Neuer Plan für altes Gebäude Ateliergemeinschaft belebt Albert-Reiners-Haus in Worpswede

Mehrfach war das frühere Geschäftshaus Albert Reiners' schon dem Abriss nahe. Jetzt bekommt es erneut Aufschub: Eine Ateliergemeinschaft belebt das markante, aber eben auch marode Gebäude im Zentrum Worpswedes.
06.03.2021, 16:00
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Von Lars Fischer

Worpswede. Bäckerei, Hebammenpraxis und Friseursalon, Flüchtlingsunterkunft, jüdische Schlachterei und NSDAP-Parteibüro – das Haus an der Findorffstraße 6 in Worpswede hat wahrlich eine bewegte Geschichte. Mehrfach schon drohte der Abriss, aber es ergab sich doch immer wieder eine neue Nutzung. So auch jetzt: Das markante, meist nach seinem prominentesten Besitzer und Nutzer als Albert-Reiners-Haus bekannte Gebäude soll nun eine Ateliergemeinschaft beherbergen. Die Vorbereitungen sind fast schon abgeschlossen, noch in diesem Monat wollen die ersten Worpsweder Künstlerinnen und Künstler ihre neuen Arbeitsräume beziehen können.

Das Fehlen von bezahlbarem Wohn- und Atelierraum ist alles andere als ein neues Problem im Künstlerdorf. Susanne Weichberger, Vorsitzende des Trägervereins der Künstlerhäuser, verweist auf einen Filmbeitrag aus dem Jahr 1964, den die ARD unlängst in ihre Mediathek einstellte. In „Sonntags in Worpswede“ beklagte der damals noch sehr junge Maler Uwe Häßler genau das, was Bhima Griem auch heutzutage erfahren hat: Es gibt kaum erschwingliche Arbeitsräume. Griem kam als einer von zwei neuen Leitern der Künstlerhäuser im Vorjahr in den Ort und stand vor demselben Problem, das auch Kollegen wie Janis von Rohden schon seit Jahren plagt: Wer nicht tief in die Tasche greifen kann oder will, der hat kaum eine Chance, Wohnen und Arbeiten räumlich zu trennen. Auch Volker Schwennen hat diese Problematik in seinem Festival „Lebe dein Ändern“ vor zwei Jahren ausgiebig thematisiert.

Dort wie auch im Gemeindeentwicklungsprozess ging es um mittelfristige Perspektiven und zeitgemäße Konzepte, die gerade auch im ländlichen Raum greifen. Andere Lösungsansätze für die Raumnot der Künstler im Ort, wie etwa, das in Teilen ungenutzte Schulgebäude herzurichten, funktionierten nicht. Bis den Akteuren das Reiners-Haus in den Sinn kam, das nach der Zwischennutzung durch die Flüchtlingsinitiative wieder leer stand. Es gehört der Albert-Reiners-Stiftung und macht ihr Kopfzerbrechen, weil sie es seit Längerem durch einen Neubau ersetzen wollte, letztlich aber keinen tragfähigen Kompromiss zwischen eigenen Ansprüchen und vernünftiger Finanzierbarkeit finden konnte. Schwennen legte ein Konzept zur temporären Nutzung vor, das den Stiftungsvorstand überzeugte.

Wie der sprichwörtliche Phönix aus der Asche, respektive aus dem Bauschutt, tritt das Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert nun wieder hervor. Ohne Frage ist es um die Bausubstanz nicht allzu gut bestellt, aber mit viel Einsatz und Improvisationstalent haben die zukünftigen Nutzer in Kooperation mit den Künstlerhäusern und Schwennens Galerie Randlage das Haus in diesem Winter so weit wieder hergerichtet, dass sie und andere dort arbeiten können. Die Stiftung füllte den Heizöltank, eine hauseigene Werkstatt, für die ein Gönner beinahe die komplette Ausstattung hinterließ, ist eingerichtet. Viele der benötigten Baumaterialien fanden sich im Haus selber oder in der benachbarten Remise. Und überall begegnet einem dabei die Geschichte.

Im vorderen Bereich des über 400 Quadratmeter großen Hauses soll es einen Ausstellungsraum geben. Dort steht eine alte Theke aus der Zeit der Bäckerei, noch mit ausklappbaren Holzkörben für die Brötchen. Solide Wertarbeit. Den großen Spiegel gab es auf dem Dachboden, und die unverputzten Backsteinmauern sorgen für den Charme vergangener Zeiten. Dahinter folgen die einzelnen Ateliers, die rund zehn Künstlern Raum bieten können. Die zahlreichen gefliesten Küchenräume können etwa für Siebdruck oder als Dunkelkammern genutzt werden, andere kleinere Räume sind eher als Schreibbüros zu gebrauchen. Auch ein Tonstudio soll einziehen. Die meisten Zimmer sind schon vergeben und viele der „Mieter“ haben sich selbst ihren eigenen Arbeitsbereich auf Zeit renoviert.

100 Euro für die Unterhaltskosten müssen die Künstler zahlen, denn die Albert-Reiners-Stiftung stellt ihr Haus mietfrei zur Verfügung, zunächst einmal für ein Jahr. Eine Verlängerung ist nicht ausgeschlossen. In seiner Kurzfristigkeit und als gewolltes Provisorium hat das Projekt einen urbanen und zeitgemäßen Pop-Up-Charakter. Auch mit den Nachbarn besteht schon reger Kontakt, denn zwei Häuser weiter gibt es mit „Mimis Erbe“ im ehemaligen Kaufhaus Stolte eine Galerie, die ebenfalls von ortsansässigen Künstlern in Eigenregie betreiben wird. So herrscht nach langen Jahren des Stillstands auch am kürzesten Schenkel des sogenannten Goldenen Dreiecks Worpswedes (Bergstraße – Hembergstraße – Findorffstraße) wieder künstlerisches Leben, auch wenn der dafür historisch prägendste Ort, die früher legendäre Galerie Die Insel, einige Meter in der anderen Richtung weiter im Dornröschenschlaf dämmert.

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