Waldemar Otto wird 90 Jahre alt Das nur Abstrakte ist ihm zu banal

Der Bildhauer Waldemar Otto wird am Sonnabend 90 Jahre alt. Mehr als 750 Bronzeskulpturen hat der Worpsweder angefertigt, die auf der ganzen Welt ausgestellt werden oder fest im Stadtbild verankert sind.
30.03.2019, 04:12
Lesedauer: 4 Min
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Von Cornelia Hagenah

Worpswede. Die Schritte sind etwas langsamer geworden, doch wenn es um die Kunst geht, blitzen Waldemar Ottos Augen. Die Kunst ist sein Leben, seine Sprache, sein Ausdrucksmittel. Er bahnt sich den schmalen Weg zu seinem Arbeitsplatz, im Zickzack durch all die Skulpturen, oft lebensgroß. Fast 60 Jahre seines künstlerischen Schaffens stehen hier in seinem Atelier in Bronze gegossen. Doch nicht nur die großen Bronzewerke, auch kleinere, auf hohen Sockeln zeugen von dem enormen Schaffensdrang des Bildhauers und strotzen vor Kraft und Energie. Tonnenschwer erheben sie sich um den Künstler, der an diesem Sonnabend seinen 90. Geburtstag feiert. Sie spiegeln die Jahrzehnte seiner künstlerischen Produktion wider.

Das Atelier ist mehrfach angebaut, um die zahlreichen Werke unterzubringen. Sein Arbeitsbereich wirkt ein wenig in die Ecke gedrängt, ein Seilzug verdeutlicht noch einmal das Gewicht der Arbeiten. Etwas verloren der Schreibtischstuhl, auf den sich Otto setzt. „Ich arbeite jetzt im Sitzen“, meint er und deutet auf einen kleinen Tisch vor sich. Die „Flucht aus Ägypten“ ist hier in Arbeit, die roten Wachsplatten, die Otto zum Formen der Figuren bevorzugt, lassen die Schwangere auf dem Esel schon erkennen. Doch es ist nicht nur das christliche Thema, das hier angeschnitten wird. „Flucht ist auch heute wieder ein aktuelles Thema“, meint Otto mit Verweis auf die letzten Jahre, die viele Menschen aufgrund kriegerischer Ereignisse bewogen haben, ihre Heimat zu verlassen. Und es ist wohl auch ein persönlicher Hintergrund, sich diesem Sujet zu widmen. In den Werken Ottos sind vielfach persönliche Erfahrungen mythologischen, christlichen und gesellschaftlichen Themen unterlegt sowie Bezüge zum aktuellen Zeitgeschehen. Dies mag auch der Grund sein, warum sich Otto den ungegenständlichen Tendenzen widersetzte und immer bei der figürlichen Ausdrucksform blieb. „Ich war schon immer von Politik betroffen“, meint Otto, der 1929 in Petrikau in Polen geboren wurde. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten geriet die Familie unter Druck und floh nach Halle an der Saale. Nach dem Abitur begann er in Berlin an der Hochschule das Studium der Bildhauerei. Er wurde Meisterschüler bei Alexander Gonda, der sich ganz den abstrakten Tendenzen verschrieb, aber seinem Schüler das figurative Arbeiten nicht verwehrte. „Das nur Abstrakte war mir zu banal“, sagt Otto. Neben ihm eine Arbeit aus den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts, ein Mensch, gekrümmt auf dem Rücken liegend, die Arme und Beine nach oben gereckt. Die eingeritzte, verletzt wirkende Oberfläche ist in dieser frühen Zeit sein Charakteristikum. Ein Ausdruck des Verstümmelten, Verkrüppelten, Zerstörten wird offenbar. Und wenn er vor der Skulptur steht, kommen die erlebten Traumata wieder zu Tage: „Ich musste mit ansehen, wie Menschen, die nicht mehr gehen konnten, an Händen und Beinen angefasst wurden und mit Hauruck auf einen Kastenwagen geschmissen wurden. Und wie ihre Glieder hochstanden und abtransportiert wurden. Fragen Sie nicht, wohin.“

Diese Verarbeitung des erlebten Grauens, die Verletzlichkeit des Menschen, das Eingesperrtsein in gesellschaftliche Zwänge und Arbeitsprozesse begleiteten ihn all die Jahre und werden doch zugleich in einen zeitlosen allgemeingültigen, aber auch individuellen Ausdruck übertragen. Otto arbeitet in Serien. Es entstehen Werkgruppen wie „Figuren zwischen den Wänden“, in denen der Mensch aus seinen Zwängen auszubrechen versucht, eine Reihe der Sockeltorsi, in denen durch Fragmentierung des Körpers Akzente gesetzt werden, mythologische und christliche Themen, die einen allgegenwärtigen Zeitbezug thematisieren.

Über 20 Jahre lang hatte Otto eine Professur für Bildhauerei an der Hochschule für Gestaltung in Bremen und prägte den Begriff der Bremer Bildhauerschule. Ein Grund, warum sich der Künstler in Worpswede niederließ. „Ich wollte nah bei den Studenten sein“, sagt er heute. Zunächst lebte er auf dem Barkenhoff, damals noch kein Museum, und baute sich Ende der 70-er Jahre ein Wohnhaus mit Atelier im Künstlerort. Internationale Ausstellungen sowie zahlreiche Aufträge für Kirchen und öffentliche Plätze folgten. Über 750 in Bronze gegossene Werke. Seine Arbeiten stehen in 26 Städten und befinden sich in 23 Museen. Er erinnert sich an eine Ausstellung in St. Petersburg: „Da waren meine Werke zwischen 23 Rembrandts ausgestellt“. Doch auch hier vor Ort ist Ottos Werk präsent: der Neptun-Brunnen in Bremen auf dem Domshof, der Bacchus-Brunnen in Worpswede vor der Großen Kunstschau sowie Skulpturen an verschiedenen Plätzen im Künstlerort.

Trotz zwei Schlaganfällen in den vergangenen Jahren hat sich Otto erholt und ist weiterhin von einem regen Schaffensdrang geprägt. Die letzte große Arbeit, ein Denkmal für Matthias Claudius, den Dichter des Abendliedes „Der Mond ist aufgegangen“, wurde 2015 im Hamburger Stadtteil Wandsbek eingeweiht.

Oft sind es kleinere Arbeiten, die in den letzten Jahren entstanden sind und eine persönliche Facette zeigen, ohne Pathos, authentisch aus einer Notwendigkeit des gestalterischen Willens heraus. Dieser Wille zu formen und zu gestalten, das Innerste in eine dreidimensionale Form zu bringen, ist etwas, was ihn immer noch vorantreibt. Und vielleicht sind es auch die Worte seiner Mutter, die ihn leiten. Sie habe einst zu ihm gesagt: „Versuch nicht berühmt zu werden, überlass das den Anderen, du bist zu gut. Vielleicht kannst du Dinge machen, die nur du kannst“.

Während Otto im letzten Jahr noch eine große Einzelausstellung in Holland hatte, freut er sich besonders über eine Geburtstagsausstellung in Berlin. Anlässlich seines 90. Geburtstages veranstaltet sein Berliner Galerist Wilfried Karger eine Schau im Stilwerk Berlin unter dem Titel „Aus dem Schaffen von Waldemar Otto“.

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