Treibjagd in Brundorf Schuss in der Stille

In Polen und in der tschechischen Republik ist die Afrikanische Schweinepest aufgetreten. Im Landkreis Osterholz wird zurzeit jedes erlegte Wildschwein auf den hochansteckenden Virus untersucht...
10.12.2018, 11:03
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Schuss in der Stille
Von Patricia Brandt

Beim ersten Mal ist es ein komisches Gefühl. Das sagen eigentlich alle, die schon einmal im dichten Unterholz als Treiber bei einer Drückjagd unterwegs waren. Das liegt daran, dass eine Kugel aus dem Lauf einer Repetierbüchse kilometerweit fliegen und nicht nur Wildschweine treffen kann. Eindrücke einer revierübergreifenden Jagd im Kampf gegen die Schweinepest bei Brundorf.

Der Himmel ist wolkenverhangen, wenigstens ist es trocken. 60 Jäger, hauptsächlich Männer, stehen am Café bei der Minigolfanlage, um den vom Landkreis Osterholz vorgegeben Abschussplan zu erfüllen und den Schwarzwildbestand auszudünnen. Die meisten tragen orangefarbene Warnjacken und Käppis. Einige von ihnen stampfen mit langen Stöcken auf den Boden. Sie sollen gleich durch den Wald ziehen und das Wild aufscheuchen, damit es die Jäger auf den Hochsitzen erlegen können, erklären die Jagdscheinanwärter. Sorge, dass ihm selbst etwas passiert, habe er nur beim ersten Mal gehabt, sagt einer, der sich als Timo Brinkmann vorstellt. Dies ist seine dritte Jagd. „Die sind hier gut organisiert, das Vertrauen ist da.“

„Frischlinge führende Muttertiere dürfen nach dem Tierschutz nicht bejagt werden“, erklärt weiter vorn Arne Riedel, Jagdleiter vom Forstamt Harsefeld, die Regeln für die Jäger auf den Hochsitzen. „Selbst, wenn Sie eine kranke Sau sehen, Sie bleiben zu ihrer eigenen Sicherheit auf ihrem Stand.“

Irgendjemand von den Organisatoren hat den Wald im Vorfeld auf der Karte in Quadrate unterteilt. Gruppenführer Heiko Ehing, der bei den Niedersächsischen Landesforsten für Waldökologie zuständig ist, hält die Karte mit Linien und Punkte hoch. Auf den Linien sollen sich seine drei Treiber bewegen. An den 24 Punkten sitzen die Jäger. „Du hältst Dich rechts“, sagt er zu seinem Kollegen Knut Sierk von den Landesforsten, einem großen, weißblonden Mann mit schwanzwedelndem Teckel. Tanka Bladanski, eine Religionslehrerin aus dem Kreis Rotenburg, soll mit ihrem Hund linker Hand gehen. Die Frau liebt die Natur, wie sie sagt, und will helfen, ihr Gleichgewicht zu erhalten. Zu ihren Füßen sitzt Terrier Kimba. Sie hat ihn vorsichtshalber mit GPS-Sender ausgestattet. Der Wald bei Brundorf ist inzwischen Wolfsgebiet.

Eine blasse Sonne scheint durch die Wipfel der zerzausten Douglasien. In einem Abstand von vielleicht 20 Metern tauchen die Treiber gleichzeitig in den Wald ein. Heiko Ehing gibt das erste „Hopp Hopp“ vor. Das gelegentliche Rufen dient nicht nur dazu, Tiere aufzuschrecken und sich bei den Jägern auf den Hochsitzen bemerkbar zu machen. Es hilft zudem, die Orientierung zu behalten.

Auf dem unebenem Boden, zwischen Farn und Heidelbeersträuchern, geht es nur langsam voran. Immer wieder versperren dichtes Gestrüpp oder umgestürzte Bäume den Weg. Die anderen aus der Gruppe sind nicht mehr zu sehen. Es ist so still, dass jeder Ast, der unter den Schuhen zerbricht, zu hören ist. „Hopp Hopp“, ruft Sierk, aber Ehing und Tanja Bladanski antworten nicht.

Plötzlich hallt ein Schuss ohrenbetäubend laut durch den Wald. Der Schütze kann nicht weit entfernt sein. Danach wieder Stille. Sierk hat die Repetierbüchse von der Schulter genommen. Er trägt sie locker in der Hand. Aber kein Tier bricht panisch durchs Gehölz. Einmal, erzählt Sierk, nur einmal in all den Jahren sei er selbst von einem verletzten Keiler angegangen worden.

Hinter Buchen, die noch rotbraunes Laub tragen, taucht ein Hochstand auf. Hinter dem Tarnnnetz erscheint der Kopf einer Frau: Bettina Rakowitz bittet Sierk nachzusehen, ob sie getroffen habe. „Weiter links“, instruiert sie ihn vom Ansitz aus. Hellgrau leuchtet das weiche Fell eines jungen Rehs aus einem Moosbett. „Liegt“, ruft Sierk.

