1. Kreisklasse Osterholz

Nicht ans Limit gehen

Steven Holstein blüht nach seinem Herzinfarkt beim SV Grün-Weiß Beckedorf auf und weckt Begehrlichkeiten
23.12.2019, 15:33
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Kasten Hollmann
Nicht ans Limit gehen

Steven Holstein (rechts), hier noch im Trikot des SV Lemwerder, hat den Aufstieg mit Beckedorf noch nicht abgeschrieben.

WK

Beckedorf. Die 27 Tore von Steven Holstein in den ersten 17 Saisonspielen des SV Grün-Weiß Beckedorf in der 1. Fußball-Kreisklasse Osterholz sind nicht unbemerkt geblieben. „Ich habe ein paar Angebote von höherklassigen Vereinen erhalten“, bestätigt der 28-Jährige. Ein Wechsel komme derzeit aber nicht für ihn in Frage. „Ich fühle mich sehr wohl in Beckedorf und möchte hier unsere Ziele erreichen“, betont der Neuzugang vom Landesligisten SV Lemwerder.

Das Hauptziel sei der Aufstieg in die Kreisliga. „Wenn wir den nicht in dieser Saison schaffen, dann eben in der nächsten“, erklärt der Offensivmann. Im August des Jahres 2018 erlitt Steven Holstein völlig überraschend einen Herzinfarkt. Da die Ärzte ihm kein Sportverbot erteilten, setzte er seine Laufbahn in Lemwerder aber bereits drei Monate später wieder fort. „Der Herzinfarkt war aber schon ein Schock für mich. Ich weiß auch immer noch nicht, woran es gelegen hat“, lässt Steven Holstein wissen. In den Begegnungen selbst versuche er die Gedanken an einen möglichen zweiten Infarkt auszublenden. „Ich gucke aber, ob es irgendwelche Anzeichen gibt, und gehe nicht an meine Grenzen – um kein unnötiges Risiko einzugehen“, sagt der Goalgetter. Für ihn sei es ein Glück im Unglück, dass er überhaupt weiter seinen geliebten Sport ausüben dürfe.

„Ich soll nicht jedes Mal ans Limit gehen und mehr auf Spaßbasis Fußball spielen“, habe ihm ein Arzt geraten. Der Spaß am Spiel sei ihm aber beim SV Lemwerder in der vergangenen Rückrunde angesichts von nur fünf oder sechs Leuten beim Training abhanden gekommen. Deshalb schloss er sich zusammen mit seinen Teamkollegen Levon Hayrapetyan, Michael Wronski und Fabio Forstmann dem SV Grün-Weiß Beckedorf an.

Das Pensum reduziert

In Beckedorf kann sich der mit Abstand Führende der Torjägerliste in der 1. Kreisklasse Osterholz seine Anstrengungen genau selbst einteilen. „Steven muss nicht nach hinten arbeiten, weil alle Mitspieler um ihn herum fleißig für ihn arbeiten“, sagt SVB-Coach Wahe Airapetian. Holstein könne sich auch aussuchen, an wie vielen Trainingseinheiten er teilnehmen möchte. „Im Sommer war ich noch regelmäßig beim Training“, informiert der Groß- und Außenhandelskaufmann. Dann habe er sein Pensum aber auf einmal die Woche reduziert. „Ich genieße meine Freiheiten in Beckedorf sehr“, betont Steven Holstein. Innerhalb der Spiele dürfe er sich immer wieder seine Pausen gönnen. „In dieser Klasse muss Steven auch nicht überhitzen“, lässt Airapetian wissen. Trotz der Verschnaufpausen sei Holstein überaus wertvoll für sein Team: „Man merkt, dass er seine Ausbildung beim SV Werder Bremen genossen hat.“

Das Geschehen bei seinem Ex-Klub SV Lemwerder verfolgt Holstein nach wie vor ganz genau. „Ich finde es natürlich schade, dass der Verein ohne Sieg auf dem letzten Platz der Landesliga Bremen steht. Ich gucke jedes Mal gleich auf das Ergebnis und drücke Lemwerder immer die Daumen“, erklärt Steven Holstein. Er sei auch optimistisch, dass der neue Trainer Fabian Wilshusen und Sportdirektor Normen Stamer in der Restrunde für einen Aufwärtstrend beim SV Lemwerder sorgen werden. Eine Rückkehr nach Lemwerder schloss der in Aumund-Hammersbeck wohnhafte Kicker aber aus. Holstein beschäftigt sich ausschließlich mit dem SV Grün-Weiß Beckedorf, der durch die prominenten Neuzugänge als Topfavorit auf den Titelgewinn galt, zuletzt aber schwächelte und deshalb auf Rang drei zurückfiel.

