Tennis Eine Mischung aus Training und Talk

Nicolas Kiefer gibt Ü30-Teams des TVS eine Übungseinheit und spricht auch über seine bitterste Niederlage
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Von Jens Pillnick

Schwanewede. Überkopfball Nicolas Kiefer, Körpertreffer bei Zafer Kara. Sofort folgt auf der Tennisanlage des TV Schwanewede die entschuldigende Geste des 43-jährigen Ex-Profis. Zafer Kara signalisiert ebenfalls sofort, dass alles okay ist. Und noch viel mehr. Er steckt den Trainingsball in die Hosentasche – und strahlt. Später lässt er sich die Filzkugel signieren und hat ein schönes Andenken an den Besuch des ehemaligen Weltranglisten-Vierten und Olympia-Silbermedaillengewinners im Doppel 2004 von Athen. Ein Besuch von Nicolas Kiefer, den die Herren 30 bei einer monatlichen Facebook-Veranstaltung mit großer Beharrlichkeit und abschließendem Losglück gewonnen hatten.

Ein Gewinn, der Freude bereitete. Den rund 135 Zuschauern, die sich auf der idyllischen Anlage am Flachsberg eingefunden hatten, genauso wie den drei Trainingsgruppen (dritte, zweite und erste Herren 30), die jeweils rund 30 Minuten mit dem Hannoveraner trainierten und das Niveau auf dem Centercourt stetig ansteigen ließen. Dabei wurde auch um Punkte gespielt und natürlich alle Anstrengungen unternommen, um das sich ständig ändernde Team Kiefer zu besiegen. Der bewies in einem dieser Spiele, dass eine Tennispartie erst mit dem verwandelten Matchball entschieden ist. Mit seinem Nebenmann wehrte er bei einem 3:6-Rückstand drei Matchbälle ab und gewann in der Verlängerung mit 9:7. Zuvor war er lonline erwischt worden (Kiefer: „Super Ball“), hatte Tipps gegeben, anerkennendes Staunen geäußert und immer wieder verschmitzt gelächelt.

Aber nicht nur auf dem Court wirkte Kiefer gleichermaßen engagiert wie entspannt. Auch nachdem alle Autogramm- und Fotowünsche erfüllt waren, stand er noch einmal 90 Minuten mit seinen „Tennis-Schülern“ beisammen und unterhielt sich (natürlich) über Tennis und Fußball. Und auch von daheim in Hannover setzte er noch eine Nachricht über eine problemlose Rückreise ab. „Er hat vorher bestimmt zehnmal angerufen und alles abgesprochen“, berichtet Dennis Bokelmann von einem regen Austausch im Vorfeld des Events. Alles Indizien für ein nettes Miteinander und dafür, dass Nikolas Kiefer nicht nur ein Tennis-Profi war, sondern auch im zweiten Teil seines Berufslebens absolut professionell arbeitet.

Bevor es auf den Court ging wurde geplaudert. Schwanewedes Bürgermeister Harald Stehnken war „hocherfreut, so eine Kanone hier begrüßen zu können“, TNB-Sportwart Lothar Schmidt weckte hohe Erwartungen, weil er vom Kiefer-Besuch vor einigen Wochen beim Barrier TC nur Positives gehört hätte. Dann moderierte Dennis Bokelmann, Tennis-Abteilungsleiter, Spieler der ersten Herren 30-Mannschaft und Triebfeder bei der Teilnahme an der Facebook-Aktion und kitzelte aus Nicolas Kiefer charmant einiges heraus. Und bekam sogar Antwort auf eine Frage, die er – weil sie ja fast unanständig ist – gar nicht direkt gestellt hatte. Kiefer sprach nämlich über das Zustandekommen des verlorenen Endspiels bei Olympia 2004 an der Seite von Rainer Schüttler. „Wir haben vier Matchbälle nicht genutzt“, erinnerte an eine 6:2-Führung im Tiebreak, erzählte von einem schwer werdenden Arm und gab preis, wie er das Spiel noch heute betrachtet: „Mein größter Erfolg und zugleich meine bitterste Niederlage.“ Auch für einen Tennissportler ist Olympia etwas Besonderes, das Erreichen des WM-Halbfinales, ATP-Turniersiege und drei gewonnene Grand-Slam-Titel (Australien Open, US Open, Wimbledon) in einem Jahr als Junior müssen sich da hinten anstellen.

