Interview mit Michael Hatzius „Die Echse ist extrem kontaktscheu“

Fliegen ist der pure Horror, und Küsse mag die Echse auch nicht. Puppenspieler Michael Hatzius erzählt, warum der Macho mit der Lederhaut auch seine ganz empfindlichen Seiten hat.
14.02.2019, 05:30
Lesedauer: 6 Min
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Von Lars Fischer

Wie kam es, dass Sie Puppenspieler geworden sind, Herr Hatzius?

Michael Hatzius: Ich habe Puppenspiel in Berlin an der Hochschule studiert. Dieser Studiengang ist ähnlich wie eine Schauspielausbildung, man hat genauso auch Gesang- und Sprechunterricht, Körperstimmtraining, Akrobatik, Pantomime, szenischen Unterricht, Dramaturgie und so weiter. Darüber hinaus beschäftigt man sich aber eben auch damit, welchen theatralischen Mehrwert es gibt, wenn man Puppen oder Objekte – also unbelebtes Material – ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.

Sie sind also alles auf einmal – Schauspieler, Dramaturg, Techniker und Autor?

Ich bin schon schwerpunktmäßig als Spieler ausgebildet. Aber gerade in der freien Szene sind Puppenspieler oft sehr autark unterwegs, das heißt, dass man vieles eben selber macht. Vieles entwickelt sich aber auch konzeptionell, aber natürlich kann man sich nach Belieben auch einen Regisseur oder einen Ausstatter dazu holen. Ich kann zum Beispiel überhaupt nicht Puppen bauen, andere Kollegen machen auch das selber.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich wollte ursprünglich Schauspieler werden, schon als Kind. Mit 15 Jahren bin ich in Berlin in eine Jugendtheatergruppe gekommen, und unsere Gruppe wurde von Puppenspielern geleitet. Die haben zwar schauspielerisch mit uns gearbeitet, aber dadurch habe ich die Welt der Puppen kennen und lieben gelernt. So kam dann der Entschluss, sich eben für diesen Studiengang zu bewerben.

Wann ist die Echse geboren? Gab es die Figur von Anfang an, oder hat sie sich erst nach und nach im Spiel entwickelt?

Von 2000 bis 2006 war ich an verschiedenen städtischen Theaterhäusern zu Gast, eines davon war das Puppentheater Erfurt. Dort gibt es regelmäßig ein Puppentheaterfestival. Im Jahr 2008 bekam ich dann den Auftrag, eine Figur zu entwickeln, die dieses Festival ein wenig satirisch kommentieren sollte. Da kam mir so ein alter, abgegriffener Theaterintendant, der alles schon gesehen hat und alles besser weiß, in den Sinn. Ich kam dann mit dem Puppenbauer auf die Idee, dem so eine Leguan- oder Dinosauriergestalt zu verpassen. Daraus ist dann die Echse geworden. Das Prinzip funktionierte so gut, dass die Leute meinten, damit könne ich im Grunde alles kommentieren und mich überall einmischen. Das habe ich dann probiert.

Sind die anderen Figuren, wie beispielsweise das Huhn, dann erst später entstanden?

Dieses verklemmte und verschüchterte Huhn, das sozusagen der charakterliche Gegenspieler der Echse ist, gab es schon viel länger. Das hatte ich während des Studiums erarbeitet, während andere Figuren, oft auch aus anderen Stücken, nach und nach dazukamen. Oder ich habe sie neu erfunden, wie etwa die Zecke.

Müssen es immer Tiere sein?

Das hat sich irgendwann so eingespielt. Tiere sind immer eine gute Metapher und eine schöne Spielwiese. Man weiß ja aus Fabeln, dass Menschen sich ganz gerne in Tieren wiedererkennen. Es ist eine gute Distanz da und trotzdem eine totale Nähe, weil es ja auch Lebewesen sind. Wenn sie dann menschliche Züge annehmen, dann kann man das gut nachvollziehen.

So funktionieren ja auch die „Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling. Aber im Unterschied zu den Dialogen, die er mit „seinem“ Tier führt, steht bei Ihnen immer der Monolog im Vordergrund.

Das hängt immer von der Szene ab, ich würde das nicht so radikal sagen. Mit der Zecke trete ich in der Rolle als Märchenprinz ja auch in eine Art Interaktion. Gerade bei meinen Kinderstücken ermöglicht dieses Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Puppe die Erzählebenen. Bei den Comedy-Programmen mit der Echse ist es besser, wenn die Figur alleine im Mittelpunkt steht und ich ihr nur zuarbeite. In anderen Momenten ergibt sich ein spielerischer Mehrwert, wenn ich selber dort mit hinein komme. Da gibt es für mich kein Dogma, ich entscheide das nach dem Potenzial der jeweiligen Szene. Es geht darum, was jeweils gebraucht wird.

Wie anspruchsvoll ist das, was Sie auf die Bühne bringen, von der Spieltechnik her? Sind da Automatismen vorhanden, oder müssen Sie sich disziplinieren?

Man kann das am ehesten mit einem Musikinstrument vergleichen. Wenn man das neu lernt, dann muss man erst mal gucken, wo ist eine schwarze Taste und wo eine weiße, und was passiert, wenn ich hier oder da draufdrücke? Man forscht eine Zeit lang, aber wenn man viele Jahre Erfahrung hat, dann kann man sich ganz unmittelbar ausdrücken, ohne dass man weiter darüber nachdenken müsste. Aber wenn ich eine neue Puppe in die Hand nehme, dann übe ich erst mal vor dem Spiegel und schaue mir an, wie sie wirkt und was sie kann. Was sind die Extreme, was die minimalsten Bewegungen? Das analysiere ich dann sehr akribisch.

