Klimawandel wirkt sich auf Vogelwelt aus

Weniger Rastvögel durch milden Winter

Die Zahl rastender Gänse ist an der Unterweser deutlich gesunken und Zwergschwäne bleiben an der Unterweser bisher ganz aus, hat Vogelkundler Ekkehard Jähme beobachtet.
17.01.2020, 15:28
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Neuenkirchen. Blessgänse, graubraune Vögel mit einer weißen Blesse über dem Schnabel, brüten in der arktischen Tundra. Doch jedes Jahr im Herbst verlassen sie ihre Brutgebiete, um in Mitteleuropa zu überwintern. Als reine Pflanzenfresser suchen sie, wie ihre nahen Verwandten, die Graugänse, auf Grünland und Äckern nach Nahrung – zum Ärger vieler Landwirte. In diesem Winter sind jedoch deutlich weniger Vögel aus dem hohen Norden gekommen. Vogelkundler Ekkehard Jähme macht dafür die milden Temperaturen verantwortlich.

„Wer Blessgänse beobachten und fotografieren möchte, fährt am besten den Nedderwarder Weg entlang“, sagt Jähme. „Dort sieht man die Tiere derzeit garantiert.“ Etwa hundert Gänse grasen an diesem sonnigen Januartag bei Temperaturen um 14 Grad auf den Grünlandflächen, nah an dem Weg, der nördlich des U-Boot Bunkers Valentin von der Rekumer Landstraße abzweigt und durch die Weiten der Rader Marsch führt.

Dieses Marschgebiet gehört zum EU-Vogelschutzgebiet V 27 „Unterweser“, dem sich im Norden die lang gestreckte Insel Harriersand sowie die Strohhauser Plate anschließen – geprägt von Flusswatten, ausgedehnten Schilfzonen, Stillgewässern und großen Flächen aus Grünland. Vor allem durch die Überflutungen des Vorlandes, die bei winterlichem Weserhochwasser riesige flache Wasserflächen entstehen lassen, wird dieses Gebiet zu einem wahren Magnet für Rastvögel, die dort Nahrung und Ruhe zugleich finden, so der Naturschutzwart.

Die zahlreichen Gänse unter ihnen ziehen auch den Seeadler an, der auf der anderen Weserseite brütet und immer wieder das Gebiet auf der Suche nach Gänsen, meist kranken oder geschwächten Tieren, überfliegt.

Unter Schutz gestellt auch als „Rastvogelgebiet von internationaler Bedeutung“ zeigt dieser rechte Teil der Unterweser in diesem Winter jedoch deutlich geringere Zahlen an Vögeln, die aus dem hohen Norden kommen. „In den 1990er-Jahren hielten sich im Bereich Harriersand etwa 170 Zwergschwäne auf, in diesem Jahr kein einziger“, sagt Jähme. Er führt den Rückgang vor allem auf den bisher viel zu warmen Winter zurück: „Wenn es in den Brutgebieten der Schwäne im hohen Norden warm genug bleibt, verzichten sie auf den weiten und kräftezehrenden Flug nach Norddeutschland“, sagt der Vogelkundler.

Doch auch die Zahl rastender Gänse ist in diesem Jahr deutlich zurückgegangen.

Ekkehard Jähme macht dafür die vorherrschenden Südwestwinde verantwortlich, die zugleich für die bisher hohen Temperaturen sorgen: „Die Gänse fliegen gern mit Rückenwind, weil das Energie spart, und sie ziehen dann weiter nach Osten“, sagt er. „Doch wenn der Wind aus östlicher Richtung wehen würde, könnte sich das Bild schnell wieder ändern.“ Denn das Rastvogelgeschehen sei von extremer Dynamik geprägt: Die Tiere reagierten flexibel auf ein verändertes Nahrungsangebot, Frost und Windverhältnisse.

Ekkehard Jähme, der seit 1990 die Vogelwelt an der Unterweser regelmäßig erfasst, ärgert sich in Hinblick auf die rastenden Vögel über die frei laufenden Hunde: „Sie lieben es, in den Flachwasserzonen der Teiche umher zu rennen. Doch dabei stören sie die Vögel extrem“, sagt er. Zwei der Gewässer in der Rader Marsch wurden erst vor Kurzem im Zuge der Erhöhung der Weserdeiche neu angelegt und mit flachen Ufern versehen – was bedrohte Arten wie den Säbelschnäbler oder Flussregenpfeifer anlockt. „Die Teiche wurden umzäunt, doch die Zäune rissen Hundebesitzer schon wenig später nieder, um ihre Tiere frei laufen zu lassen“, klagt Jähme. „Vögel, die sich dort angesiedelt haben, brachen ihre Brut ab.“

Gänse im Grünland sind vor allem den Landwirten oft ein Ärgernis. Da in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Grünlandflächen in der Wesermarsch umgebrochen und in Äcker umgewandelt wurden, konzentrieren sich die Gänse auf die wenigen verbleibenden Flächen.

Dort richten sie dementsprechend höhere Fraßschäden an, als wenn sie sich über viele große Flächen verteilen könnten. Diese Verluste an Nahrungsangeboten für Gänse müsse man im Auge behalten, wenn die Landwirtschaft über Schäden durch Gänsefraß klagt, so Ekkehard Jähme.

Allerdings sei die Zahl vor allem von Graugänsen in den vergangenen Jahren auch deutlich gestiegen, die inzwischen in Norddeutschland nicht nur rasten, sondern auch brüten. „Zu den Graugänsen, die ganzjährig im Gebiet sind, kommen im Winter noch die Graugänse aus Skandinavien hinzu, die nur Rastvögel sind“, sagt Jähme.

Milde Winter infolge des Klimawandels wirbeln in der Vogelwelt einiges durcheinander: „Der Kranich hat inzwischen seine Zugwege halbiert und fliegt nicht mehr bis nach Nordafrika, sondern überwintert im Mittelmeergebiet“, weiß Jähme. Es könnte auch der Klimawandel sein, der dazu führt, dass der Silberreiher, der sonst vorwiegend in Südeuropa brütet, inzwischen in den Grünlandgebieten um Bremen häufig zu sehen ist. Ekkehard Jähme richtet sein Spektiv auf ein Tier, dass einen Ring mit Nummer am Bein trägt. „Dieser Silberreiher stammt aus Lettland und ist inzwischen in der Rader Marsch ein Gast, der in jedem Jahr wiederkommt.“

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