Auf die Frage, wie man es unter so vielen guten Tennisspielern in den Profibereich schaffen würde, hatte Nicolas Kiefer eine kurze Antwort parat, die nichts mit großem Trainingsaufwand und körperlichen Voraussetzungen zu tun hat: „Auf die Big Points kommt es drauf an. Es ist die Frage, wie gut man im Kopf ist.“ Diesbezüglich warf er den Blick in die aktuelle Szene und schwärmte von den Altmeistern Rafael Nadel und Roger Feder: „Es ist unglaublich, wie stark die diesbezüglich sind.“ Mit seinem heutigen Wissen, sagt Nicolas Kiefer, hätte er auch viel früher Psychologie-Coaches zu Rate gezogen, wie es heute üblich sei. Unterstützung, die ihm womöglich auch zugute gekommen wäre, als er in die Fußstapfen von Boris Becker getreten sei: „Das war zugleich Druck und eine Ehre. Ihn kann man aber nicht erreichen. Ich habe von ihm viel gelernt, bin ihm sehr dankbar. Er ist ein großartiger Mensch.“

Bevor nach 30-minütigem Plaudern dann dreimal 30 Minuten die Bälle übers Netz flogen, machten sich noch die jüngsten Vereinsmitglieder auf den Weg in die Platzmitte und überreichten Nikolas Kiefer ein Geschenk. Der Sympathisant von Hannover 96 erhielt selbst gebastelte Schlüsselanhänger in den Vereinsfarben und mit dem Vereinslogo des Fußball-Zweitligisten.

„Jetzt geben wir richtig Gas“, kündigte Kiefer dann an und brachte die 30er, die sich mit Jacken, Hosen und Shirts des Kiefer-Labels eingekleidet hatten, ordentlich in Bewegung. „Der schwitzt nach 90 Minuten gar nicht und wir sind nach 30 Minuten fix und fertig“, staunte Sebastian Sander aus der ersten Vertretung, wie fit sich „Kiwi“ in Schwanewede präsentierte. Aber nicht nur darüber. Dem TVS-Spieler gefiel auch die bodenständige Art des Ex-Profis, der einen ganz entspannten Umgang gepflegt hätte und abgesehen vom Niveau im Miteinander auf dem Platz gar nicht aufgefallen wäre. „Lass sie uns weghauen“, hätte Kiefer ihm vor dem ersten Ballwechsels des Spielchens um Punkte mit auf den Weg gegeben.

Während die erste Herren 30-Vertretung ordentlich Geschwindigkeit auf den Platz brachte, kam in den 30 Minuten der Dritten auch komödiantisches Talent zum Vorschein. Renè Recker und Zafer Kara, die auch für den Tennis-Podcast LK DRÖLF (www.lk-droelf.de) verantwortlich sind, sparten weder mit lustigen Kommentaren noch mit Schlägen, die so nicht immer im Lehrbuch zu finden sind. In diese Ecke passte übrigens auch eine der letzten Aktionen der 90-minütigen Trainingseinheit. Bei einem Schmetterball riss Nicolas Kiefer die Saite – Ersatzschläger Fehlanzeige. „Ich hatte extra eine dickere Saite drauf. Normalerweise reißt die im Training nicht“, wunderte sich Kiefer. Aber wer hilft da nicht gerne aus? Malte Seebrandt kann jetzt jedenfalls behaupteten, dass Nicolas Kiefer bereits mit seinem Schläger gespielt hat. Und damit abschließend auch noch den Matchball im letzten Spiel des Tages verwandelte.

Info

Zur Sache

Trump oder Biden?

Bei diesem kleinen Entweder-oder-Spiel erfährt man mehr über Nicolas „Kiwi“ Kiefer als die beste Weltranglistenposition, die Zahl der Turniersiege und das verpasste Gold in Athen.

Berge oder Strand? Berge, ich liebe es in der Natur bei frischer Luft zu sein. Dort kann ich entspannen, das ist für mich Erholung pur.

Musical oder Kino? Musical. Dort bin ich früher auch immer mit meinen Eltern gewesen. Das letzte habe ich in Bochum gesehen. Das war Starlight Express. Das ist so gut, da war ich schon zwei-, dreimal.

Banane oder Kiwi? Ganz klar Kiwi. Da muss ich ja nicht erklären warum. Außerdem hat die Kiwi viele Vitamine. Im Moment, das muss ich allerdings zugeben, bin ich gerade auf einem Bananen-Trip.

Trump oder Biden? Beide nicht!

heute show oder heute journal? Finde ich beide gut. Sind beide sehr interessant.

Zeitung oder E-Paper? Zeitung, weil ich gerne etwas zum Blättern in der Hand habe.

New York oder Bangkok? Mit New York verbinde ich mehr. Da ist das pulsierende Leben.

Rap oder Rock? Ich bin gar kein Musik-Fan.

Verbrenner oder E-Auto?: E-Auto, das ist die Zukunft. Ich fahre auch selber eins.

Pizza oder Burger? Ich bin kein Young-Food-Freund. Aber wenn, dann ein gesunder Burger.

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