Interview mit Kyla Brox

„Der Brexit ist ein absolutes Desaster“

Die britische Bluessängerin Kyla Brox spricht sie über Feminismus, ihren Vaters und neue englische Depressionen. Ihr Auftritt beim Women In (E)Motion-Festival in der Worpsweder Music Hall fällt allerdings aus.
11.03.2020, 16:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer
„Der Brexit ist ein absolutes Desaster“

Kyla Brox lebt für den Blues. Die Liebe zur Musik wurde der Britin durch ihren Vater Victor Brox in die Wiege gelegt. Am Freitag steht die Sängerin in Worpswede auf der Bühne.

Phil Melia

Sie kommen zu Women In (E)Motion nach Worpswede in die Music Hall. Das Festival findet jedes Jahr zum internationalen Frauentag im März an verschiedenen Orten in und um Bremen statt. Wie wichtig ist dieses Thema für Ihre Arbeit?

Ich denke, bis zum heutigen Tag ist Blues immer noch eine Männerdomäne. Wir Frauen gehören besser repräsentiert und wir müssen immer wieder klarmachen, dass wir eine Chance verdienen, um zu zeigen, dass wir mindestens genauso gut wie Männer sind.

Sehen Sie sich als Feministin?

Ja, unbedingt. Allerdings nicht im negativen Sinn. Ich bin keine Männerhasserin, überhaupt nicht. Ich habe selber zwei Kinder, und natürlich will ich, dass meine Tochter die gleichen Möglichkeiten und Rechte wie mein Sohn hat.

Sie selber nennen sich in einem Ihrer Songs ein „Bluesman's child“.

Das ist absolut autobiografisch zu verstehen. Ich bin damit aufgewachsen, in der Band meines Vaters zu singen. Ich wurde zum Ende der Ehe meiner Eltern geboren, als jüngstes von fünf Kindern. Als ich älter wurde, waren sie schon getrennt, und ich habe nicht viel von meinem Vater gesehen, bis ich mit zwölf Jahren zu seiner Band dazukam.

Ihr Vater Victor Brox ist ein bekannter Musiker. War es schwierig für Sie, in seinen Fußstapfen eine eigene Karriere zu begründen?

Nein, ich war immer sehr glücklich darüber, dass ich von ihm lernen konnte. Er hat mir sehr geholfen, mein Talent zu entwickeln. Welches zwölfjähriges Mädchen hat schon die Chance, professionell Musik zu machen? Das war meine große Chance, die ich ergriffen habe. Seitdem öffnet mir sein Name Türen. Natürlich habe ich mein eigenes Profil geformt, aber mein Vater war immer nur von Vorteil dabei.

Haben Sie das Gefühl, etwas in ihrer Jugend verpasst zu haben, wie manche andere Kinderstars?

Eigentlich nicht. Ich bin ganz normal weiter zur Schule gegangen, aber natürlich bin ich auf reichlich unkonventionelle Weise aufgewachsen. Meine Eltern waren beide anders als „normale“ Mütter und Väter, wie meine Freundinnen sie so hatten. Aber ich hatte alles in allem ein stabiles Zuhause.

Musik ist ja häufig ein Weg, sich von der Elterngeneration abzusetzen, gegen sie zu revoltieren. Das war bei Ihnen offenbar völlig anders.

Ich habe mir andere Wege gesucht, meine eigene Stimme zu finden. Blues ist ja ein sehr altes Genre, und ich als jüngste Schwester habe genau das gehört, was meine großen Brüder auch hörten. Blues war Teil unserer Familie, das, was mich und meinen Vater bis heute verbindet.

Gab es jemals Zweifel daran, ob Sie eine professionelle Musikerin werden würden?

Es war immer mein Traum und ich habe das sehr ernsthaft verfolgt. In der Schule haben sie mir dauernd erzählt, ich sollte etwas „Ordentliches“ lernen, aber von meiner Familie gab es da nie Druck. Als ich 19 Jahre alt war, habe ich tatsächlich für ein Jahr bei einem Optiker gearbeitet. Das hat mir sogar sehr gefallen, aber irgendwann rief mein Vater mich an. Er war auf Tour in Australien und hatte viele Konzerte vor sich. Ich saß in Manchester in diesem Brillenladen, und als er mir wieder einen Job in seiner Band anbot, bin ich sofort losgeflogen.

Wie kommt man im nordenglischen Regen zu einer solchen Verbindung zur amerikanischen Bluestradition wie Ihre Familie?

Als mein Vater in der 50er- und 60er-Jahren aufwuchs, war Blues für ihn einfach „das neue Ding“. Er hat mir seine Liebe für diese Musik dann weitergegeben. In meiner Generation haben die Meisten vermutlich nichts mehr damit am Hut, aber ich habe das einfach im Blut. Ich mag aber auch durchaus andere Musik, ich habe als Teenager eine klassische Opern-Ausbildung genossen und auch Pop oder Heavy Metal ausprobiert. Manchester hat eine große Musikszene mit vielen unterschiedlichen Stilen, Blues ist eher selten dabei. Aber mein Herz hängt daran – und am Soul.

Würden Sie sich als politische Künstlerin beschreiben?

Ich will auf jeden Fall auch meine politischen Überzeugungen in meiner Musik ausdrücken. „For the many“ ist wohl mein bisher politischster Song, in dem es um die aktuelle Lage in England und unsere mehr und mehr nach rechts kippende Regierungspolitik geht.

Der Song ist eine kraftvolle Forderung nach einem Umsturz. Wie sollte die Welt Ihrer Meinung nach nach einer solchen Revolution aussehen?

Das Stück knüpft an eine Forderung Jeremy Corbyns von Labour an, der eine Politik für Viele und nicht für Wenige fordert. Es geht um eine solidarische Gesellschaft, die auf jeden achtet, nicht nur auf die Reichen. Die Schere klafft aber aktuell immer weiter auseinander.

Spüren Sie als Künstlerin, die viel im Ausland arbeitet, bereits Auswirkungen des Brexits?

Ja, in der Tat. Allein schon, dass man überall darauf angesprochen wird. Aber es wird ganz konkret schwieriger, Konzerte zu spielen, weil es für die ausländischen Veranstalter schon jetzt deutlich höhere Nebenkosten gibt, wenn Sie uns buchen. Für uns ist der Brexit ein absolutes Desaster.

Schon mal übers Auswandern nachgedacht?

Auch das ist jetzt viel komplizierter, als es früher war. Uns Bürgern sind so viele Möglichkeiten genommen worden. Allein, welche Wege meinen Kindern in so vielen Ländern offen gestanden hätten. Stattdessen sitzen wir alle fest auf dieser Insel. Das ist deprimierend, aber wir müssen das Beste daraus machen, das uns noch bleibt.

Das Interview führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Kyla Brox

wurde am 3. Juni 1980 in Stockport bei Manchester als fünftes Kind des Bluesmusikers Victor Brox geboren. Als Zwölfjährige begann sie in der Band ihres Vaters zu singen. Um die Jahrtausendwende startet sie ihre Solokarriere und veröffentlichte seitdem neun Alben. Am Freitag, 13. März, hätte sie im Rahmen des Festivals Women In (E)Motion in der Worpsweder Music Hall auftreten sollen. Das Konzert fällt aus, weil der Krisenstab des Landkreises Osterholz im Zuge der Bekämpfung der Corona-Epidemie alle Veranstaltungen in dem Club bis Ende März untersagt hat.

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