Die Rückschläge begannen mit dem Ausfall von Michael Wronski wegen einer Fuß-Verletzung. „Ohne ihn setzte bei uns die schlechte Phase ein“, stellt Wahe Airapetian fest. Die Beckedorfer hatten aber ohnehin immer wieder mit Personalproblemen zu kämpfen. „Wir konnten praktisch nie zweimal in Folge mit der gleichen Elf auflaufen“, berichtet Steven Holstein. Nun müssen die Grün-Weißen auch noch in der kompletten Rückrunde auf Levon Hayrapetyan verzichten, bei dem das Kreuzband im linken Knie gerissen ist. „Durch den Ausfall meines Bruders müssen wir unsere Spielweise anpassen, damit wir mit der harten Gangart der meisten Gegner in dieser Klasse besser klarkommen“, verrät Wahe Airapetian.

Steven Holstein sieht im langfristigen Ausfall seines Kumpels Levon Hayrapetyan, der das Spiel maßgeblich lenkte, auch eine Chance: „Die anderen Spieler müssen Levons Ausfall kompensieren. Hier können sich gerade die jungen Spieler beweisen.“ Nach bereits fünf Saisonniederlagen beträgt der Rückstand auf einen Aufstiegsplatz allerdings vier Zähler. Der Zweitplatzierte VfR Seebergen/Rautendorf hat zudem noch eine Begegnung weniger auf dem Konto. „Wir müssen es vermeiden, ständig mit 0:1 in Rückstand zu geraten. Das ist nicht gut für den Kopf und geht letztendlich an die Substanz“, sagt Holstein.

Aufstieg lieber als Torjägerkanone

Der Anhänger des FC Bayern München war ein großer Verehrer von Arjen Robben. Genau wie Robben kommt Steven Holstein meist über rechts. Zuletzt lief Holstein aber auch vermehrt im Sturmzentrum auf. Nach sieben Meistertiteln in Serie der Bayern zeigt sich Holstein für diese Bundesliga-Saison großzügig: „Der Liga tut es gut, wenn mal eine andere Mannschaft Meister wird.“ Eine Einschränkung nennt der 28-Jährige aber doch: „Solange es nicht Borussia Dortmund ist.“ Mit Beckedorf würde Steven Holstein in dieser Spielzeit auch der zweite Rang langen. In der Torjägerwertung soll es dann aber doch Position eins werden. „Wenn man in dieser Liste mal ganz oben steht, möchte man auch oben bleiben“, so Holstein. Sieben Treffer trennen Holstein derzeit vom Zweitplatzierten Andreas Boger vom TSV Wallhöfen. Die Wallhöfener bestreiten aber im neuen Jahr auch noch drei Partien mehr als Beckedorf und können die Grün-Weißen auch nach Punkten durch Siege in den Nachholspielen überflügeln.

„Wir haben aber auch ohne Levon Hayrapetyan nach wie vor den besten Kader in der Liga“, urteilt der Fußballer, der auch regelmäßig ins Fitnessstudio geht. Für den Aufstieg würde Steven Holstein gerne auf seine Torjägerkanone verzichten, die in dieser Saison auch erstmals in den unteren Ligen vergeben wird: „Mir ist in erster Linie wichtig, dass wir zusammen erfolgreich sind.“ Ob er seine Karriere auch in Beckedorf beenden wird, sei noch offen: „Man kann nie sagen, was in ein paar Jahren sein wird. Trotzdem ist Beckedorf schon eine kleine Familie für mich geworden.“ Der frühere Akteur der SG Aumund-Vegesack und des SV Grohn sei einfach froh, nach so vielen Jahren mal etwas anderes als den Bremer Fußball zu erleben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+