Was die Arbeit von Landwirten erschwert Verbraucher wollen Standard-Koteletts

Die Schweinepest rückt näher. Gleichzeitig fordert die Lebensmittelindustrie Normschweine, um standardisierte Koteletts produzieren zu können. Drei Landwirte aus Brundorf über tägliche Ärgernisse.
29.12.2019, 22:11
Lesedauer: 5 Min
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Von Imke Molkewehrum

Drei tragende Kühe liegen wiederkäuend im Stroh, einige neu geborene Kälber stehen in kleinen Boxen und muhen, während nebenan erwachsene Rinder auf dem Spaltenboden des Laufstalls dicht beisammen stehen. Stille herrscht dagegen im Schweinemaststall. Landwirt Manfred Otten öffnet das Tor und zeigt in das verwaiste Gebäude. „Unsere Schweine mussten schon vom Gewicht her weg. Also haben wir alle Tiere verkauft. Wegen der afrikanischen Schweinepest werden wir uns momentan keine Ferkel mehr anschaffen. Wir haben 400 Rinder, auf sie ruht derzeit unser Hauptaugenmerk.“

Die Schweinefleisch-Preise seien wegen der Nachfrage im Ausland auf hohem Niveau – vor allem wegen der Exporte nach China und Russland, wo die Pest grassiert. „Die Züchter können jubilieren, aber wenn die Pest nach Deutschland kommt, geht der Preis in den Keller. Das Risiko ist mir zu groß“, sagt Otten und fügt hinzu: „Erst muss geklärt werden, ob wir abgesichert sind. Vorher werden wir uns keine neuen Tiere anschaffen. Als Mäster können wir im Gegensatz zu den Züchtern ja zum Glück eine Pause machen.“

Momentan seien von der Pest zwar ausschließlich Wildschweine befallen, sobald aber in Deutschland auch nur ein Tier infiziert sei – egal ob Hausschwein oder Wildschwein – müssten alle hiesigen Tiere beprobt werden, und kein Tier dürfe exportiert werden, so der Landwirt. „Wir gucken momentan in Richtung Polen in die Uckermark, ob die Schweinepest die Grenze überschreitet, ergänzt sein Sohn Lars Otten. Da Schweine Kannibalen seien, könne sich das Virus schnell von den Wildschweinen auf die Hausschweine ausbreiten, sollte ein Tier das Fleisch eines befallenen Wildschweins fressen. Das könne schon passieren, wenn im Güterverkehr Essensreste entsorgt werden, die von infizierten Tieren stammten.

Seit Generationen bewirtschaftet die Familie Otten den Hof in Brundorf. „Mein Opa und mein Vater hatten damals eine Viehzucht mit zehn bis 20 Kühen, zehn Sauen und Hühnern – so wie es viele heute gern haben wollen“, sagt Manfred Otten und deutet auf ein querformatiges Ölgemälde, das den ursprünglichen Zustand des Gebäudes zeigt. Früher war es das Verwalterhaus des Hofguts von Georg Carl Lahusen, der 1921 die Leitung der Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei, vorher Nordwolle, von seinem verstorbenen Vater Carl Lahusen übernommen hatte.

Hof aus der Insolvenzmasse gekauft

Der Großinvestor kaufte seinerzeit in Brundorf viele Gehöfte auf, um hier zwei landwirtschaftliche Großbetriebe zu schaffen, erzählt der Brundorfer Landwirt und Agrarwissenschaftler Jan-Henrik Schöne. Im Zuge des New Yorker Börsen-Crashs am 25. Oktober 1929 sei der Geschäftsmann jedoch in Konkurs gegangen, und ein Insolvenzverwalter habe die Liegenschaften verkauft. „Mein Großvater hat unseren Hof 1930 aus der Insolvenzmasse gekauft“, so der 29-Jährige.

