Verhandlung vor dem Landgericht Verden

Mutmaßliches Opfer reist zum Prozess aus Übersee an

Ein 52-jähriger Mann aus Schwanewede steht vor Gericht, weil an der Tochter seiner Schwester sexuelle Handlungen vorgenommen haben soll. Das mutmaßliche Oper ist zum Prozess eigens aus Übersee angereist.
24.03.2021, 05:00
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Von Angelika Siepmann
Mutmaßliches Opfer reist zum Prozess aus Übersee an

Landgericht Verden.

Björn Hake

Verden/Schwanewede. Schon im Vorfeld war über große Distanz vorsorglich die Frage geklärt worden, ob die junge Frau überhaupt vor Gericht aussagen wollte. Nach dem signalisierten Okay, der organisierten Einreise aus Übersee und absolvierter Corona-Quarantäne saß die 27-Jährige am Dienstag im Landgericht Verden auf dem Zeugenplatz. Doch auch dort wäre dem mutmaßlichen Opfer von Sexualstraftaten noch ein Rückzieher möglich gewesen: Als Nichte des Angeklagten hätte sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen können.

„Sie können komplett neu entscheiden“, erklärte die Vorsitzende Richterin der Nebenklägerin. Aber bei deren Willen, auch im Prozess gegen den Onkel Angaben zu machen, blieb es. Dem 52-Jährigen aus der Gemeinde Schwanewede wird, wie berichtet, zur Last gelegt, an der Tochter der Schwester an einem späten Abend im Mai 2019 sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben, die auch den Straftatbestand der Vergewaltigung erfüllten. Laut Staatsanwaltschaft hatte er ihr zuvor ein alkoholisches Mixgetränk serviert, dem Medikamente, vor allem Beruhigungsmittel, zugefügt waren. Der von der Frau konsumierte Drink soll schnell dazu geführt haben, dass sie „bewegungs- und kommunikationsunfähig“ wurde.

Der Angeklagte hat in dem Mitte Februar begonnenen Prozess bislang von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht. Mit der Vernehmung der Nebenklägerin ist die umfangreiche Beweisaufnahme am sechsten Verhandlungstag in eine möglicherweise weichenstellende Phase getreten. Ihre Befragung zog sich, mit mehreren Pausen, über Stunden hin und muss auch in der kommenden Woche noch fortgesetzt werden. Die Öffentlichkeit war zeitweise ausgeschlossen. Die 10. große Strafkammer gab damit einem Antrag der Verteidigung statt.

Die heute 27-Jährige hat die belastenden Aussagen, die sie bereits im Ermittlungsverfahren gemacht hatte, weitgehend wiederholt. So weit es ihre Erinnerungen nach fast zwei Jahren zuließen, schilderte sie die Vorgänge im Hause des Angeklagten und dabei auch das, was sich vor und nach den vorgeworfenen sexuellen Übergriffen abgespielt habe. Nach dem gemeinsamen Essen und Trinken habe sie nach einem Gang auf die Toilette das besagte Getränk an ihrem Platz vorgefunden. Wodka und Brause seien schon gemischt gewesen, obwohl dies eigentlich nicht üblich sei. Sie habe noch ein Foto gemacht (das später Aktenbestandteil werden sollte) und dann getrunken: „Ich habe mir nichts dabei gedacht“.

Bald allerdings habe sie sich „besoffen gefühlt“, und dann sei sie „irgendwann auf dem Sofa“ gelandet; wie, wisse sie nicht mehr. „So einen Blackout hatte ich noch nie“. In der Folgezeit sei sie immer mal wieder nur für ein paar Sekunden zu sich gekommen, „dann war ich auch schon wieder weg“. Am nächsten Morgen habe sie jedenfalls auf dem Sofa gesessen und erst gedacht: „Das ist alles nur ein schlechter Traum“. Die Frau hatte sich zunächst einer Freundin anvertraut und auf deren Anraten dann auch ein Krankenhaus aufgesucht und Anzeige erstattet. Die erste polizeiliche Vernehmung erfolgte dem Vernehmen nach noch in der Klinik.

Auf die Frage der Richterin, wie es ihr heute gehe, antwortete die Nebenklägerin: „Nicht so gut“. Sie befinde sich wegen anhaltender psychischer Probleme in ärztlicher Behandlung und erwäge auch eine Therapie.

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