Gibt es alle Puppen nur einmal – oder haben Sie eine Ersatzechse?

Es gibt nur die eine wahre Echse. Das ist die eine Puppe, mit der ich von Anfang an alles gemacht habe und die ich auch sehr hüte. Sie schläft nachts nie im Auto, sondern kommt immer mit ins Hotel. Die darf auch keiner anfassen. Und ich passe immer auf, dass sie sich von Lebensmitteln und allen anderen gefährlichen Dingen weit weghält.

Bekommt sie im Flugzeug einen eigenen Sitz?

Fliegen ist hart und schmerzhaft für mich, weil ich sie da tatsächlich aufgeben muss. Dann verschwindet sie auf diesem Förderband für Sperrgepäck, und wenn ich ankomme, dann wird sie eiskalt wieder ausgespuckt. Ich versuche daher, vor allem Umsteigeflüge zu vermeiden, um keine Risiken einzugehen.

Wie verhält es sich mit der Haltung von solchen Reptilien? Ist Ihre Echse sehr pflegeintensiv?

Naja, das Material arbeitet natürlich mit. Das ist vor allem Gummi und Leder. Und gerade an so Berührungsstellen wie an meinem Hals, wo ich auf der Bühne eben auch schwitze, nutzt sich die Puppe ab. Man kann da nicht wirklich viel machen, außer nähen, wenn irgendwo ein Riss entstanden ist. Auch der Handschuh an der linken Hand ist irgendwann abgegriffen – der musste schon einmal erneuert werden. Die Leute wollen die Echse immer gerne anfassen, aber ich versuche das zu vermeiden. Das ist so ein bisschen wie bei Skulpturen, die so oft angefasst werden, dass sie sich dann verfärben. Daher achte ich selber darauf, das Gesicht nie direkt zu berühren. Das ist ein bisschen obskur, weil die Echse ja an sich so ein Macho ist und gerne rumflirtet – aber da ist sie dann ganz empfindlich. Es passiert immer mal wieder, dass jemand aus dem Publikum sie berühren will, und dann ist sie immer ganz schüchtern.

So gesehen ist sie also noch Jungfrau?

Es ist einmal passiert, dass eine Besucherin sie spontan geküsst hat. Danach war dann ihr Lippenstift im Leder abgedrückt. Das war der Horror! Die Echse sah aus, als ob sie Spaghetti gegessen hätte oder ganz blutverschmiert im Gesicht wäre. Das kriegt man nicht mehr weg. Deshalb ist die Echse, was ihren Kopf betrifft, extrem kontaktscheu.

Ansonsten ist sie aber sehr renitent, oder?

Ja, sie ist vor allem sehr ausdauernd. Der Ansatz war ja mal, jemanden zu schaffen, der sich gut auskennt: Da ist jemand von Anfang an auf der Welt und weiß alles. Das ist ja eine sehr potente Haltung, um daraus Komik zu generieren. Der Charakter entwickelte sich dann aus dem Spiel heraus. Ich lege meine Figuren gar nicht groß vorher an, sondern ich habe erst die Puppe und fange dann an zu spielen. Dann ergibt sich, wie sie klingt. Aus dem ersten Ton wird das erste Wort, aus dem ersten Wort der erste Satz. Daraus entstehen eine Haltung und ein Gestus.

Ertappen Sie sich manchmal dabei, dass Sie außerhalb der Bühne gar nicht wie Michael Hatzius, sondern wie die Echse reagieren?

Nein, das passiert mir nie. Es ist natürlich eine Frage, wie viel von meinem Charakter steckt in der Echse oder dem Huhn oder der Zecke? Vielleicht haben die alle auch Anteile von mir – oder auch nicht, und es ist alles nur Fantasie. Es ist aber auf keinen Fall so, dass es ins Psychopathische geht. Das ist für mich als darstellenden Künstler ein bewusster Vorgang, den ich aus beruflichen Gründen zu festen Zeitpunkten beginnen und beenden kann. Es ist nicht pathologisch!

Träumen Sie manchmal von der Echse?

Selten. Wenn ich kurz vor einer Premiere stehe, dann träume ich eher von dem Theaterereignis als solchem. Dinge wie: Ich muss auf die Bühne und weiß nicht, wohin.

Warum haben Sie diesen Beruf gewählt?

Weil ich Lust am Spielen habe und daran, die Welt zu beobachten. Das sauge ich wie ein Schwamm auf, und dann kann ich es gefiltert wieder zurückgeben. Damit erzählt man eine Menge über die Welt, in der wir leben, obwohl es eine ganz andere Kreation ist.

Das Interview führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Michael Hatzius (36)

ist Diplom-Puppenspieler und tritt seit 2011 mit seiner Echse als Hauptfigur und anderen Tieren in abendfüllenden Programmen auf. An diesem Freitag, 15. Februar, ist er ab 20 Uhr mit seiner Show „Echsoterik“ in der Worpsweder Music Hall, Findorffstraße 22, zu Gast. Karten zum Preis von 25 Euro sind noch bei den Vorverkaufsstellen oder an der Abendkasse erhältlich.

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