Worpswede im Mittelalter

Authentizität schlägt Spektakel

Gerne hätte Michael Tegge in Worpswede sein Schwert blitzen lassen. Er ist spezialisiert auf authentische Geschichtsdarstellungen, aber leider machten die Ritter einst einen Bogen um den Weyerberg.
16.07.2018, 17:26
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Lars Fischer
Authentizität schlägt Spektakel

Bei der 800-Jahr-Feier wird in einem Skriptorium nachgestellt, wie es 1218 zur ersten urkundlichen Erwähnung Worpswedes kam.

Agentur Asega

Worpswede. Beim Begriff Mittelaltermarkt schwingen lebhafte Assoziationen mit. Viele Menschen denken an wilde Ritterkämpfe und hemmungslose Gelage – ein zügelloses Spektakel, bei dem keiner allzu viel Wert auf Details legt. Wer eine solche Party erwartet, der ist bei Michel Tegge an der falschen Adresse. Der Berner betreibt die Agentur Asega, die sich auf historisch korrekte Geschichtsdarstellungen spezialisiert hat. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Die rund 1000 Darsteller, die zum Pool der Agentur gehören, sind keine Allrounder, sondern Experten für bestimmte Handwerke und andere Tätigkeiten aus zurückliegenden Epochen.

Damit passte Tegge zum Anforderungsprofil, das die Verantwortlichen für die Worpsweder 800-Jahr-Feier am 21. und 22. Juli ausgegeben hatten. Sie wollten kein x-beliebiges Schauspiel, sondern eine authentische Präsentation, wie es in Worpswede zur Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1218 tatsächlich ausgesehen haben kann. Was ist für diese Zeit belegbar oder zumindest wahrscheinlich? Das ist die Kernfrage für Michael Tegge. Auch wenn er selbst leidenschaftlicher Schwertkämpfer ist, der sogar internationale Titel errang – Ritter sind nicht Teil der Antwort. Bauern, die vermutlich Schafe und Schweine hielten, auf die Jagd gingen oder in der Hamme fischten, will er darstellen. In einem Skriptorium, einer Schreibstube, wird nachgestellt, wie Benediktiner-Mönche die Urkunde ausstellen, die den Anlass für die Jubiläumsfeier bietet.

Für Michael Tegge ist ein Auftrag wie der aus Worpswede Alltag. Seit 16 Jahren stattet er alle möglichen Feste mit solchen Präsentationen aus. Er hat tatsächlich sein eigenes Hobby zum Beruf gemacht und sieht sich dabei eher in der Rolle eines Wissensvermittlers und nicht so sehr in der eines Schauspielers. "Gerade alte Handwerkstechniken sind so speziell, da muss man Experte sein, um das zu beherrschen und anderen erklären zu können", sagt er. Oft arbeite seine Agentur mit Museen und Historikern zusammen, und nicht selten befruchteten sich beiden Seiten gegenseitig. Die "Living History"-Darsteller liefern die Praxis zur Theorie und öffnen damit auch manchen Wissenschaftler neue Zugänge.

Ganze Schlachten habe er schon nachgestellt, erzählt Tegge. Theoretisch sei alles möglich, seine Darsteller decken so ziemlich jede historische Eventualität ab: "Wenn es einer möchte, dann könnten wir auch eine Pyramide bauen." Das wird in Worpswede nicht nötig sein, aber ganz so ruhig, wie es den Anschein hat, ging es vielleicht doch nicht immer die vergangenen 800 Jahre am Weyerberg zu. Michael Tegge ist sich sicher: Bei so einer isolierten Lage im Moor muss Musik eine wichtige Rolle gespielt haben. Und wenn er schon nicht zum Schwert greifen kann, dann doch zum Dudelsack: Mit seiner Band Wortsatia spielt er selbst beim Dorffest in der Böjerschen Scheune, die für ein Wochenende zur Taverne wird, am Sonnabend ab 19 Uhr. Denn die Dudelsäcke, die sogenannten Schäferflöten, die man meist vor allem in keltischen Traditionen wiederfindet, dürften auch in Worpswede um 1218 schon erklungen sein.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+