Adolphsdorfer Torfschiffer bauen ein Boot Neuer Torfkahn nach alten Zeichnungen

Die Adolphsdorfer Torfschiffer bauen derzeit ein weiteres Boot. Dazu nutzen sie alte Zeichnungen. Einziger Unterschied zu früher ist der Elektromotor.
06.10.2020, 09:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Sabine von der Decken

„Das wird ein neuer Torfkahn“, erklärt Manfred Sievers, Vorsitzender der Adolphsdorfer Torfschiffer, und zeigt stolz auf die in der Halle im Hammehafen liegende zwölf Meter lange Holzkonstruktion. Es ist der zweite nach neuer Art gebaute Kahn, alle bisherigen gehen zurück auf Heinz Wrieden. Der Zimmermann und sieben andere Adolphsdorfer stellten sich 1983 die Aufgabe, Kähne nachzubauen, die zwischen 1752 und 1920 auf der Hamme und ihren Nebengewässern Torf transportierten. „Sie waren Rentner und hatten Zeit“, erklärt Manfred Sievers schmunzelnd den Grund für das ambitionierte Projekt, das nun schon fast vier Jahrzehnte andauert.

Lesen Sie auch

Aus der Museumswerft in Schlussdorf holten sich die Männer historische Baupläne, die Manfred Sievers und seine ehrenamtlichen Helfer auch heute noch für den Bau des neuesten Torfkahns der Adolphsdorfer Flotte verwenden. Dann hatte jeder 200 D-Mark in die gemeinsame Kasse für die Anschaffungen von Baumaterialien einzuzahlen, und dann konnte es losgehen. Eine Satzung legte fest, so der Vorsitzende, dass nur Adolphsdorfer und Plattsnacker Mitglied werden durften. Auch das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Mittlerweile haben sich die Adolphsdorfer geöffnet und die Mitglieder kommen auch aus der Region um Osterholz-Scharmbeck und Lilienthal.

Gut ausgestattete Werkstatt

Genau wie in alten Zeiten baute Heinz Wrieden den Torfkahn mit einteiligen Spanten, wie Fachleute die tragenden Bauteile zur Verstärkung des Rumpfes nennen. Neuerdings werden die Spanten aus zwei Teilen zusammengesetzt. In Wriedens Ära entstanden etwa 25 Kähne, die heute im Besitz mehrerer Vereine und eines Museums sind. Anfangs trafen sich die Mitglieder in einer Adolphsdorfer Scheune. Heute sind die Torfschifffer sehr glücklich über die gut ausgestattete Werkstatt am Hammehafen. Anders als ihre Vorfahren können sie aber fürs Biegen der dicken Eichenbohlen einen Dämpfkasten verwenden statt heißer, feuchter Lappen. „Sie müssen sich früher unheimlich gequält haben“, mutmaßt Sievers. Trotz maschineller Hilfe benötigen auch heute noch vier Männer 50 Wochen – bei einer täglichen Arbeitszeit von vier Stunden – für den Bau eines Torfkahns.

Optimierung ist das Stichwort, das im Arbeitsalltag der Ehrenamtlichen beim Bau des neuen Torfkahns eine wichtige Rolle spielt. Kauften die Mitglieder in der Anfangszeit des noch jungen, finanziell eingeschränkten Vereins für den Nachbau der Torfkähne große Eichen, ließen diese schneiden und lagerten das Holz vier Jahre lang, verwenden sie heute zugeschnittene Eichenbohlen. „Das ist nicht günstig, aber wir können uns mehr auf den Schiffbau konzentrieren“, erklärt Sievers. Denn die Mitglieder mussten feststellen, dass bei der sparsameren Materialbeschaffung viel Schwund anfiel.

Lesen Sie auch

Bei einem auf einer Werft gebauten Torfkahn müsse man mit Kosten von circa 49.000 Euro rechnen. Ganz soviel koste der Bau des neuen Adolphsdorfer Kahns nicht, da alle ehrenamtlich beim Bau mithelfen. Aber billig sei es auch nicht. Manfred Sievers ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker, eigentlich aber kann er alles, vor allem auch das Werkeln mit Holz. Ähnliches gilt für die meisten Mitglieder.

Mit dem Kahn über die Hamme

„Es macht mir einfach Freude zu sehen, wie der Kahn hier liegt“, erklärt er die Faszination, die das langsame Werden auf ihn ausübt. Und dafür haben die Mitglieder des Vereins das Privileg, kostenlos eines der Schiffe für private Fahrten nutzen zu dürfen. Natürlich nur, wenn sie nicht gebucht sind. „Andere fahren in ihrer Freizeit mit einem kleinen Sportboot über die Hamme, wir mit einem langen Torfkahn.“

Die alten Konstruktionspläne seien relativ schlicht, funktionierten aber immer noch. „Die Boote wurden früher nicht zentimetergenau gearbeitet und auch heute kommt es nicht auf den Zentimeter an“, so der Vorsitzende der Torfschiffer. Mittlerweile schippern sechs der Torfkähne mithilfe von E-Motoren geräuschlos über die Hamme. Und statt den neuen Rumpf mit Teer und Hanf zu kalfatern, greifen Sievers und seine Kollegen lieber zu Dichtungsmasse. Wurden die Kähne vor mehr als 100 Jahren noch mit Teer gestrichen, werden heute nach der Imprägnierung gegen Blaufäule drei Lagen atmungsaktive Farbe aufgetragen.

Doch trotz aller Neuerungen prägen die Nachbauten mit den braunen Segeln heute wieder das Bild der Worpsweder Landschaft. „Käme heute jemand aus dem 18. Jahrhundert zum Torfkahnfahren“, so Sievers, „würde den nur der E-Motor stutzig machen. Mit allem anderen käme er gut zurecht.“

Einen Namen gibt es für das neue Schiff noch nicht. Zu Wasser gelassen wird es am 17. April 2021.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+