Die Familienbetriebe Otten und Schöne sind seinerzeit sehr langsam gewachsen. Noch bis 2013 haben beide Betriebe auch auf Sauen gesetzt und Schweine gezüchtet. „Aber das haben wir 2013 aufgegeben“, sagt Jan-Henrik Schöne. „Anlass waren immer häufiger geänderte Haltungsvorschriften. Es gab keine Verlässlichkeit mehr.“ Der Agrarwissenschaftler nennt als Beispiel die Größe der Sau-Buchten, die bestimmte Maße haben müssen, beispielsweise 2,20 Meter mal 1,90 Meter. „Dann kam plötzlich die Vorschrift, die Buchten müssten zwei mal zwei Meter haben. Aber man kann ja nicht ohne Weiteres die Wände versetzen.“

Die ständigen Änderungen seien mit enormen Kosten verbunden gewesen. Im Landkreis Osterholz hätten daher fast alle Züchter zwischen 2005 und 2015 die Schweinezucht aufgeben. Schöne: „Das sind ungefähr 90 Prozent der Züchter.“ Jeder habe etwa zehn bis 30 Zuchtsauen gehalten. Für gewöhnlich lebe eine Zuchtsau fünf Jahre und werfe während dieser Zeit 100 Ferkel. „Sie braucht dabei nur eine Tochter, um sich selbst zu ersetzen“ sagt Schöne und erklärt auf Nachfrage: „Für die Schweinemast sind Zuchtschweine nicht geeignet. Sie sind genetisch anders programmiert.“ Qua Gesetz hätten sie eine eigene Nummer.

Die Schweinezucht und die Schweinemast unterscheiden sich erheblich. Betriebe, die sich allein auf die Schweinemast konzentrieren, gebe es in der näheren Umgebung nicht, sagt der Agrarwissenschaftler. Ein Mastschwein wachse wesentlich schneller als ein reinrassiges Zuchtschwein. „Bei der Schweinemast kann eine Person problemlos 1000 Schweine versorgen“, so Schöne. Zudem sei die Schweinemast weniger aufwendig als die Zucht. „Auch im Vergleich zur Haltung von Kühen oder Hühnern“, ergänzt Manfred Otten. „Bei Legehennen muss man die Eier suchen, und Kühe muss man melken.“

Zehn bis 20 Euro pro Schwein

Die Kosten bis zur Schlachtung belaufen sich gegenwärtig für jedes Mastschwein für Futter, Stall und Personal auf rund 100 Euro. Hinzu kämen 45 bis 50 Euro für den Ankauf des Ferkels.“ Manfred Otten hat gerade 200 Mastschweine verkauft. „Im Moment verdient man pro Schwein zehn bis 20 Euro“, sagt er. Die Tiere dürften dann aber nicht unter 80 Kilogramm wiegen, andererseits aber auch nicht über 110 Kilogramm. Sonst fielen sie aus der sogenannten Maske.

Normschweine sind gefragt. Manfred Otten: „100 Kilo schwere Schweine haben den besten Auszahlungspreis. Die Industrie gibt uns das vor, wir wollen das gar nicht“, betont er. „Aber die Industrie kriegt das vom Lebensmitteleinzelhandel vorgeschrieben – und der richtet sich wiederum nach den Wünschen der Kunden. Und die wollen standardisierte Koteletts, ohne Speckschwarte.“

Die Schweinemast ist für gewöhnlich ein 305 Tage dauernder Produktionszyklus. Er beginnt mit der Befruchtung der Sauen und endet mit dem Abtransport zur Schlachtung. „Jungsauen werden meist im Alter von sieben bis acht Monaten zum ersten Mal gedeckt. Nach 115 Tagen, also drei Monaten, drei Wochen, drei Tagen, wird der erste Wurf geboren. Die Sau ist dann etwa ein Jahr alt. Nach drei bis vier Wochen Säugezeit werden die Ferkel abgesetzt. Nach sechs bis sieben Wochen sind sie schlachtreif. „Und nach 21 bis 24 Wochen kann die Mutter wieder tragen“, sagt Jan Henrik Schöne. „Bei Schweinen lässt sich eigentlich alles durch drei teilen. Sie haben eine genau gehende innere Uhr.“

Der Umstieg auf die Tierproduktion mit einem Bio-Label haben die drei Brundorfer Landwirte natürlich längst durchgespielt. „Ich müsste erstmal zwei Jahre entsprechend produzieren, bekomme aber erst danach den entsprechenden Mehr-Verdienst von 20 Prozent. Und den Discount-Bioläden ist es dazu noch egal, woher die Ware kommt“, sagt Manfred Otten. Jan-Henrik Schöne verweist in diesem Kontext darauf, dass es auch innerhalb der EU bei Zertifizierungen Probleme gebe. „Nur Nordeuropa hat eine extrem hohe Lebensmittelsicherheit.“ Angesichts der zahlreichen Probleme sind sich zumindest Manfred und Lars Otten einig: Sie würden heute nicht noch mal diesen Beruf wählen.

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