Der Worpsweder Fotograf Rudolf Dodenhoff Tiefer Schleier

Obwohl sein Vater NSDAP-Mitglied war, galt der Worpsweder Fotograf Rudolf Dodenhoff lange als unbelastet. Nun liegt auf seiner Biografie ein Schleier; der ist tief und braun und nicht abwaschbar.
23.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer

Rudolf Dodenhoff war ein akribischer Mensch. Von dem Worpsweder Fotografen wird gerne die Legende berichtet, dass er bei seinen Landschaftsaufnahmen im Moor immer einen Schwamm und einen Eimer Wasser dabei hatte, um die Birken vor dem Ablichten glänzend weiß zu putzen. Nun liegt auf seiner eigenen Biografie ein Schleier; der ist tief und braun und nicht abwaschbar. Der hochgelobte und erfolgreiche Lichtbildner aus dem Teufelsmoor war während der NS-Herrschaft an wahrhaft teuflischen und menschenverachtenden Aktivitäten beteiligt: Er hat als Fotograf an der sogenannten „rassenkundlichen“ Untersuchung jüdischer Familien in Tarnów im besetzten Polen gearbeitet.

Vier festgelegte Perspektiven

Im März 1942 fotografierte er im Auftrag der beiden Wiener Anthropologinnen Dora Maria Kahlich und Elisabeth Fliethmann in der westgalizischen Stadt, rund 80 Kilometer östlich von Krakau, insgesamt 565 Frauen, Männer und Kinder nach anthropometrischen Vorgaben, also ähnlich wie erkennungsdienstliche Bilder und in vier festgelegten Perspektiven. Die Aufnahmen sollten dazu dienen, „die typischen Vertreter des ursprünglichen galizischen Judentums zu finden“, so Fliethmann. Von der Existenz dieser Bilder, die in Kahlichs Nachlass erhalten blieben, wusste man in Worpswede und anderswo nichts. 1997 entdeckte sie Margit Berner, ebenfalls Anthropologin am Naturhistorischen Museum in Wien, in einer Pappschachtel, allerdings ohne die seinerzeit ebenfalls entstandenen Nacktaufnahmen. Sie recherchierte die Umstände, unter denen die Aufnahmen entstanden waren, ordnete ihnen Namen zu und rekonstruierte über Jahrzehnte zahlreiche Lebensläufe. Unter dem Titel „Letzte Bilder“ veröffentlicht sie nun diese Arbeit. Zeitgleich zeigt die Berliner Dokumentationsstätte Topographie des Terrors eine – aktuell natürlich nicht zugängliche – Ausstellung unter dem Titel „Der kalte Blick“.

Und dieser Blick eröffnet auch einen anderen auf Dodenhoff, der – anders als sein Vater, der Maler Heinz Dodenhoff, – kein NSDAP-Mitglied war und als unbelastet galt. Er war wohl ein Sonderling, vor allem aber war er als Fotograf ehrgeizig, begabt und experimentierfreudig. Er hatte sein Handwerk in München gelernt, ging 1941 nach Krakau, wo er für die Landesbildstelle des Generalgouvernements arbeitete. Im Jahr darauf kam er nach Wien, um unter anderem Völker- und Rassenkunde zu studieren. Er war dort an der „Forschungsstätte für germanisch-deutsche Volkskunde“ tätig. Das Institut gehörte zu der von Heinrich Himmler gegründeten SS-Stiftung „Das Ahnenerbe“. Den Auftrag Kahlichs und Fliethmanns führte der damals 25-Jährigen offenbar zu großer Zufriedenheit aus. Auch wenn er einige, nicht erhaltene Farbfilme wohl unterbelichtete, waren seine Auftraggeberinnen doch angetan: „Noch dazu hat der gute Dodenhoff uns tatsächlich einen Beweis für seine Eignung zum Festhalten der Gesichtsausdrücke geliefert“, berichtete Kahlich begeistert.

