Typisierung in Vollersode

Run auf die Wattestäbchen

Die Feuerwehr musste den Verkehr regeln, die Schlange der Spender reichte bis auf die Straße: Viele wollten dem an Blutkrebs erkrankten Maurice helfen und kamen zur Typisierungsaktion nach Wallhöfen.
25.02.2019, 16:44
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Von Monika Fricke und Lars Fischer
Run auf die Wattestäbchen

Die Eheleute Breden kamen aus Heißenbüttel, um sich in Wallhöfen typisieren zu lassen.

Monika Fricke

Wallhöfen. Rund um die Wallhöfener Schule herrschte am Sonntagvormittag stark erhöhtes Verkehrsaufkommen. Das hatte einen, in diesem Fall, wortwörtlich guten Grund: In der Sporthalle der Schule fand die DKMS-Typisierungsaktion für den an Blutkrebs erkrankten neunjährigen Maurice aus Vollersode statt. Leider habe die Chemotherapie bei dem Jungen keinen Erfolg gebracht, deshalb sei er nun auf eine Knochenmarkspende angewiesen, erklärte Gerd Holzhauer vom Team der DKMS-Ehrenamtlichen aus Ritterhude. „Jeder, der sich hier registrieren lässt, kann nämlich ein Lebensretter sein“, so Holzhauer.

Feuerwehrkameraden regelten den Verkehr, und vor dem Eingang zur Sporthalle bildete sich eine lange Warteschlage, die bis an die Hauptstraße reichte. Menschen von nah und fern wollten Maurice helfen und kamen zur Registrierungsaktion der Deutschen Knochenmark Spender Kartei (DKMS). „Gemeinsam gegen Blutkrebs“ stand auf einem Banner über dem Eingang zur Sporthalle.

„Gänsehautgefühle“ empfand Heidi Winter, eine Arbeitskollegin der Mutter des erkrankten Kindes, als sie die vielen registrierwilligen Menschen in die Sporthalle strömen sah. Verwandte, Freunde und Bekannte der Familie des erkrankten Maurice sowie zahlreiche spontane Helferinnen und Helfer waren dort im Einsatz. In der Grundschule neben der Sporthalle gab es Kuchen und Erfrischungen sowie ein Benefizkonzert zugunsten der DKMS. Überwältigt von der enormen Beteiligung war auch die aus Köln angereiste DKMS-Mitarbeiterin Maria Schmidt, die für Spenderneugewinnung und -beratung zuständig ist. Sie hatte die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer vorher eingewiesen und beantwortete während der Aktion alle medizinischen Fragen zur Typisierung.

Die Feuerwehren der Samtgemeinde Hambergen regelten nicht nur den Verkehr vor der Schule, sondern beteiligten sich zudem selbst an der Typisierungsaktion für den Vollersoder Jungen. Viele Feuerwehrkollegen ließen sich registrieren. „Wir wollten ein Zeichen setzen durch unsere Teilnahme“, so der Hamberger Gemeindebrandmeister Jens Bullwinkel.

Auch bis nach Worpswede hatte sich die Aktion herumgesprochen. Dort hörte der Integrationsbeauftragte der Gemeinde, Jascha Mangels, davon und sprach spontan im Kreis der von ihm betreuten Flüchtlinge darüber. Er fand, die Teilnahme an der Typisierung könnte ein gutes Beispiel für eine „gesellschaftsverbindende“ Aktivität abgeben. „Man behält ja immer seine erste Identität, aber es kommt eben auch etwas Neues dazu“, sagt Mangels. Das sahen die Angesprochenen auch so, für sie war es keine Frage, dabei mitzumachen, auch wenn gewisse Unsicherheiten bestanden. Einige befürchteten trotz anderslautender Informationen, es müsse Blut abgenommen werden. Statt des Wattestäbchens sahen sie schon Injektionsnadeln auf sich zukommen und sagten lieber nicht zu.

Dennoch kam ein Dutzend Freiwilliger zusammen, die gerne auf diesem Wege etwas der Hilfe, die sie selber erfahren haben, wieder zurückgeben wollten. Dafür reichte der Kleinbus der Worpsweder Jugendfeuerwehr, der kostenlos für die Fahrt nach Wallhöfen bereit stand, nicht aus, ein privates Auto musste dazu organisiert werden. Fast drei Stunden war die Truppe unterwegs, aber zu lang wurde das niemandem. Die Stimmung sei trotz der ernsten Hintergrunds sehr entspannt gewesen, berichtet Mangels.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die größtenteils aus arabischen Ländern stammenden Menschen genetisch tatsächlich Maurice so weit ähneln, als dass sie als Spender infrage kommen, ist gering, darüber waren sich alle im Klaren. Ausgeschlossen ist aber auch das nicht, und durch die einmalige Registrierung kommen die potenziellen Spender auch bei anderen Notfällen wieder in die Auswahl. Und was eine lebensbedrohliche Situation – sei sie durch eine Krankheit wie Krebs oder andere Einflüsse hervorgerufen – für eine Familie bedeuten kann, das haben viele dieser Menschen so oder anders auch selber schon erfahren.

Überwältigt waren die Neu-Worpsweder von der Fülle der Spender, die sie in Wallhöfen trafen. Dort begrüßte sie eine Tante von Maurice an der Sporthalle und wollte sie an die verschiedenen Tische verteilen. Als sie aber erfuhr, um was für eine ganze Reisegruppe es sich da vor ihr handelt, sorgte sie dafür, dass die Spender zusammenbleiben konnten – auch um das Übersetzen zu erleichtern. Auch sie war sehr bewegt von dem Engagement der Geflüchteten und bedankte sich herzlich bei ihnen.

„Wenn man so vielleicht Leben retten kann, ist das immer gut“, meinte auch Bernhard Ahrens aus Ohlenstedt. Familie Breden war aus Heißenbüttel mit ihrer jüngsten Tochter im Kinderwagen zur DKMS-Aktion gekommen. „Wir haben selber Kinder und können die Sorgen der Eltern des kranken Jungen gut nachempfinden, deshalb lassen wir uns typisieren“.

Firmengemeinschaften kamen vereint in die Sporthalle und ließen sich registrieren. Wer die Altersgrenze von 55 Jahren überschritten hatte, konnte nach Auskunft von Gerd Holzhauer nicht mehr in die Spenderkartei aufgenommen werden. Deshalb spendeten Ältere stattdessen oft einen Betrag für die kostspielige Typisierung, die je 35 Euro kostet, in die Sammelbox. „Viele bezahlen gleich ihre Typisierung selbst, das ist einmalig toll“, so Katja Hößelbarth aus dem Ritterhuder Team von Gerd Holzhauer.

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