Carl Emil Uphoff Das Erbe wiegt schwer

Worpswede und die NS-Zeit – das ist nach wie vor ein schwieriges Kapitel. Viele Biografien sind bis heute nur in Teilen erforscht, Lebensläufe wie der von Carl Emil Uphoff oft ambivalent.
18.04.2020, 16:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer

Worpswede. Ausfälle von Ausstellungen sind in diesen Wochen an der Tagesordnung. Aber schon vor der Corona-Krise hat die Absage der geplanten Ausstellung mit Werken von Carl Emil Uphoff in der Worpsweder Kapelle Maria Frieden für Diskussionen gesorgt. Der Freundeskreis des kleinen katholischen Gotteshauses wollte religiöse Motive des Worpsweder Malers zeigen, dessen Wirken unsäglich eng mit dem Faschismus verknüpft ist. Einmal mehr entzündete sich an Uphoffs Erbe die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Geschichte Worpswedes im Dritten Reich. Kann und darf man die Bilder von so überzeugten Nationalsozialisten, wie Uphoff oder auch Fritz Mackensen es ohne Zweifel waren, zeigen? Und wenn ja, in welchem Rahmen und mit wie viel kommentierender Einordnung?

Der Freundeskreis der Kapelle machte einen Rückzieher und sagte die Ausstellung wenige Tage vor der Eröffnung ab. Philipp Uphoff, Enkel und einer der Erben des Malers, lud die bereits verpackten Bilder wieder aus dem Auto. Er kann verstehen, dass die Ehrenamtlichen, allesamt keine Kunstexperten, sich nicht tiefer in die Bredouille begeben wollten, in die sie – etwas naiv – geraten waren. Eine kunsthistorische Aufarbeitung des Werks seines Großvaters sei von ihnen sicher nicht zu verlangen, dennoch findet er die Konsequenz, die Bilder gar nicht zu zeigen, falsch. Er will die Auseinandersetzung damit, das Lernen aus der Geschichte statt des Schweigens über sie. Das Unter-den-Tisch-Kehren, das Worpswede nach 1945 über Jahrzehnte geprägt hat, will er jedenfalls nicht fortsetzen.

Leben inmitten von Geschichte

Philipp Uphoff weiß, wovon er spricht. Er lebt inmitten der Geschichte seines Opas, mit dessen Bildern und Nachlass auf dem Brünjeshof in Ostendorf, den dieser 1913 gekauft hatte. Damals hatte das Haus schon eine illustre Vergangenheit, denn dort hatte sich im Sommer nach der Jahrhundertwende eine junge Malerin ein bescheidenes Atelier eingerichtet. Heute kann man das Zimmer Paula Beckers als Ferienwohnung mieten. Carl Emil Uphoff, 1885 in Witten geboren, ließ es nahezu unverändert, als er einzog. Seine Schwiegermutter, eine Bremer Apothekerwitwe, finanzierte aber ansonsten eine schon recht urbane Sanierung. Der große Kamin auf der Diele war nur eine Attrappe, eine Reminiszenz ans Moorbauerntum, hinter dessen Kulisse eine Zentralheizung für Wärme sorgte. Uphoffs erste Frau Luise starb 1920, der Witwer und zweifache Vater heiratete erneut und bekam drei weitere Kinder, die auf dem riesigen Grundstück aufwuchsen.

Der Brünjeshof verfügt wie der benachbarte Dietrichshof Bernhard Hoetgers über ein mehr als einen Kilometer langes Gartengrundstück, das von Nutz- und Ziergarten zu Moor und Wald übergeht. Die Nachbarn Uphoff und Hoetger legten ihre Gärten in enger Abstimmung an, die Spuren sind bis heute deutlich sichtbar. Philipp Uphoff hat auch dieses Erbe angetreten, er pflegt als Landschaftsgärtner nicht nur das eigene Grundstück.

Ahnungslos nach 1945

Carl Emil Uphoffs Biografie ist von Ambivalenzen durchzogen, wie die so vieler seiner Zeitgenossen auch. In den Zwanzigerjahren, als auch die religiösen Bilder enstanden, sah er sich selbst als undogmatischen Sozialisten. Er förderte das Worpsweder Gemeindeleben, gründete mehrere Vereinigungen mit, unter anderem die Freunde Worpswedes. Er wandelte sich dann politisch radikal und sah in Hitler einen Heilsbringer fürs deutsche Volk. Am 1. Mai 1937 trat er in die NSDAP ein und sorgte als örtlicher Kulturwart der Partei dafür, dass Arbeiten seiner Kollegen, denen er einst bei der Vermaktung half, nun aus Ausstellungen entfernt wurden. Den Leiter der Großen Kunstschau, Martin Goldyga, versuchte er aus dem Amt zu jagen, indem er ihn als Kommunist und Jude bezeichnete und ihm „krumme Geschäfte“ unterstellte. Aber auch 22 seiner eigenen Arbeiten wurden von den Nazis als „entartet“ beschlagnahmt und zerstört. Dennoch schrieb Uphoff glühende Lobesverse auf den Führer und trat häufig als Redner ganz im Sinne der NSDAP auf. Überhaupt hatte er sich von der Malerei zeitweise verabschiedet, schrieb verschiedene Texte, bildhauerte und entwarf Designs. Ende 1942 kam es zum Zerwürfnis mit der zuständigen Gauleitung, Carl Emil Uphoff wurde im Jahr darauf von seinen Ämtern entbunden.

Im Juni 1945 wurde er festgenommen und blieb für eineinhalb Jahre von den Alliierten interniert. Der Vorsitzende des Entnazifizierungsausschusses in Osterholz-Scharmbeck war der Worpsweder Schriftsteller Waldemar Augustiny, dessen Rolle im NS-Staat ebenfalls nicht widerspruchslos ist. Auch mit ihm lag Uphoff im Streit – sein Enkel vermutet, dass er auch deshalb mehr habe büßen müssen als andere. „Und das war vielleicht gar nicht so schlecht“, sagt Philipp Uphoff. „Andere durften vergessen, er musste sich deutlich mit der Zeit auseinandersetzen.“ Als „geläutert“ kehrte er offenbar im November 1946 nicht zurück nach Worpswede, in seinem selbst verfassten „politischen Lebenslauf“ berichtete er, was viele andere nach 1945 auch vorgaben: „Erst während dieser Zeit (der Inhaftierung) erfuhr ich von der immer größeren Entartung, in die das nationalsozialistische Regime, je länger der Krieg dauerte, geraten war.“

Er baute seinen Hof, der zum Kriegsende durch einen Schornsteinbrand zerstört wurde, wieder auf, lebte aber bis zu seinem Tod 1971 im Atelierhaus nebenan. Sein Enkel empfand ihn als zurückgezogen, an viele persönliche Begegnungen erinnert er sich nicht. Das Haus und der Garten, in dem er auch begraben liegt, sind aber geprägt vom Großvater, seine Bilder und Skulpturen sind allgegenwärtig, Tausende von Briefen und andere Zeugnisse liegen noch ungelesen auf dem Dachboden. Anderes, wie die Eva-Figur aus dem Garten, ist verschollen. Das Erbe aber wiegt schwer und ist weitgehend unaufgearbeitet. Philipp Uphoff hofft auf einen Anstoß, dass sich das ändert.

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