Zwangsarbeit und Repressalien

Im Jahr 1939 lebten in dem lange österreichisch geprägten Ort Tarnów rund 25 000 Juden, die ihn auf Jiddisch Tarne nannten. Das war knapp die Hälfte der Einwohner, was auch in Galizien überdurchschnittlich war. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht waren auch die Tarnówer Juden wie überall im Deutschen Reich Repressalien ausgesetzt und wurden zur Zwangsarbeit herangezogen. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verschärfte sich ihre Lage abermals. SS- und Polizeieinheiten begannen auch im besetzten Polen, systematisch zu morden. Ab Oktober mussten Zwangsarbeiter die Vernichtungsstätte Belzec unweit des Orts errichten. Und mit der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 war die Massenvernichtung, zynisch als „Endlösung der europäischen Judenfrage“ betitelt, beschlossen. Kahlich und Fliethmann wussten, für ihr sogenanntes Forschungsprojekt blieb ihnen und ihrem Fotografen Dodenhoff nur ein schmales Zeitfenster, und so begannen sie am 23. März 1942 mit ihrer zweiwöchigen Untersuchung im Generalgouvernement.

Gut zwei Monate nach ihren Arbeiten vor Ort folgte die Vernichtung des jüdischen Lebens in Tarnów. Nachdem zunächst weitere Juden aus der Region in die Stadt umgesiedelt worden waren, ordneten die deutschen Behörden am 10. Juni 1942 die Unterbringung der mittlerweile 30 000 Menschen in einem geschlossenen Getto an. Am Tag darauf trieben SS und Polizeieinheiten die jüdische Bevölkerung auf dem Marktplatz zur ersten von insgesamt vier Massenerschießungen zusammen. Die Überlebenden wurden in die Vernichtungslager des Dritten Reichs deportiert. Von den 565 anthropometrisch verzeichneten Personen, die durch die auf den Erfassungsbögen notierten weiteren Nachkommen auf 631 erweitert werden konnten, haben nachweislich 27 die deutsche Mordmaschinerie überlebt. Dass es so kommen würde, war zumindest Elisabeth Fliethmann schon im Herbst 1942 klar. Sie schreib ihrer Kollegin und Parteifreundin Dora Maria Kahlich im unsäglichen Duktus der Nationalsozialisten: „Unserer Material hat also schon heute Seltenheitswert.“

Tatsächlich bleiben Dodenhoffs Fotos fast ausschließlich die letzten Aufnahmen der Tarnówer Juden, häufig die einzigen überhaupt. Die Berliner Ausstellung hat sie in einen mehrreihigen Kubus an zentraler Stelle des Raums platziert. Die Stirnseiten blieben schwarz, man schaut nur durch schmale Fugen auf die von Entsetzen, Angst und Qualen gezeichneten Gesichter. Wo es gelang, andere Aufnahmen dieser Menschen zu finden, sind diese explizit gezeigt. So soll der Besucher nicht primär die Täterperspektive, sondern vor allem die der Opfer einnehmen können - an einem Ausstellungsort, der gegründet ist auf den Fundamenten der Gestapo- und SS-Reichszentralen.

Von Rudolf Dodenhoff, der 1992 starb, gibt es keine bekannten Zeugnisse aus dieser Zeit. In seinem umfangreichen Nachlass im Kreisarchiv Osterholz-Scharmbeck finden sich zwar einige Aufnahmen aus Polen aus den 1940er-Jahren, die aber keine nachweislichen Verbindungen zur „rassenkundlichen“ Forschung haben. Später wählte er das Schweigen und wusch die Birken rein.

Weitere Informationen

Margit Berner: Letzte Bilder. Hentrich und Hentrich Verlag, Berlin, 292 Seiten, 39 €.

Der Katalog zu Ausstellung: „Der kalte Blick – Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów“, Berlin, 272 Seiten, 18 €. Weitere Infos gibt es online unter www.topographie.de.

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