Es sei beruhigend für die Jäger, zu wissen, dass sie getroffen haben, sagt Sierk. Es gebe nichts Schlimmeres als Ungewissheit da oben auf dem Stand.

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Sierk geht jetzt weiter. Er entdeckt Zunderschwamm, der an einem Stamm wuchert. Wird der Pilz in Pferdeurin getränkt, brennt er wie Zunder. In der Ferne hört man wieder Teckel Henk kläffen. „Er hat eine Fährte“, erklärt Sierk. Dann fallen weitere Schüsse, auch sie klingen entfernt. Jeder einzelne Schuss muss an die Organisatoren gemeldet werden. 40 werden es am Ende der dreistündigen Jagd in diesem Abschnitt sein. Unfälle passierten selten. „Die Jäger sind gehalten, steil von oben zu schießen. Kugelfang ist immer der gewachsene Boden“, sagt Sierk. Die meisten Jäger verletzten sich, weil sie von der glatten Leiter des Hochstands rutschen.

„Henki“, ruft Sierk erfreut, als der dunkelbraune Teckel mit durchnässtem Fell neben ihm im Gestrüpp auftaucht. Henk hat seine Fährte offenbar verloren und bleibt eine Zeitlang auf Höhe seines Herrchens. Die Jagd, sagt Sierk, sei seine Passion. Er sei auf einem kleinen Hof in Schleswig aufgewachsen. „Jagen ist für mich die ursprünglichste Form der Landnutzung.“

Er weiß natürlich, dass gerade Treibjagden kritisch von Tierschützern gesehen werden. „Da brauchen wir nicht drum herum reden“, sagt Knut Sierk, „ein krankes Tier, ein angeschossenes Tier, muss so schnell wie möglich erlöst werden. Dafür gibt es ja eine Nachsuche.“ Dennoch ist Sierk überzeugt, dass die nur wenige Male im Jahr stattfindenden Treibjagden effektiver und damit weniger stressig für die Tiere sind.

Ein großer Hirsch bricht durchs Gebüsch. Aber es fällt kein Schuss. Die großen Tiere sind reserviert, hatte es bei der Einführung geheißen. Wildschweine sind nicht zu sehen. „Die sind lange weg, bevor wir kommen. Wildschweine sind hochintelligent“, sagt Sierk.

'Hahn in Ruh' heißt Schluss mit Schießen: Um 13 Uhr dürfen die Jäger ihre Hochsitze verlassen.

Auf der Betonstraße, die zurück zum Waldcafé führt, berichten zwei Männer einer anderen Treiber-Gruppe, dass sie gerade ein angeschossenes Wildschwein mit dem Messer erlegt haben. Wie zum Beweis zückt einer der beiden sein blutiges Jagdmesser. Die Hunde hätten das Tier gestellt, erklärt der Jäger. Zu schießen sei in dem Fall nicht möglich gewesen.

Fünf Wildschweine wurden an dem Vormittag erlegt. Dazu Dam- und Rehwild. Ingesamt sind es 43 Tiere, die die Jäger auf ihre Anhänger laden und zu einem improvisierten Schlachtplatz am Waldcafé transportieren.

Timo Brinkmann und die anderen Jagdscheinanwärter warten schon an den Gestellen aus Rundhölzern: Sie sollen für ihren Jagdschein das fachgerechte Ausweiden erlernen. Die jungen Männer hängen die Rehe an den Läufen auf. Ein Wasserschlauch liegt bereit. “Das ist hier viel hygienischer, als das Tier auf dem Waldboden aufzubrechen“, meint Ulrich Messerschmidt, Vorstand der Jägerschaft Osterholz. Er steht in der Nähe, als Timo Brinkmann sein Jagdmesser ansetzt.

Ein metallischer Geruch breitet sich auf dem Platz aus. Als der Jagdscheinanwärter mit der Arbeit fertig ist, sind seine Arme bis zu den Ellbogen blutbespritzt: „Es sieht schlimmer aus, als es ist“, sagt er.

Ein weißer Lieferwagen taucht hinten an der Straßenecke auf. Es ist der Wildhändler. An ihn wird das Wild verkauft, das Geld, das er dafür bezahlt, fließt in die Kasse der Niedersächsischen Landesforsten. Ein älterer Herr tritt zu den Jagdscheinanwärtern, öffnet seinen Rucksack und lässt ein paar, in Plastik verhüllte Innereien hinein gleiten: Der Jäger, der das Tier erlegt hat, hat einen Anspruch auf Herz und Leber.

Die Männer von den Landesforsten beugen sich über einen Anhänger mit drei Wildschweinen. Heiko Ehing hat drei Plastikspritzen in der Hand. Während er die Blutproben zieht, die er ans Veterinäramt schicken wird, wo sie auf den Schweinepestvirus untersucht werden, steckt ein anderer Jäger einer Wildsau einen Tannenzweig ins Maul. Ein alter Brauch - ein Zeichen des Respekts.

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