Impro-Theater in Schwanewede Rollenspiel zum Thema Kindeswohl

Die Begegnungsstätte Schwanewede will mit einem Improtheater-Stück Erzieher zum Thema Kindeswohlgefährung weiterbilden. Die erste Resonanz ist positiv.
30.05.2020, 06:09
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Rollenspiel zum Thema Kindeswohl
Von Elena Matera

Schwanewede. Daniel steht vor der Klasse und hält ein Referat über sein Praktikum. Er stottert, zittert und bringt kaum ein Wort über die Lippen. „Der Neue schon wieder!“, ruft Brian abfällig – ein Schüler, der im Klassenraum sitzt. Immer wieder wettert er gegen Daniel und lacht ihn aus. Die Lehrerin versucht, die Situation zu entschärfen und ermahnt Brian. Doch Daniel rennt bereits aus dem Klassenzimmer.

Die beschriebene Situation ist die erste Szene eines Rollenspiels, das die Sozialpädagogin Marion Deike in der Begegnungsstätte Schwanewede entwickelt hat. Der Hintergrund: Der Landkreis Osterholz hat eine Mappe zum Thema Kinderschutz in den Kindertageseinrichtungen herausgegeben. Dabei geht es um Aufgaben und Hilfen für Erzieher bei möglichen Kindeswohlgefährdungen. Von dieser spricht man bei körperlichen und seelischen Misshandlungen der Kinder sowie bei sexueller und körperlicher Gewalt.

Erzieher und Sozialpädagogen haben laut Deike einen Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährung inne. Das stehe im Paragraf 8 des Sozialgesetzbuches. „Es ist unsere Aufgabe, die Gefährdungsrisiken der Kinder einschätzen zu können“, sagt Deike. Sie habe daher die vergangenen Wochen genutzt und eine Weiterbildung für alle pädagogischen Mitarbeiter der Begegnungsstätte entwickelt. „Das Rollenspiel zeigt ein praktisches Beispiel, wie Erzieher mit dem Thema Kindeswohlgefährdung umgehen können“, erläutert sie.

Der stotternde Schüler Daniel aus der ersten Szene des Stücks wird von dem Bundesfreiwilligen (Bufdi) Daniel Dolgdvorov gespielt. Die von ihm dargestellte Figur hat einen gewalttätigen Vater und eine überforderte Mutter. Der 14-jährige Schüler ist in sich gekehrt und zeigt teilweise auch ein aggressives Verhalten. Das seien laut Deike Indizien für eine Kindeswohlgefährdung. Brian, der Daniel im Rollenspiel mobbt, wird von Bufdi Brian Borgwardt gespielt.

In einer späteren Szene des Rollenspiels berät sich die Lehrerin, gespielt von Deike, mit einer Kollegin, gespielt von Ines Becker, Mitarbeiterin im Hort und Jugendhaus. Die Kolleginnen beschließen im Spiel, dass sie zwei Wochen lang Daniels Verhalten dokumentieren wollen und sich dann erneut treffen werden. In der vierten Szene tauschen sie ihre Beobachtungen aus. Sie haben unter anderem blaue Flecke an den Armen und am Auge festgestellt und machen sich daher große Sorgen um Daniel. Sie treffen gemeinsam den Entschluss, mit der Mutter von Daniel zu sprechen – die letzte Szene.

Die Mutter, ebenfalls von Becker gespielt, erzählt der Lehrerin, dass ihr Mann die Kinder schlagen würde. Ihr sei auch aufgefallen, dass Daniel Geld klaue und die Schule schwänze. Die Lehrerin geht während des Gesprächs auf die Mutter ein, zeigt Verständnis. Sie möchte gemeinsam mit ihr eine Lösung finden und den Fall an das Jugendamt weiterleiten. Das ist Stück ist beendet.

Das Rollenspiel ist bei den Mitarbeitern gut angekommen, sagt Marion Deike. Der Vorteil des Stücks: Es zeigt ein praktisches Beispiel, wie man mit einer Kindeswohlgefährdung umgehen soll. Ein Skript ist nicht vorhanden, die Mitarbeiter improvisieren. Alle Phasen, die bei einer Kindeswohlgefährdung durchgegangen werden müssen, würde das Rollenspiel laut Deike gut veranschaulichen. Dazu gehöre die kollegiale Beratung, die Beobachtung und die schriftliche Dokumentation des betroffenen Kindes sowie die Arbeit mit den Eltern.

Doch nicht alle Fälle würden so ablaufen wie im Rollenspiel, erklärt Deike. Bei einer akuten Kindeswohlgefährdung, die von den Erziehern bereits als lebensbedrohlich eingeschätzt werde, müsse man sofort handeln und das Jugendamt und die Polizei kontaktieren.

„Es gab auch schon bei uns im Jugendhaus Fälle von Kindeswohlgefährdung“, sagt Deike. Es sei wichtig, dass Erzieher und Pädagogen entsprechend weitergebildet werden, damit sie die Gefährdung erkennen und einschätzen können. Deike will daher die Weiterbildung zu dem Thema und das selbst entwickelte Rollenspiel auch anderen Einrichtungen anbieten – zum Schutz der Kinder.

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