinenrucks, Schläge, Tritte oder der Einsatz von Rütteldosen, Zuzieh-Halsbändern, Spritzflaschen und mehr. Auch alte Hüte wie Dominanz oder Rudelführer-Getue haben bei meiner Arbeit mit Hunden nichts zu suchen“, sagt Michaela Pipper.

Mit rein positivem Training arbeiten die drei Hundetrainerinnen mit verhaltensgestörten Hunden, erziehen so aber auch Welpen. „Drei Hundetrainerinnen mit der gleichen Philosophie, das ist ausgesprochen selten“, berichten Michaela Pipper und Bianca Meyer. Behutsam, respektvoll, achtsam, individuell und nachhaltig sei ihr Training bei der Bulli-Nothilfe. „Das müssen im Übrigen nicht nur Bullterrier sein“, sagt Bianca Meyer. Der Schwerpunkt liege allerdings auf dieser Rasse, die sich viele Menschen aus falschen Beweggründen anschafften und dann auch noch falsch hielten.

„Wie beispielsweise den Bullterrier, der schon als Welpe in ein Bordell kam. Im eingemauerten Hinterhof verbrachte er die Zeit, bis er elf Monate alt war, wurde mit Brot und Dönerresten gefüttert, berichtet Bianca Meyer. Und Christin Negenborn ergänzt: „Das ist ein Bullterrier, bei dem offensichtlich ist, wie lustig und verspielt die Tiere sind.“ Als er nämlich in die Bulli-Nothilfe gekommen sei, da habe er kaum etwas gekannt, allerdings schon 30 Kilogramm gewogen. Waschmaschine, Kühlschrank, Spülmaschine, „alles fand er toll, saß davor oder wollte gar reinspringen, damit spielen.“ Den jungen Hund, der seine Umwelt erst kennenlernen musste und über das viele Neue so aufgeregt war, hielt auch das neu aufgebaute Kindergitter im Flur nicht auf. „Rums, ist er dadurch. Er war so aufgeregt. Dabei ist er ein unglaublich liebes Tier.“

Am Ende steht das Ziel, für die Schützlinge ein passendes Zuhause zu finden. Ein besonderes Anliegen ist die Förderung einer harmonischen Beziehung zwischen Hund und Halter. So bieten die drei Fachfrauen auch die stationäre Ausbildung von Hunden, bei der im Anschluss auch der Halter vor Ort sein muss, denn die Beziehung zwischen Tier und Mensch sei ebenso wichtig.

Die drei, die nicht nur seit Jahren Erfahrungen als Hundetrainerinnen haben, sondern ihre Erfahrungen auch untereinander austauschen, weitergeben und sich regelmäßig weiterbilden, sehen sich im Übrigen die Menschen, denen sie Hunde vermitteln, genau an. „Wir schauen, ob Mensch und Hund als Team harmonieren, kontrollieren auch das neue Zuhause, die Umgebung, geben allerdings auch Tipps, was für Auflagen in den jeweiligen Bundesländern oder Gemeinden zu erfüllen sind.“

Info

Zur Sache

Bulli-Nothilfe

Die Bulli-Nothilfe, Lehnstedter Weg 40, Schwanewede, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bullterriern in Not zu helfen durch: Aufnahme und Unterbringung mit Versorgung; pflegerische, ärztliche und psychische Betreuung; verhaltenstherapeutisches Training sowie Vermittlung der Hunde in ein „Für-Immer“-Zuhause. Wer seinen Bullterrier abgeben möchte oder muss, ist ebenso willkommen, wie Personen, die Bullterrier ein neues Zuhause geben wollen. Weitere Informationen gibt es unter 01 76 / 80 89 73 61 oder im Internet über die Facebook-Seite der Bulli-Nothilfe.

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